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Von Träumen, Tempeln und Tränen - Zur Bedeutung buddhistischer Religiosität im Alltag thailändischer Heiratsmigrantinnen in der Schweiz

English title Of Dreams, Temples and Tears - The Relevance of Buddhist Religiousness in the Daily Life of Female Thai Marriage Migrants in Switzerland
Applicant Zimmermann Andrea
Number 172282
Funding scheme Doc.CH (until 2020)
Research institution Religionswissenschaftliches Seminar Universität Luzern
Institution of higher education University of Lucerne - LU
Main discipline Religious studies, Theology
Start/End 01.04.2017 - 31.05.2021
Approved amount 239'964.00
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Keywords (11)

Intercultural Families; Gender; Migration; Transnationalism; Identity; Binational Couples; Religion; Bireligious Couples; Marriage Migration; Buddhism; Thai

Lay Summary (German)

Lead
Heiratsmigrantinnen aus Thailand haben mit vielfältigen Schwierigkeiten zu kämpfen und entwickeln verschiedene Strategien, um einen Umgang mit migrationsbezogenen Problemen und psychisch-emotionalen Belastungen zu finden. Im Fokus der ethnographisch ausgerichteten Untersuchung steht der Beitrag, den thai-buddhistische Deutungssysteme, Handlungspraktiken und Formen der Vergemeinschaftung zur Alltagsbewältigung in der Schweiz leisten können.
Lay summary

Neben ihren persönlichen Beweggründen, einen Farang (Thai für ‹Ausländer›) zu heiraten, war es für die befragten Thailänderinnen vor allem der Traum nach einem besseren Leben, der sie in die Schweiz geführt hat. Vor dem Hintergrund der Problemfelder, mit denen sie nach der Migration konfrontiert werden, können die Migrantinnen in religiösen Kontexten – darunter auch in den hier vorzufindenden thai-buddhistischen Tempeln – Zuflucht, Rückhalt und Unterstützung finden.

Die bei den Thailänderinnen vorgefundenen intrapsychologischen und psychosozialen Motivationen für religiöse Aktivitäten sind vielfältig und gehen jeweils mit verschiedenen Schwerpunkten in der Religionspraxis einher, die sich je nach dem unterscheiden, ob die Frauen im religiösen Kontext nach Trost, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe oder nach Wohlbefinden, Spiritualität und Selbstheilung suchen. Der Umgang mit der religiösen Tradition lässt sich dabei stets in einem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Transformation verorten.

Bewahrendes Coping ist bei Akteurinnen beliebt, die mit ihrer Lebenssituation unzufrieden sind und sich eine Remigration nach Thailand wünschen. Die Aufrechterhaltung ihrer traditionellen religiösen Bezüge ist für sie ein effektiver Weg, um migrationsbezogene Probleme zu überwinden. Transformatives Coping spricht Akteurinnen an, die im Rahmen psychisch-emotionaler Belastungen zu neuer Lebensqualität finden wollen. Sie praktizieren einen modernistischen Buddhismus innerhalb von Erneuerungsbewegungen, in welchen das Studium der buddhistischen Lehre und die Meditationspraxis besonders wichtig sind. Während religiöse Bindungen dabei für einige Frauen an Bedeutung gewinnen, distanzieren sich andere zunehmend von organisierten Formen der religiösen Praxis. Sie pflegen eine autonomere und von Mönchen unabhängigere Religiosität, deren Ausübung sich von den Tempeln in den privaten Raum verschiebt.

Direct link to Lay Summary Last update: 11.06.2021

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Dr. Pataya Ruenkaew (Bielefeld) Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Prof. Dr. Dr. Manfred Hutter (Universität Bonn) Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Universität Luzern Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Dating, Ehe, Religion Individual talk Religiöse Praxis thailändischer Heiratsmigrantinnen 06.05.2021 Universität Zürich, Switzerland Zimmermann Andrea;
Religionswissenschaftliches Forschungskolloquium Individual talk Religiöses Coping 31.03.2021 Universität Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Neue Studien zur Religion und Migration Individual talk Ressourcen zur Bewältigung migrationsbezogener Probleme 20.05.2020 Universität Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Einführung in die Ethnologie Südostasiens Individual talk Heiratsmigration aus Thailand 04.05.2020 Universität Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Religion in der Diaspora Individual talk Heirats- und Migrationsmotive von Thaifrauen 22.05.2019 Universität Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Religion und Migration Individual talk Heiratsmigration von Thailänderinnen 10.10.2018 Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Wandel der Familie im Kontext von Migration und Globalisierung Individual talk Eine Familie - zwei Religionen: Loyalitätsdilemmas in thailändisch-schweizerischen Ehen 27.09.2017 Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;
Religionsforschung- und theorie Individual talk Bedeutung von Religion für thailändische Heiratsmigrantinnen in der Schweiz 18.09.2017 Luzern, Switzerland Zimmermann Andrea;


