Lead
Das Projekt untersucht die schweizerische Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert. Im Zentrum stehen Naturheilkunde, Freikörperkultur, Ernährungsreform und Vegetarismus, in denen mit unterschiedlichen Praktiken lebensreformerische Vorstellungen und Ziele umgesetzt wurden. Berücksichtigt werden auch peripher gelagerte lebensreformerische Einflüsse, so in der Reformpädagogik, der Antialkohol- und Gartenstadtbewegung, bis hin zur Ökologiebewegung und zum alternativen Milieu der 1970er Jahre.

Lay summary

Das Forschungsprojekt geht davon aus, dass die Lebensreformbewegung in enger Wechselbeziehung zu Entwicklungen der Industrialisierung, Urbanisierung und Technisierung stand, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Alltag und Gesellschaft grundlegend verändert haben. Mit der Idealvorstellung eines «naturgemässen» und «gesunden» Lebens vor Augen, setzte sich die Lebensreformbewegung für eine Umgestaltung der Ernährung, Medizin, Körperpflege, Erziehung, Freizeitgestaltung usw. ein. Um die Lebensreformbewegung als soziale Bewegung zu erfassen, werden nicht nur die vielfältigen Akteure und damit das personelle und organisatorische Geflecht untersucht, sondern auch die Bedeutung emotionaler und kognitiver Dispositionen als Voraussetzung für Zusammenhalt und Dynamik der Bewegung beleuchtet. Es geht auch darum, bestimmte Deutungsmustern zu ergründen, die für lebensreformerische Problemdiagnosen und Krisenbeschreibungen prägend waren und in denen Natur, Körper und Gesundheit zentrale Repräsentationsorte darstellten. Wichtiger Teil der Forschungsarbeit ist schliesslich die Untersuchung von transnationalen Beziehungsnetzen und damit verbundenen Transfer- und Zirkulationsprozessen.

 

Das Projekt verbindet neue Perspektive der sozialen Bewegungsforschung mit kultur- und sozialgeschichtlichen Ansätzen. Methodische und theoretische Anknüpfungspunkte bestehen vor allen bei der in den letzten Jahren intensivierten internationalen Forschung zur Lebensreformbewegung, die sich mit Fragen zu kulturellen Transfers, transnationalen Netzwerken und Körperpolitik befasst. Die Ergebnisse der Forschung sollen dazu beitragen, aktuellen Diskussionen zu vegetarischer Ernährung, Alternativmedizin, Kritik an Alkohol- und Tabakkonsum und der zunehmenden Sorge um Körper und Gesundheit eine historische Tiefendimension zu verleihen.