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Prof. Dr. Christoph FrankIstituto di storia e teoria dell'arte e dell'architettura (ISA), Accademia di architettura, Università della Svizzera italiana, Largo Bernasconi 2, CH - 6850 Mendrisio, Switzerland, http://www.isa.arc.usi.ch

Lay summary

Im Jahr 2014 ist in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe eine spektakuläre Neubestimmung gelungen: Zwei Alben mit insgesamt 297 Zeichnungen können seither dem römischen Künstler, Architekten, Theoretiker, Antiquar und Antikenhändler Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) und vor allem seiner Werkstatt zugeordnet werden; bis dahin galten sie als Werke des Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner (1766-1826). Diese Entdeckung eröffnet die Chance auf eine umfassende Neubewertung des künstlerischen Werkes von Piranesi, das im Fokus des seit 2018 geförderten Projektes steht: Der Fund umfasst die gesamte typologische Breite im zeichnerischen Werk Piranesis - von den frühen capricci bis zu den archäologischen Darstellungen des Spätwerks.

Von Anfang an zeichnete sich ab, dass die inhaltliche Breite des neu zugeordneten Bestandes geographisch weit über Karlsruhe hinausreichte, zumal sich zahlreiche Gegendrucke und Kopien von Karlsruher Blättern in den Nachlässen von Architekten des 18. und 19. Jahrhunderts identifizieren liessen, die heute in internationalen Sammlungen bewahrt werden (London, Paris, New York, Besançon, Kopenhagen, los Angeles oder Dessau). Sie bezeugen die große internationale Verbreitung und den Einfluss von Piranesis Zeichnungen, der jetzt neu zu bewerten ist. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt, an dem Kunsthistoriker und Restauratoren beteiligt sind, wird die komplexen Zusammenhänge offenlegen, in denen die Karlsruher Zeichnungen entstanden sind. Schlüsselfragen betreffen die Autorschaft Piranesis bzw. der Mitarbeiter seiner Werkstatt, Typus, Funktion und Technik der Zeichnungen, die Werkstattpraxis sowie die Benutzungsspuren und die Konservierung; darüber hinaus wird nach Piranesis Bedeutung für die zeitgenössische römische Graphik- und Buchproduktion gefragt, auch im Hinblick auf ihre weiträumige Verbreitung. Das methodisch innovative Forschungsprojekt wird erstmals die Karlsruher Alben in Piranesis Werk einbetten und deren Bedeutung für die europäische Kunstgeschichte sichtbar machen, die vor allem auch in der bislang nahezu unbekannten zeichnerischen Dissemination von Piranesis zu suchen ist.