Project

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Geschichte der Möglichkeit. Utopie und Diaspora in der deutsch-jüdischen Literatur

English title A History of Possibility. Utopia and Diaspora in the German-Jewish Imagination
Applicant Battegay Caspar
Number 154915
Funding scheme Ambizione
Research institution Section d'allemand Faculté des lettres Université de Lausanne
Institution of higher education University of Lausanne - LA
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.10.2014 - 30.09.2017
Approved amount 383'879.00
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All Disciplines (4)

Discipline
German and English languages and literature
Philosophy
Religious studies, Theology
General history (without pre-and early history)

Keywords (7)

Möglichkeit; Diaspora; Utopie; Post Colonial Studies; Deutsch-jüdische Literatur- und Geistesgeschichte; deutsche Literatur; Gegenwartsliteratur

Lay Summary (German)

Lead
Das Projekt behandelt utopisches Denken und literarische Utopien im 20. Jahrhundert, vornehmlich im Schreiben deutschsprachiger Juden. Dabei steht erstens die These im Zentrum, dass die Utopie sich weniger als räumliche oder zeitliche Projektion, sondern als Ausdruck eines politisch-historischen Möglichkeitssinns verstehen lässt. Zweitens geht das Projekt davon aus, dass die Utopie innerlich mit einem Diaspora-Bewusstsein korreliert: Alles ist jederzeit möglich. Dies Ausgangslage erlaubt eine innovative Perspektive auf den jüdischen Diskurs in der Literatur einerseits, andererseits auch auf die deutsche Literatur, die nicht mehr als Nationalliteratur verstanden wird.
Lay summary

Der Begriff der Utopie (wörtlich "Nicht-Ort") existiert seit 1516, als der spätere englische Lordkanzler Thomas Morus seine Schrift "Utopia" veröffentlicht. Diese wurde zum Muster für spätere Utopien. Im 19. Jahrhundert gibt es eine so genannte Verzeitlichung der Utopie, nicht mehr die ferne Insel, sondern die Zukunft ist der Schauplatz des neuen Menschen.
Im 20. Jahrhunderts gelangt das utopische Schreiben auch in die deutsch-jüdische Geistesgeschichte. Theodor Herzls Roman "Altneuland" (1902), der eine zionistische Utopie in einem zukünftigen Palästina schildert, ist der berühmteste dieser Texte. Doch andere Autoren entwerfen nicht nur Utopien eines jüdischen Staates im Land Israel, sondern auch Utopien der Diaspora. Das Projekt wird zunächst die Schriften von Nathan Birnbaum (1864-1937) analysieren, die für den utopischen Diskurs im Judentum zentral sind. 1907 hat Birnbaum etwa mit einem Entwurf zu einem jüdischen Zukunftsroman ("Nach tausend Jahren") versucht, eine gegen Herzls Vorstellungen gerichtete Utopie ohne Nationalstaaten zu konzipieren. Neben unbekannten und selten gelesenen Autoren sollen dann kanonische Autoren der deutschen und deutsch-jüdischen Literatur einbezogen werden: Z.B. Romane von Alfred Döblin - der mit Nathan Birnbaum in den 1930er-Jahren eine Korrespondenz über das Problem eines jüdischen Staates geführt hat - und von Franz Werfel. Es ist aufschlussreich zu sehen, dass in der deutschen, amerikanischen und israelischen Gegenwartsliteratur die Verbindung von Utopie und Diaspora wieder auftaucht und sehr produktiv wird. So sind in den 2000-er Jahren Romane erschienen, die von alternativgeschichtlichen Konzeptionen ausgehen, etwa fiktive jüdische Staaten schildern. Auch in der bildenen Kunst (z.B. Yael Bartana) taucht die Idee von fiktiven jüdischen Staaten in Europa und anderswo wieder auf. Das Projekt wird abschliessend diese zeitgenössischen Manifestationen von Utopie und Diaspora als Reflexion utopischen Denkens im 20. Jahrhundert behandeln.

