Project

Back to overview

Paternalismus und der moralische Status von Kindern

English title Paternalism and the Moral Status of Children
Applicant Schaber Peter
Number 159890
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Ethik-Zentrum Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline Philosophy
Start/End 01.01.2016 - 31.12.2018
Approved amount 328'917.00
Show all

Keywords (5)

Liberalismus; Moralischer Status; Kindheit; Autonomie; Paternalismus

Lay Summary (German)

Lead
Paternalistische Eingriffe gegenüber Kindern werden häufig damit gerechtfertigt, dass diese noch nicht über die notwendigen Autonomiefähigkeiten verfügen. Während diese Auffassung mit Blick auf jüngere Kinder plausibel erscheint, wird sie problematisch, wenn man ältere Kinder in den Blick nimmt. Denn einerseits scheinen viele von diesen schon die Bedingungen für Autonomie zu erfüllen, welche bei Erwachsenen die Grundlage für die Zuschreibung voller Autonomierechte darstellen. Und andererseits scheint es Erwachsene zu geben, die nicht in höherem Masse als ältere Kinder/Jugendliche autonom sind. An dieser Stelle entsteht ein Dilemma: Entweder man gesteht älteren Kindern und Jugendlichen weitreichende Autonomierechte zu oder man akzeptiert, dass Erwachsene, welche die gleichen Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, auch paternalistisch behandelt werden dürfen.
Lay summary

Paternalistische Eingriffe gegenüber Kindern werden häufig damit gerechtfertigt, dass diese noch nicht über die notwendigen Autonomiefähigkeiten verfügen. Während diese Auffassung mit Blick auf jüngere Kinder plausibel erscheint, wird sie problematisch, wenn man ältere Kinder in den Blick nimmt. Einerseits scheinen viele von diesen schon die Bedingungen für Autonomie zu erfüllen, welche bei Erwachsenen Grundlage für die Zuschreibung voller Autonomierechte sind. Und andererseits scheint es Erwachsene zu geben, die nicht in höherem Masse als ältere Kinder/Jugendliche autonom sind. An dieser Stelle entsteht ein Dilemma: Entweder man gesteht älteren Kindern und Jugendlichen weitreichende Autonomierechte zu oder man akzeptiert, dass Erwachsene, welche die gleichen Fähigkeiten besitzen, auch paternalistisch behandelt werden dürfen. 

Im vorgeschlagenen Forschungsprojekt soll untersucht werden, wie dieses „Dilemma“ auf philosophisch befriedigende Weise gelöst werden kann. Dabei werden drei Ansätze unterschieden: (a) autonomiebasierte Ansätze, denen zufolge der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern in der Fähigkeit zum Treffen eigener Entscheidungen liegt; (b) wohlergehensbasierte Ansätze, gemäss derer sich die Ungleichbehandlung auf die unterschiedliche Fähigkeit zu guten oder richtigen Entscheidungen zurückführen lässt; und (c) alternative Ansätze, denen zufolge sich die Unterscheidung am moralischen Status „Kindheit“ festmachen lässt. 

Das Projekt verfolgt die Arbeitshypothese, dass die Ungleichbehandlung von Erwachsenen und Kindern nicht (allein) mit unterschiedlichen Eigenschaften/Fähigkeiten begründet werden kann, sondern dass die Idee von Kindheit als globalem Status mit eigenständiger normativer Bedeutung zentral ist. Dabei wird angenommen, dass die Zuschreibung dieses Status zwar bis zu einem gewissen Grad „willkürlich“ bleiben muss, sich aber normative Gründe für seine Zuschreibung in relationalen Eigenschaften sowie dem Wert von Kindheit finden lassen. 

