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"Moleküle jagen" - Eine wissenschaftsphilosophische Studie zur pharmazeutischen Forschung in der industriellen Arzneimittelentwicklung

English title "Chasing Molecules" - A Philosophical Study of Pharmaceutical Research in Industrial Drug Discovery
Applicant Baier Sabine
Number 186632
Funding scheme Return CH Postdoc.Mobility
Research institution Institut für Philosophie Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline Philosophy
Start/End 01.07.2019 - 31.08.2020
Approved amount 142'358.00
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Keywords (11)

industrielle Arzneimittelherstellung; Narrative; early molecular discovery; early drug design; Wissenschaftsphilosophie; Wissenskultur; Epistemologie; Innovation; Philosophie der Pharmazie; Laborstudie; Heuristik

Lay Summary (German)

Lead
Seit Beginn des 20ten Jahrhunderts arbeitet die industrielle Arzneimittelforschung an der Entdeckung neuer, vielversprechender Wirkstoffe mithilfe des sogenannten "targeting" - eine Art biochemischer Schlüssel-Schloss-Prinzip. Doch in den letzten 50 Jahren ist die Anzahl neu zugelassener Wirkstoffe kontinuierlich rückläufig bei einer gleichzeitigen Zunahme der Entwicklungskosten pro Medikament. Ziel des Projekts ist eine Öffnung der bis dato ausschliessliche aus technisch-ökonomischer Perspektive geführten Debatte, hin zu einer philosophischen Betrachtungsweise, die den Prozess der Arzneimittelherstellung vor allem als kreative Praxis versteht.
Lay summary

Nach wie vor wird die industrielle Arzneimittelsuche ausschliesslich als technisch-ökonomisches Problem betrachtet. Diese Eigenperspektive der pharmazeutischen Industrie übersieht jedoch, dass die Suche nach neuen Wirkstoffen nicht nur von technisch-ökonomischen Fragestellungen abhängt. Betrachtet man den Prozess der Arzneimittelentdeckung aus einer philosophischen Perspektive, so wird deutlich, dass dieser Prozess auch als kreative Praxis zu verstehen ist, der von Individuen - den Laborleitern - getragen wird.

Darum gilt es aus einer philosophischen Perspektive herauszufinden, wie diese Individuen ihre Entscheidungen im Labor treffen und nach welchen Kriterien. Diese Entscheidungen werden unter hoher Unsicherheit getroffen, so dass die Laborleiter auf kreative, narrative Strategien zurückgreifen müssen, um ihre Handlungen sowohl anzuleiten als auch, um sie gegenüber ihren Vorgesetzten zu rechtfertigen.

Das Ziel des Projekts besteht erstens in der Identifikation dieser kreativen, narrativen Strategien der Laborleiter, so dass ein besseres und erweitertes Verständnis der Arzneimittelherstellung gezeichnet werden kann als bisher. In einem zweiten Schritt sollen dann diese Erkenntnisse in einer breiteren wissenschaftsphilosophischen Debatte über anwendungsorientierte Forschung kontextualisiert werden, um das bestehende Klischee der vermeintlich umkreativen, anwendungsorientierten Forschung hin zu einem komplexeren Bild zu überwinden. 

Insbesondere für die Schweizer Wirtschaft ist die Frage nach einer adäquaten Beschreibung der pharmazeutischen Forschung von zentraler Bedeutung, da jeder dritte im Ausland verdiente Franken auf die Pharmaindustrie zurück zu führen ist und es nicht zuletzt, um die Sicherung einer zukunftsfähigen und innovativen Arzneimittelforschung geht.

Direct link to Lay Summary Last update: 20.06.2019

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Forschungskolloquium Wissenschaftsphilosophie der Uni Bern Individual talk Navigating the Chemical Space 20.11.2019 Bern, Switzerland Baier Sabine;


Associated projects

Number Title Start Funding scheme
167581 "Moleküle jagen" - Eine wissenschaftsphilosophische Studie zur pharmazeutischen Forschung in der industriellen Arzneimittelentwicklung 01.05.2017 Advanced Postdoc.Mobility

Abstract

Bei dem vorliegenden Projekt handelt es sich um eine wissenschaftsphilosophische Studie zur pharmazeutischen Forschung in der industriellen Arzneimittelentwicklung ausgehend vom Beispiel des early molecular discovery. Ich unterscheide in dem Projekt zwischen der technischen sowie der philosophischen Perspektive auf den Prozess der Arzneimittelentwicklung: Die Pharmaindustrie versteht den Prozess der Entwicklung neuer Wirkstoffe in ihrer Eigenperspektive als rein technische Problemlösung, bei dem es um Optimierung und Effizienzsteigerung geht. Aus einer philosophischen Perspektive geht es hingegen darum, die Arzneimittelentwicklung als kreative Praxis im Rahmen einer pharmazeutischen Wissenskultur zu analysieren. Da es in der Arzneimittelentwicklung keine allgemeine Theorie des early molecular discovery gibt, sind die Laborleiter in diesem Bereich auf Heuristiken zur Deutung und Lenkung ihrer kreativen Tätigkeit im Labor angewiesen, die - so die Grundthese des Projekts - eine intermediäre Rolle zwischen implizitem Erfahrungswissen und einer nicht vorhandenen Theoriebildung einnehmen und dementsprechend handlungsleitend sind. Ich argumentiere, dass Laborleiter Narrative als Heuristiken benutzen, um ihre Arbeit und sich selbst zu beschreiben; aber auch, um mithilfe dieser Narrative Entscheidungen treffen zu können, etwa welches Molekül weiterverfolgt werden soll und welches nicht. Während des SNF Mobility-Stipendiums konnte ich erfolgreich die Auswertung der Ergebnisse meiner in den zuvor abgeschlossenen Feldstudien durchführen. Resultat dieser Auswertung ist die Typologie der Laborleiter in der chemisch-pharmazeutischen Forschung. Im zweiten Jahr des Stipendiums habe ich wie geplant eine wissenschaftsphilosophische Analyse der Typologie durchgeführt und das neue philosophische Konzept der „epistemischen Distanz“ zur Deutung von Narrativen als Navigationsinstrumente entwickelt. Meine zentrale These ist, dass Narrative dazu dienen, die epistemische Distanz zwischen Forscher und Forschungsgegenstand zu verringern, so dass auch unter erschwerten epistemologischen Bedingungen - wie sie in der chemisch-pharmazeutischen Forschung bestehen - Entscheidungen getroffen werden können. Ziel des Projekts ist es ausgehend von einer typologischen Betrachtung narrativer Figurationen bzw. narrativ strukturierter Heuristiken in der Wissenskultur des early molecular discovery sowie einer breiteren epistemologischen und historischen Kontextualisierung, eine narrative Epistemologie des drug design in der industriellen Forschung zu entwickeln. Konkret unterteilt sich das Projekt in zwei Phasen: eine empirisch-beobachtende Phase, in der qualitative Feldstudien bei Hoffmann-La Roche (Basel) und Novartis (Basel) durchgeführt werden, sowie eine daran anschliessende theoretisch-reflexive Phase zur Auswertung der gewonnenen Beobachtungsdaten und deren weitere Kontextualisierung. Das Projekt steht in der pragmatistisch-prozessphilosophischen Tradition der Science & Technology Studies (STS), der klassischen Wissenschaftsphilosophie sowie der neueren experimentellen Philosophie. Die erst seit kurzem aufkommenden ersten Studien zur Rolle von Narrativen in den Natur- und Technikwissenschaften (Narrative Science) stellen einen weiteren zentralen methodischen Bezugspunkt des Projektes da.
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