 

Direct link to Lay Summary Last update: 15.08.2014

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Gleichzeitigkeit. Utopie und Exil in Franz Werfels Stern der Ungeborenen
Battegay Caspar (2017), Gleichzeitigkeit. Utopie und Exil in Franz Werfels Stern der Ungeborenen, in Siguan Lisa / Maeding Linda (ed.), transcript, Bielefeld, 173-194.
Jüdische und Postkoloniale Diaspora-Diskurse in Alfred Döblins Amazonas
Battegay Caspar (2017), Jüdische und Postkoloniale Diaspora-Diskurse in Alfred Döblins Amazonas, in Becker Sabina / Schneider Sabine (ed.), 157-178.
Einleitung: Europäisch-jüdische Utopien
Battegay Caspar (2016), Einleitung: Europäisch-jüdische Utopien, in Battegay Caspar (ed.), De Gruyter, Berlin, 1-15.
European-Jewish Utopias / Europäisch-jüdische Utopien
Battegay Caspar (ed.) (2016), European-Jewish Utopias / Europäisch-jüdische Utopien, De Gruyter, Berlin.
In Gottes Krieg. Staat, Volk und Nation bei Nathan und Uriel Birnbaum (1914–1918)
Battegay Caspar (2016), In Gottes Krieg. Staat, Volk und Nation bei Nathan und Uriel Birnbaum (1914–1918), in Ernst Peta / Leppin-Eppel Eleonore (ed.), Studien Verlag, Innsbruck / Wien / Bozen, 107-130.
Nostalgia for the Storyteller. Joseph Roth’s Narratology in Beichte eines Mörders erzählt in einer Nacht
Battegay Caspar (2016), Nostalgia for the Storyteller. Joseph Roth’s Narratology in Beichte eines Mörders erzählt in einer Nacht, in The German Quarterly, 89(2), 186-201.
Planet der Termiten. Utopie und Prophetie bei Nathan Birnbaum
Battegay Caspar (2016), Planet der Termiten. Utopie und Prophetie bei Nathan Birnbaum, in Battegay Caspar (ed.), De Gruyter, Berlin, 108-130.
Zeitbrüche. Kontrafaktisches Erzählen der Shoah
Battegay Caspar (2016), Zeitbrüche. Kontrafaktisches Erzählen der Shoah, in Kilchmann Esther (ed.), Böhlau, Köln / Weimar / Wien, 283-300.
„Wahnsinn als Methode“. Friedrich Dürrenmatts Der Verdacht als Kriminalroman nach der Shoah
Battegay Caspar (2015), „Wahnsinn als Methode“. Friedrich Dürrenmatts Der Verdacht als Kriminalroman nach der Shoah, in Peck Clemens / Sedlmeier Florian (ed.), transcript, Bielefeld, 173-196.
Deutsch-jüdische Literatur im europäischen Kontext
Battegay Caspar / Bodenheimer Alfred (2015), Deutsch-jüdische Literatur im europäischen Kontext, in Horsch Hans-Otto (ed.), 270-280.
Die Performance der Prosa. Mit Heine vom deutschen Idealismus in die Moderne. Zu: Na’ama Rokem: Prosaic Conditions. Heinrich Heine and the Spaces of Zionist Literature, Evanston, Illinois: Northwes
Battegay Caspar (2015), Die Performance der Prosa. Mit Heine vom deutschen Idealismus in die Moderne. Zu: Na’ama Rokem: Prosaic Conditions. Heinrich Heine and the Spaces of Zionist Literature, Evanston, Illinois: Northwes, in IASL Online, 1-1.
Imaginationen von Exil in der Popmusik
Battegay Caspar (2015), Imaginationen von Exil in der Popmusik, in Bischoff Doerte (ed.), edition text + kritik, München, 329-344.
Maulwürfe und Ackersleute. Nathan Birnbaums Bemerkungen zum Antisemitismus
Battegay Caspar (2015), Maulwürfe und Ackersleute. Nathan Birnbaums Bemerkungen zum Antisemitismus, in Hahn Hans-Joachim / Kistenmacher Olaf (ed.), 191-208.
German Psycho. The Language of Depression in Oliver Polak’s Der jüdische Patient
Battegay Caspar, German Psycho. The Language of Depression in Oliver Polak’s Der jüdische Patient, in Garloff Katja / Muller Agnes (ed.), Camden House, Rochester, NY.
Spielende Erinnerung. Das Spielelement des kontrafaktischen Erzählens in Film und Literatur
Battegay Caspar, Spielende Erinnerung. Das Spielelement des kontrafaktischen Erzählens in Film und Literatur, in Johannes Rhein / Julia Schuhmacher / Leo Wohl von Haselberg (ed.), Neofelis, Berlin, --.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Deutsches Seminar der Universität Zürich(Dr. R. Leucht, Prof. Karl Wagner) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
German Departement, University of Toronto (Prof. W. Goetschel) Canada (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (Projekt zu Prognostik u. Literatur) Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft, ETH Zürich (Prof. A. Kilcher) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel (Prof. A. Bodenheimer) Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
“Sweet Home” – Symposium Talk given at a conference Heimat als Trauma. Jüdische Gegenwartsliteratur aus Deutschland 04.05.2017 Folkwang Universität der Künste, Essen, Germany Battegay Caspar;
German Studies Association (GSA) 40th Annual Conference Talk given at a conference Simultaneity. Utopian Time in Franz Werfel’s Stern der Ungeborenen 29.09.2016 San Diego, United States of America Battegay Caspar;
Tagung Utopie im Exil: Figurationen des Imaginären Talk given at a conference Gleichzeitigkeit. Exil und Utopie in Franz Werfels Stern der Ungeborenen 14.04.2016 Bremen, Germany Battegay Caspar;
German Studies Association, 39th Annual Conference (GSA), Washington DC Talk given at a conference The language of bi-polar disorder in the works of Oliver Polak and Maxim Biller 01.10.2015 Washington DC, United States of America Battegay Caspar;
20. Kolloquium der Internationalen Alfred Döblin-Gesellschaft: Exil als Schicksalsreise. Alfred Döblin und das internationale Exil 1933-1945, Universität Zürich Talk given at a conference „indianisches Kanaan“. Jüdische und postkoloniale Diaspora-Diskurse in Alfred Döblins Amazonas-Trilogie 28.05.2015 Zürich, Switzerland Battegay Caspar;


