Lead
Hongkongs vielschichtige Kulturgeschichte fand bisher international nur wenig wissenschaftliche Beachtung. Ziel dieses Projekts ist die Untersuchung eines Textkorpus sinophoner Bildungsromane, der als paradigmatisch für die literarische Produktion im kolonialen Hongkong betrachtet werden kann und dessen Autoren um die Zeit der Gründung der VR China (1949) von dort nach Hongkong übersiedelten.

Lay summary

In den 1950er Jahren erfuhr Hongkong einen beispiellosen Zustrom von Flüchtlingen, darunter auch viele Intellektuelle. Diese southbound literati mussten sich mit Gelegenheitsarbeiten ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, bevor sie ihre vormaligen kulturellen Tätigkeiten wieder aufnehmen konnten: schon bald publizierten sie wieder und gründeten selbst Zeitungen, Zeitschriften sowie kleinere Verlage. In der politisch wie ökonomisch angespannten Atmosphäre der 50er Jahre begegneten sie kolonialer Arroganz, den Ängsten und Feindseligkeiten des Kalten Krieges sowie einem Nebeneinander von divergierenden Orientierungen, Normen und Werten. Dieses Projekt untersucht, wie solche Erfahrungen in Adoleszenz-Erzählungen ausgehandelt wurden, deren Ursprung in der kulturellen Modernisierungsbewegung des Vierten Mai (1919-1937) liegt. Unsere Textauswahl soll mit den Methoden der Erzähltheorie, Sozialgeschichte und Diskursanalyse untersucht werden und Aufschluss darüber geben, wie eine Tradition chinesischer Bildungsromane an anderem Ort fortgesetzt und modifiziert wurde.

Wir erhoffen uns Einsicht in die Verflechtungen zwischen globalen und lokalen Machtfaktoren, welche an den Rändern des britischen Imperiums und des chinesischen Nationalstaats die Bildung einer alternativen Moderne ermöglichten. Der Fokus auf die gesellschaftlichen Widersprüche vor Ort – beispielsweise zwischen kolonialer Ausschliessung und kapitalistischen Erfolgsgeschichten, Revolution und Restauration, Überlebenskämpfen und ästhetischen Experimenten, persönlichen Krisen und sozialer Fragmentierung – wird einen substantiellen Beitrag zur Geschichte Hongkongs als kultureller Kontaktzone leisten. Darüber hinaus hinterfragt das Projekt den Genrebegriff für eine globalisierte literarische Ausdrucksform, die ihrem europäischen Vorbild zwar viel verdankt, im Kontext vergleichbarer post-/kolonialer Studien aber womöglich treffender als Transformations-Roman bezeichnet werden könnte.