Lead
Sebastian Brant hat mit seinem 'Narrenschiff' (1494) ein Schlüsselwerk der Frühen Neuzeit geschaffen, das die medialen Innovationen des Buchdrucks kompositorisch nutzt, indem aus graphisch strukturierten Textelementen in Kombination mit Holzschnitten ein sinnstiftendes Ganzes geschaffen wird. Das Modell wurde richtungsweisend für weitere Textsorten und eröffnete perspektivenreiche Möglichkeiten gedruckter Kommunikation.

Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Im Zentrum des Projekts stehen Fragen, wie der humanistische Gelehrte den mit der Erfindung des Buchdrucks initiierten medialen Wandel in Latein und Volkssprache prägte. Indem die zeitgleich zum 'Narrenschiff' entstandene lateinische poetische Produktion Brants mit in den Fokus gerückt wird, kommt das Projekt einem lange bestehenden Forschungsdesiderat entgegen. Untersucht werden die Strukturen der Text-Bild-Konfigurationen: einerseits mit Blick auf die Narrenkonzeption, welche unter genderspezifischer Perspektive analysiert und in ihrer unmittelbaren Nachwirkung bei Johann Geiler von Kaysersberg und bei Thomas Murner beleuchtet wird; andererseits hinsichtlich Brants lateinischer Gedichte, welche im Rahmen von Textsorten Relevanz gewinnen, die genuin mit der Erfindung des Buchdrucks zusammenhängen: Zu nennen sind das Flugblatt, das paratextuell verwendete Einlei­tungsstück sowie die konzeptuell arrangierte, in sich geschlossene Textsamm­lung. 

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Der im Falle Brants frappierenden Disparität von Pub­likationsformen, Kontextbildungen und diskursiven Rahmenbedingungen wird in diesem Projekt Rechnung ge­tragen durch eine methodische Zusammenführung von editionsphilologischer Materialerschließung, formen- und wissensgeschichtlicher Kontextualisierung sowie der diskursanalytischen Reflexion von sozial- und gender­spezi­fischen Wirkungsstrategien und Rezeptionsweisen. Die Verklammerung mediengeschichtlicher mit gattungspoetischen Überlegungen sowie mentalitäts- und bildungshistorischen Aspekten wird für die interdisziplinäre Frühe Neu­zeit-Forschung vielfältige Anknüpfungspunkte für Folgestudien bieten.