Self-organised

Title Date Place
Panel Session “Life is moving towards utopias”. Utopia and the Sciences in German Literature, 1871-1945 29.09.2017 German Studies Association (GSA) 40th Annual Conference, San Diego, United States of America

Knowledge transfer events

Active participation

Title Type of contribution Date Place Persons involved
Einführung zu Paul Wegeners Film „Der Golem und wie er in die Welt kam“ Talk 28.02.2017 Ringvorlesung der Universitäten Basel und Zürich „Android Agents. History – Law – Media“ im Museum T, Switzerland Battegay Caspar;
Podiumsgespräch mit dem Schriftsteller Joshua Cohen: „You want a golem?“ Im Rahmen der Ausstellung GOLEM Workshop 17.11.2016 Jüdisches Museum Berlin, Germany Battegay Caspar;
First we take Manhattan, then we take Berlin. Die Globalisierung von Judentum und Popkultur Talk 11.05.2016 Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Germany Battegay Caspar;
Judentum und Popkultur. Ein kritischer Rückblick Talk 17.02.2016 Alte Synagoge Essen, Germany Battegay Caspar;
Was wenn der Holocaust nicht stattgefunden hätte? Ist diese Frage erlaubt und könnten wir uns eine solche Welt vorstellen? – Präsentation im Salon Sophie Charlotte: Leben wir in der besten aller möglichen Welten? Talk 23.01.2016 Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin, Germany Battegay Caspar;
„La sauce à coté“. Die Erfindung des jüdischen Essens Talk 08.12.2015 Jüdisches Musem München, Germany Battegay Caspar;
Tachles Reden: Klezmer Kitsch oder Diaspora Pop? Podiumsdiskussion mit dem Musiker Daniel Kahn Workshop 18.05.2015 Theater Neumarkt, Zürich, Switzerland Battegay Caspar;
First we take Manhattan, then we take Berlin. Die Globalisierung von Judentum und Popkultur Talk 27.11.2014 Jüdisches Museum, Hohenems, Austria Battegay Caspar;


Self-organised

Title Date Place

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: radio, television Ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack und Vinyl Radio SRF 2 Kultur, Passage German-speaking Switzerland 2015
Media relations: print media, online media Neurose als Religion. Jüdische Figuren von Woody Allen bis Transparent Journal des Jüdischen Museums Berlin Nr. 13 International 2015

Awards

Title Year
Wahl als Mitglied in die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften für 5 Jahre Die untenstehende Summe von ca. 25'000 Euro besteht in abrufbaren Geldern für Forschungen, Konferenzreisen, Weiterbildung etc. und kann NICHT auf einmal oder privat bezogen werden. http://www.diejungeakademie.de http://www.diejungeakademie.de/mitglieder/details/jamembers/show/member/341/ 2015

