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Lay summary
In den letzten vierzig Jahren hat sich in der Schweiz der Antagonismus zwischen den autochthonen Sprachgruppen verstärkt. Gleichzeitig führte die zunehmende Migration zu einer weiteren sprachlichen und kulturellen Diversifizierung der traditionell multikulturellen Gesellschaft. Das vorliegende Forschungsprojekt untersucht die Positionen politischer Parteien in der Schweiz zur Sprachenpolitik gegenüber autochthonen und allochthonen Minderheiten seit den 1960er Jahren und damit die Rolle der Parteien in Identifikationsprozessen kultureller Gruppen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Sprache als wichtiges Element kollektiver Identität präsentiert und instrumentalisiert wird, wobei diese Identität je nachdem, ob sie sich an autochthonen oder allochthonen Sprachgruppen orientiert, unterschiedlich konzipiert werden kann.Mit dem Forschungsprojekt verfolgen wir vier Hauptziele. Zunächst geht es um die Untersuchung und Kontrastierung der Positionen von einzelnen Parteien zu autochthonen und allochthonen Sprachgruppen und deren Sprachen. Zweitens untersuchen wir die Stellungnahmen der Parteien zur traditionellen Sprachenpolitik gegenüber autochthonen Minderheiten und zur neuen Sprachenpolitik gegenüber allochthonen Minderheiten, die sich vor allem im Bereich der Migrationspolitik finden lässt. Durch diese kombinierte Analyse versuchen wir aufzuzeigen, wo sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Sprachenpolitiken festmachen lassen. Anhand der Positionen der Parteien zur traditionellen Sprachenpolitik und zur Migrationspolitik werden wir drittens analysieren, inwieweit und wie politische Parteien Sprache als identitätsstiftende kulturelle Kategorie instrumentalisieren. Viertens geht es um die Beantwortung der Frage, welche Funktion politische Parteien im Konstruktionsprozess kollektiver Identitäten einnehmen.Die geplante Forschungsarbeit analysiert die Stellungnahmen politischer Parteien in sprachen- und migrationspolitischen Debatten und Entscheidungsfindungsprozessen sowohl auf der nationalen Ebene als auch in ausgewählten Kantonen und Gemeinden. Dabei wird angesichts der Komplexität des Forschungsfeldes ein interdisziplinärer Ansatz angewendet, der sozialwissenschaftliche mit historischen Methoden kombiniert. Auf nationaler Ebene sowie in Kantonen und Gemeinden werden aussagekräftige Debatten im Bereich der Sprachen- und der Migrationspolitik ausgewählt, die als Folge von Ereignissen wie parlamentarischen Vorstössen oder Verfassungs- und Gesetzesänderungen in der politischen Öffentlichkeit geführt wurden. Zu diesen Debatten wird ein umfassender Quellenkorpus erstellt, der sich aus von politischen Parteien verfassten Wahlprogrammen, Grundsatzpapieren, Stellungnahmen in Vernehm-lassungsverfahren etc. zusammensetzt. Anhand einer stringenten Typologie werden wir anschliessend die Forschungsergebnisse synthetisieren.Das Projekt wird Ergebnisse zu zwei für die Schweiz weitgehend neuen Forschungsgebieten liefern: Zum einen werden die Positionen der Parteien in sprachenpolitischen Debatten und damit verbundenen Konstruktionsprozessen kollektiver Identitäten erfasst. Zum anderen nehmen wir eine kombinierte Analyse der traditionellen und der neuen Sprachenpolitik vor. Da beide Forschungsgebiete auch für andere traditionell mehrsprachige Staaten mit einer Zunahme von Sprechern allochthoner Sprachen relevant sind, erhoffen wir uns, das internationale wissenschaftliche Interesse am Fall Schweiz weiter zu stärken. Schliesslich ist angesichts der andauernden Herausforderungen in der Sprachen-, Migrations- und Integrationspolitik auch davon auszugehen, dass die Forschungsergebnisse zahlreichen Adressaten in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik wichtige Anregungen liefern werden im Hinblick auf ein Konfliktmanagement bei sprachenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Sprachgruppen oder in Fragen der Integrationspolitik.