 

Direct link to Lay Summary Last update: 23.11.2015

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Pflicht zum Gehorsam? Legitime Autorität in der Schule
GiesingerJohannes (2018), Pflicht zum Gehorsam? Legitime Autorität in der Schule, in Pädagogische Rundschau, 72(5), 609-620.
Autonomie als dicker Begriff?
BaumannHolger (2017), Autonomie als dicker Begriff?, in Zeitschrift für philosophische Forschung, 71(2), 300-304.
Kinder und Erwachsene
GiesingerJohannes (2017), Kinder und Erwachsene, in Drerup Johannes, Schickhardt Christoph (ed.), Mentis, Münster, 21-32.
Lässt sich Paternalismus gegenüber Kindern rechtfertigen?
Schaber Peter (2017), Lässt sich Paternalismus gegenüber Kindern rechtfertigen?, in Schickhardt Christoph, Drerup Johannes (ed.), Mentis, Münster, 33-48.
The Special Goods of Childhood: Lessons from Social Constructivism
GiesingerJohannes (2017), The Special Goods of Childhood: Lessons from Social Constructivism, in Ethics and Education, 12(2), 201-217.
Wahlrecht für Kinder?
Giesinger Johannes (2017), Wahlrecht für Kinder?, in Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 103(4), 456-469.
Autonomie
GiesingerJohannes, Autonomie, in Weiss Gabriele, Zirfass Jürg (ed.), Springer, Wiesbaden.
Children, Rights, and Powers
GiesingerJohannes, Children, Rights, and Powers, in The International Journal of Children's Rights .
Kinder und Erwachsene: Abgrenzungs- und Zuordnungsprobleme
GiesingerJohannes, Kinder und Erwachsene: Abgrenzungs- und Zuordnungsprobleme, in Schweiger Gottfried, Drerup Johannes (ed.), Metzler, Stuttgart.
Paternalism and the Justification of Education
GiesingerJohannes, Paternalism and the Justification of Education, in Philosophical Inquiry in Education.
Paternalismus
Schaber Peter, Paternalismus, in Schweiger Gottfried, Drerup Johannes (ed.), Metzler, Stuttgart, 173-177.
Paternalismus und die normative Eigenstruktur des Pädagogischen
GiesingerJohannes, Paternalismus und die normative Eigenstruktur des Pädagogischen, in Zeitschrift für Pädagogik, 2.
Vulnerability and Autonomy - Children and Adults
GiesingerJohannes, Vulnerability and Autonomy - Children and Adults, in Ethics and Social Welfare.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Queens University Belfast Ireland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Universität Münster Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Universität Leuven Belgium (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Ethik-Konversationen am Ethik-Zentrum der Universität München Individual talk Paternalismus gegenüber Jugendlichen und die These der normativen Relevanz von Lebensphasen 19.04.2018 München, Germany Baumann Holger;
Workshop „Verletzlichkeit und Kindheit“, V. Tagung für Praktische Philosophie Talk given at a conference Verletzlichkeit und die moralischen Verpflichtungen gegenüber Kindern 16.11.2017 Salzburg, Austria Giesinger Johannes;
IV. Tagung des Netzwerks “Normative Grundlagen des Kindeswohls” Talk given at a conference Autonomy, Paternalism, and the Value of Childood 09.10.2017 München, Germany Baumann Holger;
Research Colloquium Biomedical Ethics Poster Paternalism towards children in medical practice 27.10.2016 Zürich, Switzerland Baumann Holger;
What, if anything, is wrong with paternalism? Talk given at a conference Comment on Sarah Conly: "Paternalism and Coercion" 13.10.2016 Zürich, Switzerland Schaber Peter;
What, if anything, is wrong with paternalism? Talk given at a conference Comment on Michael Colby: Self-Knowledge and the Case Against Paternalism 13.10.2016 Zürich, Switzerland Baumann Holger;
What, if anything, is wrong with paternalism? Talk given at a conference Comment on Johannes Drerup: „What exactly (if anything) is wrong with paternalism towards children?" 13.10.2016 Zürich, Switzerland Giesinger Johannes;
"Was ist ein Kind?“, IV. Tagung für Praktische Philosophie Talk given at a conference Die soziale Konstruktion von Kindheit als Problem der Ethik 29.09.2016 Salzburg, Austria Giesinger Johannes;
The Ethics of Consent: Foundational Issues Talk given at a conference Comment on Hugh Lazenby/ Iason Gabriel: "Consent to Sex" 16.09.2016 Zürich, Switzerland Baumann Holger;
Tagung „Autonomie und Paternalismus“ Talk given at a conference „Weil sie noch ein Kind ist“: Paternalismus, Autonomie und der Status der Kindheit 14.01.2016 Essen, Germany Giesinger Johannes;


