Lead
In der Gattungsdebatte um das Epos um 1800 wird ein alternativer Zugriff verortet auf sublime Tendenzen des Widerständigen im Klassizismus, die sich als Anschluss an die ästhetische Moderne lesen lassen. Das monolithische Bild der deutschen Klassik soll so um eine Perspektive erweitert werden, die ihr die normativen Aspekte nicht abspricht, aber innere Spannung sichtbar macht, die zur Revision von Gattungs- und Epocheneinteilung führen.

Lay summary

Das Forschungsprojekt untersucht die Bemühungen um das Epos an der Epochenschwelle um 1800 und sieht in dieser vielstimmig geführten gattungstheoretischen Debatte Tendenzen im Klassizismus, die sich als Anschluss an die ästhetische Moderne lesen lassen. Die modernen Eposdiskussionen am Anfang des 20. Jahrhunderts von Musil, Döblin und Benjamin zeigt ein episches Erzählen auf, dem zeitdiagnostische und zeitkritische Funktionen inhärent sind. Damit reagieren sie direkt auf die Erfahrung einer prekären, beschleunigten Lebenswelt, wie sie die Moderne kennzeichnet. Das Projekt will aufzeigen, dass diese Tradition an einen früheren Zeitpunkt zurück verfolgt werden kann: Nämlich in die Eposdebatte der Klassik. Bereits um 1800 wird das Epische zum Reflexionsort der zeitgenössischen Krisenerfahrung eines Zeitenbruchs. Die Disseration will aufzeigen, dass gerade Goethes Epos-Projekt, dem oft die grösste klassizistische Normativität attestiert wird, eine spezifisch historische Aussagekraft und zeitgeschichtliche Diagnostik anhaftet. Die überschlagenden politischen Ereignissen der französischen Revolution bewirken eine gesamteuropäische Erschütterung des Zeit- und Sozialgefüges und auch in Deutschland müssen die politischen und sozialen Kategorien plötzlich neuverhandelt werden. Die intensive poetolgische Diskussion um das Epische in der Klassik, seine formale Bestimmung sowie die konkreten epischen Werke werden als Verweis auf diese inneren Spannungen gelesen. Dieser neue Blickwinkel soll einen sensiblen, selbstdiagnostischen und selbstkritischen Klassizismus sichtbar machen, der nicht immun ist gegen historische Veränderungen, sondern sie abbildet und reflektiert.

Das Forschungsinteresse gilt somit den konstitutiven Zusammenhängen von gesellschaftlichen Veränderungen und literarischer Form, die theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Epos bei Goethe und Schiller, Humboldt, schliesslich auch Hegel und den epischen Werken Goethes der 1790er Jahre bilden dazu das Hauptkorpus.