Self-organised

Title Date Place
Migration, Religion und Partnerschaft 28.04.2020 Universität Luzern, Switzerland

Knowledge transfer events

Active participation

Title Type of contribution Date Place Persons involved
Global Science Film Festival Talk 16.11.2019 Zürich, Switzerland Zimmermann Andrea;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: radio, television Eine Familie – zwei Religionen SRF German-speaking Switzerland 2017
Media relations: radio, television Mit einer Stimme – interkulturelles Singen SRF German-speaking Switzerland 2017

Abstract

Im Rahmen des Forschungsprojekts gewähren neun Heiratsmigrantinnen aus Thailand einen Einblick in ihre Lebensstrategien zum Umgang mit migrationsbezogenen Problemen und psychisch-emotionalen Belastungen. Im Fokus der qualitativen, ethnographisch ausgerichteten Untersuchung steht dabei der Beitrag, den thai-buddhistische Deutungssysteme, Handlungspraktiken und Formen der Vergemeinschaftung zur Alltagsbewältigung in der Schweiz leisten können.Wie sich im Rahmen der Untersuchung zeigt, spiegeln sich in den Migrationsgeschichten der Thailänderinnen eine Reihe von strukturell bedingten Problemen, die mit ihrem spezifischen Herkunftskontext im Isaan, dem Nordosten Thailands, verbunden sind. Neben ihren persönlichen Beweggründen, einen Farang (Thai für ‹Ausländer›) zu heiraten, waren diese nicht weniger wichtig für die Heirats- und Migrationsentscheidungen der Interviewpartnerinnen, die mit ihrem Wegzug dem Traum von einem besseren Leben folgen. Ihr Wille, die zurückgelassenen Familien aus der Ferne zu unterstützen, ist dabei genauso charakteristisch für die Heiratsmigrantinnen, wie ihr Wunsch, in einer späteren Lebensphase wieder zu dieser zurückzukehren.Beides hat einen Einfluss auf ihre Lebensgestaltung in der Schweiz. Viele der Interviewpartnerinnen verbringen einen Grossteil ihrer Freizeit in transnationalen Räumen, die durch die thailändische Kultur und Religion geprägt sind. Sie bieten den Frauen eine Basis für die Pflege heimatlicher Bezüge wie auch die Vergemeinschaftung mit anderen Thaifrauen und thailändisch-schweizerischen Paaren. Letzteres ist auch den Ehemännern ein besonderes Bedürfnis, die sich eine Auswanderung wünschen. Die finanzielle Absicherung der Zukunft, die ihnen den Ruhestand in Thailand ermöglichen soll, nimmt innerhalb der Partnerschaften grossen Raum ein - und geht bei vielen Frauen mit Enttäuschungen darüber einher, dass sich das Leben in der Schweiz nicht so einfach gestaltet, wie sie es sich vorgestellt hatten. Mangelnde berufliche Qualifikationen wie auch Sprach- und Verständigungsprobleme erschweren den Zugang zum Arbeitsmarkt und verstärken die Abhängigkeit vom Ehepartner.Sprach- und Verständigungsprobleme wie auch ein auf innerethnische Kontakte und den Ehepartner beschränktes Sozialleben tragen dazu bei, dass einige Interviewpartnerinnen nur über einen eingeschränkten Bewegungshorizont innerhalb der Gesellschaft verfügen und sich unzufrieden mit ihrer Lebenssituation fühlen. Vor dem Hintergrund der Problemfelder, mit welchen sie in ihrem Alltag konfrontiert werden, sind die in der Studie beschriebenen Strukturelemente der ethnischen Kolonie umso wichtiger. Angesichts den mit der fremd-kulturellen Umgebung einhergehenden Verunsicherungen können sie hier Zuflucht, Rückhalt und Unterstützung finden, wobei ihnen verschiedene Institutionen als Ressourcen zur Alltagsbewältigung zur Verfügung stehen. Darunter fallen auch die in der Schweiz vorzufindenden thai-buddhistischen Tempel.Die bei den Akteurinnen vorgefundenen intrapsychologischen und psychosozialen Motivationen für religiöse Aktivitäten sind sehr vielfältig. Häufig ist es eine Zusammenführung verschiedener Interessen, die sich ergänzen und zugleich relativieren. Es kann zwischen nibbanischen (Erlöschung des Selbst), kammischen (Verbesserung der Lebensumstände) und apotropäischen (Abwehr von Unheil) Motivationen unterschieden werden, die jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der religiösen Praxis einhergehen. Die Präferenzen der Akteurinnen unterscheiden sich je nachdem, ob sie im religiösen Kontext nach Trost, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe oder nach Wohlbefinden, Spiritualität und Selbstheilung suchen.Für die erste Gruppe sind kammisch und apotropäisch