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
154079 Utopien in der deutsch-jüdischen Literatur: Möglichkeit, Ordnung, Diaspora 01.06.2014 Scientific Conferences

Abstract

In der deutsch-jüdischen Literatur erscheinen im frühen 20. Jahrhundert Utopien, die Teil einer allgemeinen Aktualisierung dieses Genres in der deutschen Literatur sind, jedoch auch spezifisch jüdischen Diskursen angehören. Der bekannteste dieser Texte dürfte Theodor Herzls Roman Altneuland (1902) sein. Darin bezieht sich Herzl einerseits auf die europäisch-amerikanische utopische Literaturtradition, andererseits skizziert er explizit eine Politik des Judentums, die gerade nicht utopisch sein soll. Zur gleichen Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen auch literarische Utopien, die das Judentum gegen die zionistische Ideologie nicht im Land Israel, sondern in der Diaspora verorten. Zum Teil steht dies im Zusammenhang mit der existentiellen Erfahrung des Exils und den Bedingungen der Exilliteratur ab 1933. Literaturhistorisch muss auch die Synchronie fiktionaler Texte mit einem Denken des Utopischen auffallen, das sich zumindest teilweise auf jüdische Traditionen bezieht, etwa bei Ernst Bloch oder Walter Benjamin.Im Zentrum des Forschungsvorhabens steht der Diskurs der Utopie als Thematischwerden der Beziehung von Politik und literarischer Imagination. Diese Beziehung wird von Robert Musil als Spannung zwischen Ordnungen und Kontingenz durchmessen, was er mit „Möglichkeitssinn“ bezeichnet. Die leitende These des Projektes ist, dass der „Möglichkeitssinn“ auch die Diaspora umschreibt, deren Bewusstsein als Exil oder provisorische Anordnung deutsch-jüdisches Schreiben bestimmt und so auch einer Zuordnung als Nationalliteratur entzieht. Eine diasporische Gemeinschaft könnte sich überall befinden, sie nimmt potentiell immer jede Möglichkeit wahr und plausibilisiert somit Alternativen zu bestehenden Ordnungen. Die geplante Studie stellt die kulturwissenschaftlichen Schlüsselbegriffe Utopie und Diaspora in eine enge theoretische Verbindung. Wenn das Genre der Utopie im allgemeinen in der Spannung zwischen Geschichte und Literatur angelegt ist, dann wird erwartet, dass gerade diasporische Utopien in besonderem Maß von dieser Spannung zeugen und damit von einer „Radikalisierung des Möglichen“ (Bernhard Waldenfels) berichten. Moderne Ordnungskategorien wie Nationalität, Ethnie oder Geschlecht werden darin zur Disposition gestellt.Aus dieser kulturwissenschaftlichen Perspektive soll zum einen an die literaturwissenschaftliche Utopieforschung angeknüpft werden, nach der die Möglichkeit im 20. Jahrhundert zur zentralen Kategorie wird. Dazu gehört auch eine philologische Erschließung unbekannter Texte. Zum anderen soll gestützt durch die Lektüre dieser Texte eine kritische Auseinandersetzung mit den methodischen Perspektiven der Exilforschung und der post colonial studies im Rahmen der Erforschung deutsch-jüdischer Literatur stattfinden. In Auseinandersetzung mit Ansätzen zur Potentialität und zum Experimentcharakter moderner Literatur soll zudem der Begriff der Möglichkeit als literaturtheoretische Kategorie anhand der deutsch-jüdischen Moderne diskutiert werden.Das Forschungsvorhaben ist primär in der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft angesiedelt, schließt jedoch politische, historiographische und religionsgeschichtliche Fragestellungen aus dem Bereich der Jüdischen Studien mit ein. Durch die Dokumentation und Erschließung umfangreicher Archivbestände soll ein Beitrag zur Erforschung der deutsch-jüdischen Literatur- und Geistesgeschichte geleistet werden. Durch deren theoretische Einbindung in die komplexen Forschungsfelder zu Utopie und Diaspora bestehen Anknüpfungspunkte vor allem an die Neuere Geschichte, die Wissensgeschichte, die Philosophie und die Religionswissenschaft.
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