Lead
In nahöstlichen Kontexten war der Philosophiebegriff als Wissens- und Ordnungsbegriff seit jeher mit einer holistischen Semantik belegt und galt der als «eigene Tradition» empfundenen Wissensordnung inhärent. Der Materialismus wurde in erster Linie nicht in Bezug auf das geltende Wissenschaftsparadigma im engeren Sinne zum Kernproblem, sondern hinsichtlich der Totalität der tradierten Wissensordnung; letztere war durch den arabischen Wissensbegriff ??? (ilm) abgesteckt. Folglich ging es beim Materialismusstreit im Osmanischen Kontext um nichts Geringeres als um die Auseinandersetzung mit ebendieser Wissensordnung, welche notwendigerweise andere Ordnungsbegriffe sowie weitere normative Konzepte wie beispielsweise Religion, Moral, Nation, Staat usw. tangierte.

Lay summary

Angesichts des positivistischen Wissenschaftsparadigmas im Europa des 19. Jahrhunderts mussten die Daseinsberechtigung der Philosophie, ihr Erkenntnisanspruch sowie ihre Methode neu ausgehandelt werden. Viele forderten ihre Unterordnung unter das neue Wissenschaftsideal und sprachen ihr eine eigenständige Epistemologie ab. In diesem Klima entfaltete sich im Europa des 19. Jahrhunderts auch der sogenannte Materialismusstreit. Die prominentesten Materialisten stilisierten die wissenschaftlichen Erkenntnisse öffentlich zu einer Weltanschauung hoch. Die Gegner, oft selbst Naturwissenschaftler, lehnten diese kausale Verflechtung der Wissenschaft mit den spekulativen Aspekten des Materialismus ab.

Das Dissertationsprojekt «Materialismusstreit auf Osmanisch» untersucht die wissens- und sozialgeschichtliche Ausprägung dieses Diskurses in den letzten Dekaden des Osmanischen Reiches, d. h. in einer für die institutionelle Etablierung der Philosophie konstitutiven Phase, bis zur Gründung der Republik Türkei. Dabei geht es von der Initialbeobachtung aus, dass im Osmanischen Reich die Frage nach der Existenzberechtigung der Philosophie vor dem Hintergrund des empirisch-positivistischen Wissenschaftsverständnisses mit sozialkonstitutiven Programmen einer neuen intellektuellen Klasse intrinsisch verbunden war; letztere entstand im Zuge der kontinuierlichen Bildungsreformen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts graduell und prägte später die ideologischen Entwicklungen sowohl während als auch nach der Republikgründung.

Das Projekt liest den Materialismusstreit in dessen osmanisch-türkischer Ausprägung daher als ein primär personaler und sozialkonstitutiver Diskurs. Dabei geht es zum einen um die wissenschaftliche Aufarbeitung der epistemischen Situation der nahöstlichen Moderne beziehungsweise der sozialkonstitutiven Wechselwirkung zwischen der positivistischen und der tradierten «islamischen» Wissensordnung. Zum anderen geht es auch um die allgemeine Frage, welche sozialen, historischen und konzeptuellen Faktoren die Evolution der Philosophie ermöglichen respektive begünstigen. Sowohl die Frage nach der Universalität der Philosophie als auch nach der Legitimität partikulärer philosophischer Traditionen prägen bis heute die akademische Philosophie in der Türkei und dem Nahen Osten.