motivierte Praktiken besonders attraktiv, die dem «traditionalistischen Buddhismus» zuzuordnen sind. Ihre religiöse Praxis ist vor allem auf den Thai-Tempel in Gretzenbach SO ausgerichtet, wo traditionelle Rituale zum Erwerb religiöser Verdienste ausgeübt werden. Dabei ist der Tempel für die Akteurinnen nicht nur im religiösen Sinne eine wichtige Anlaufstelle, sondern auch als sozialer Treffpunkt und Schauplatz von Isaan-Folklore. Für die zweite Akteurinnen-Gruppe ist der Tempel in Gretzenbach hingegen weniger attraktiv. Ihnen sind insbesondere nibbanisch motivierte Praktiken wichtig, wobei das Studium der buddhistischen Lehre und die Meditationspraxis besonders hervorgehoben wird. Ihnen sind mentale Techniken zur Stressreduktion wichtiger als traditionelle Rituale und der Rückhalt einer sozialen Gruppe. Das Dhamma-Studium und die Meditationspraxis sind als Ausdruck eines «modernistischen Buddhismus» zu verstehen und werden als Praktiken für Laienbuddhist:innen innerhalb thai-buddhistischen Erneuerungsbewegungen besonders gefördert. So etwa im Wat Dhammapala in Kandersteg BE und bei der Dhammakaya-Bewegung in Arni BE.Wie sich bei der Analyse von Copingprozessen zeigt, haben die befragten Thailänderinnen sehr unterschiedliche Wege gefunden, um mit migrationsbezogenen Problemen und psychisch-emotionalen Belastungen umzugehen. Dabei ist die religiöse Tradition nicht für alle gleichermassen von Bedeutung. Copingprozesse werden durch die grundlegenden Mechanismen von Bewahrung und Transformation gestaltet, die in diesem Sinne auch die Problemlösungsprozesse der Akteurinnen beeinflussen. Im religiösen Kontext ist bewahrendes Coping insbesondere bei Frauen beliebt, die mit ihrer Lebenssituation in der Schweiz unzufrieden sind und sich eine Remigration nach Thailand wünschen. Die Aufrechterhaltung religiöser Bezüge innerhalb der ethnischen Kolonie ist für sie ein effektiver und einfach zugänglicher Weg der Alltagsbewältigung, der es ihnen erlaubt, religiöse, soziale und persönliche Ziele miteinander zu verbinden. In wenigen Fällen lässt sich beobachten, dass diese Form des Coping als Mobilitätsfalle negative Einflüsse auf die Integration der Migrantinnen ausübt. In der Mehrheit der Fälle war sie hingegen eine wertvolle Unterstützung im Prozess des Heimischwerdens in der Schweiz und Grundlage dafür, sich später der Residenzgesellschaft anzunähern und auch alternative Strategien ausserhalb des ethnisch-religiösen Kontextes zu verfolgen.Transformatives Coping spricht Akteurinnen an, die im Rahmen psychisch-emotionaler Belastungen zu neuer Lebensqualität finden wollen, wobei für sie die Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit im Vordergrund steht. Im Rahmen des Coping haben sie mit dem Dhamma-Studium und der Meditationspraxis begonnen, womit für sie thai-buddhistischen Erneuerungsbewegungen attraktiv wurden. Die damit einhergehende Umdeutung bestehender Glaubensvorstellungen und -praktiken übt gemäss den Interviewpartnerinnen einen positiven Effekt auf verschiedenste Lebensbereiche aus. Während religiöse Bezüge für diese Frauen an Bedeutung gewinnen, lässt sich bei anderen eine Transformation in die gegensätzliche Richtung feststellen, wobei sie sich nicht vom Buddhismus selbst, sondern viel mehr von organisierten Formen der religiösen Praxis distanzieren. Sie pflegen eine autonomere Religiosität, die sich von den Tempeln in den privaten Raum verschiebt. Kennzeichnend ist dabei, dass die Akteurinnen die moralische Integrität und Autorität von Mönchen in Frage stellen, womit traditionelle religiöse Hierarchien für sie an Bedeutung verlieren. Wichtiger als diese zu unterstützen ist ihnen, sich im Rahmen eines «Engaged Buddhism» für einen weltzugewandten Buddhismus einzusetzen und damit zu einer Verbesserung sozialer, politischer und ökologischer Missstände beizutragen. Interviewpartnerinnen, welche diese Form des Coping betreiben, verfügen über einen höheren Bildungsstand als die anderen Frauen in der Stichprobe und sind auch ausserhalb der ethnischen Kolonie in gesellschaftliche Strukturen integriert. Sie zeigen sich mit ihrer Lebenssituation zufriedener und können sich eine Remigration nach Thailand in der Regel nicht oder nur unter bestimmten Umständen vorstellen.
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