Self-organised

Title Date Place
What, if anything, is wrong with paternalism? 13.10.2016 Zürich, Switzerland

Knowledge transfer events

Active participation

Title Type of contribution Date Place Persons involved
Denkzirkel/Thinktank der "Stiftung für das Kind" Workshop 29.01.2019 Zürich, Switzerland Baumann Holger;
The Value of Childhood - Roundtable/Exploratory Workshop (contact: Sarah Jane Conrad) Workshop 08.07.2017 Basel, Switzerland Baumann Holger; Giesinger Johannes;


Associated projects

Number Title Start Funding scheme
139272 Assisted suicide and autonomy 01.08.2012 NRP 67 End of Life
137970 Human Dignity and Moral Rights 01.11.2011 Project funding (Div. I-III)

Abstract

Der liberalen Standardauffassung zufolge lassen sich paternalistische Eingriffe gegenüber Kindern damit rechtfertigen, dass sie noch nicht über die notwendigen Fähigkeiten für Autonomie verfügen. Während diese Auffassung mit Blick auf jüngere Kinder sehr plausibel erscheint, wird sie problematisch, wenn man ältere Kinder/Jugendliche in den Blick nimmt. Denn einerseits scheinen viele von diesen schon diejenigen Bedingungen für Autonomie zu erfüllen, welche bei Erwachsenen die Grundlage für die Zuschreibung voller Autonomierechte darstellen. Und andererseits scheint es Erwachsene zu geben, die nicht in höherem Masse als ältere Kinder/Jugendliche autonom sind. Gerade innerhalb des liberalen Ansatzes scheint an dieser Stelle ein Dilemma zu entstehen: Entweder man gesteht älteren Kindern und Jugendlichen weitreichende Autonomierechte zu; oder man akzeptiert, dass Erwachsene, welche die gleichen Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, auch paternalistisch behandelt werden dürfen. Im vorgeschlagenen Forschungsprojekt soll die Frage gestellt werden, wie dieses „Dilemma“ auf philosophisch befriedigende Weise gelöst werden kann. Dabei werden in systematischer Absicht drei Ansätze unterschieden: (a) autonomiebasierte Ansätze, denen zufolge der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern darin besteht, dass letztere nicht in der Lage sind, im relevanten Sinne eigene Entscheidungen zu treffen (die liberale Standardauffassung; (b) wohlergehensbasierte Ansätze, gemäss derer sich der Unterschied darauf zurückführen lässt, dass Jugendliche nicht fähig sind, für sie gute oder richtige Entscheidungen zu treffen; und (c) alternative Ansätze, denen zufolge sich die Unterscheidung am moralischen Status „Kindheit“ festmachen lässt. Das vorgeschlagene Forschungsprojekt geht dabei von zwei Arbeitshypothesen aus: Erstens wird vermutet, dass eine Begründung der Ungleichbehandlung von Erwachsenen und Jugendlichen sich nicht auf unterschiedliche Eigenschaften/Fähigkeiten zurückführen lässt, sondern dass die Idee von Kindheit als globalem Status mit eigenständiger normativer Bedeutung eine zentrale Rolle spielen muss. Zweitens wird die These verfolgt, dass die Zuschreibung dieses Status zwar bis zu einem gewissen Grad „willkürlich“ bleiben muss, sich aber verschiedene Arten von eigenständigen, normativ relevanten Gründen anhand einer Berücksichtigung der relationalen Eigenschaften sowie dem Wert von Kindheit identifizieren lassen, welche die Zuschreibung des Status begründen können. Die entwickelte Auffassung der Rechtfertigung von Paternalismus gegenüber älteren Kindern/Jugendlichen bietet dabei eine neue und interessante Perspektive auf die allgemeine Debatte um die Rechtfertigung von Paternalismus.
-