Project

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Der normative Stellenwert akteur-relativer Gründe

English title The normative significance of agent-relative reasons
Applicant Betzler Monika
Number 152918
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Institut für Philosophie Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline Philosophy
Start/End 01.07.2014 - 31.12.2017
Approved amount 418'654.00
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Keywords (8)

consequentialism; partiality; second-personal reasons; agent-relative reasons; deontology; supererogation; agent-neutral reasons; relationships

Lay Summary (German)

Lead
Eine zentrale Frage der Moralphilosophie besteht u.a. darin, ob ein konsequentialistischer oder ein deontologischer Ansatz überzeugender ist. Der Konsequentialismus bewertet die moralische Richtigkeit einer Handlung mit Blick auf ihre besten Folgen. Deontologische Ansätze vertreten dagegen die These, dass es moralische Pflichten gibt, die nicht nur durch Folgenabwägungen bestimmt werden. Konsequentialistische Theorien lassen hierbei nur akteur-neutrale Gründe zu, also Gründe, die unabhängig von der Person sind, die nach dem Grund handeln soll. Deontologische Ansätze lassen dagegen auch akteur-relative Gründe zu, also Gründe, die einer verbreiteten Auffassung nur für bestimmte Personen Gründe sind. Typische Beispiele für akteur-relative Gründe sind Gründe, die sich aus persönlichen Beziehungen ergeben. Das Projekt setzt sich zum Ziel, das ungeklärte Verhältnis zwischen akteur-neutralen und akteur-relativen Gründen zu bestimmen und zu beurteilen.
Lay summary

Eine zentrale Frage der Moralphilosophie besteht darin, ob alles in allem ein konsequentialistischer oder ein deontologischer Ansatz überzeugender ist. Der Konsequentialismus bewertet die moralische Richtigkeit einer Handlung mit Blick auf ihre Folgen: Gefordert ist diejenige Handlung, die die besten Konsequenzen hat. Deontologische Ansätze vertreten dagegen die These, dass es moralische Pflichten gibt, die nicht nur durch Folgenabwägungen bestimmt werden.

Die zeitgenössische Debatte fasst den Unterschied zwischen diesen Theoriefamilien mit Blick auf die Handlungsgründe, die die jeweiligen Theorien als moralische Gründe zulassen. Konsequentialistische Theorien lassen demnach nur akteur-neutrale Gründe zu, also Gründe, die unabhängig von der Person sind, die nach dem Grund handeln soll. Deontologische Ansätze lassen dagegen auch akteur-relative Gründe zu, also Gründe, die einer verbreiteten Auffassung nur für bestimmte Personen Gründe sind. Typische Beispiele für akteur-relative Gründe sind Gründe, die sich aus persönlichen Beziehungen ergeben: Eine Mutter hat einen Grund, für das Wohlergehen ihrer Kinder zu sorgen, weil es ihre Kinder sind. Allgemein gilt es als Vorteil für deontologische Ansätze, solche akteur-relativen Gründe integrieren zu können.

Ob dieser Vorteil wirklich gilt, ist allerdings unklar. Das genaue Verhältnis dieser beiden Kategorien von Gründen wurde nämlich bislang in der Moralphilosophie nicht hinreichend erforscht: Weder lassen sich akteur-relative Gründe auf akteur-neutrale Gründe reduzieren, noch sind sie völlig unabhängig voneinander. Das Projekt setzt sich daher zum Ziel, dieses ungeklärte Verhältnis zu bestimmen und zu beurteilen, ob die Deontologie den skizzierten Vorteil für sich verbuchen kann.

Direct link to Lay Summary Last update: 28.03.2014

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
The Value of Sacrifices
Löschke Jörg (2018), The Value of Sacrifices, in International Journal of Philosophical Studies, 26(3), 399-418.
Relationships as Indirect Intensifiers: Solving the Puzzle of Partiality
Löschke Jörg (2018), Relationships as Indirect Intensifiers: Solving the Puzzle of Partiality, in European Journal of Philosophy, 26, 390-410.
Egalitarismus und Parteilichkeit
LöschkeJörg (2017), Egalitarismus und Parteilichkeit, in Schleidgen Sebastian (ed.), Tectum, Marburg, 25-44.
Friendship, Value, and Interpretation
LöschkeJörg (2017), Friendship, Value, and Interpretation, in Theoria, 83, 319-340.
The Value of Caring: A Reply to Maguire
LöschkeJörg (2017), The Value of Caring: A Reply to Maguire, in Journal of Ethics and Social Philosophy, 118-126.
Verantwortung und Kontrolle
Betzler Monika und Scherrer Nina (2017), Verantwortung und Kontrolle, in Heidbrink Ludger Sombetzki Janina und Langbehn Claus (ed.), Springer, Dordrecht, 337-352.
Was gehen uns die Interessen der Nachwelt an? Gedanken(experimente) zu einer Ethik der Zukunft
BetzlerMonika (2017), Was gehen uns die Interessen der Nachwelt an? Gedanken(experimente) zu einer Ethik der Zukunft, 87-98, Kulturverein Goldegg, Goldegg87-98.
Was gehen uns die Interessen der Nachwelt an? Gedanken(experimente) zu einer Ethik der Zukunft, in: Mut zum Miteinander
BetzlerMonika (2017), Was gehen uns die Interessen der Nachwelt an? Gedanken(experimente) zu einer Ethik der Zukunft, in: Mut zum Miteinander, Kulturverein Goldegg, Goldegg.
Autonomie
Betzler Monika (2016), Autonomie, in Kühler Michael und Rüther Markus (ed.), Stuttgart, Metzler, 304-309.
Evaluative Commitments: How They Guide Us Over Time and Why
Betzler Monika (2016), Evaluative Commitments: How They Guide Us Over Time and Why, in Altshuler Roman und Sigrist Michael (ed.), Routledge, London, 124-140.
New Developments in Family Ethics: An Introduction
Betzler Monika und Löschke Jörg (2016), New Developments in Family Ethics: An Introduction, in Journal of Moral Philosophy, 13(6), 641-651.
The Duty of the Patient to Cooperate
Löschke Jörg (2016), The Duty of the Patient to Cooperate, in Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, 21, 7-24.
Authority in Relationships
Löschke Jörg (2015), Authority in Relationships, in International Journal of Philosophical Studies, 23, 187-204.
Autonomie und Paternalismus
Betzler Monika (2015), Autonomie und Paternalismus, in Nida-Rümelin Julian und Spiegel Irina (ed.), UTB, München, 187-195.
Can Empathy Ground Respect for Autonomy?
Betzler Monika (2015), Can Empathy Ground Respect for Autonomy?, in Roughley Neil und Schramme Thomas (ed.), Cambridge Scholars, Cambridge, 88-103.
Einleitung: Eltern und Kinder – Zur Normativität ihrer Beziehung
Betzler Monika und Hoffmann Magdalena (2015), Einleitung: Eltern und Kinder – Zur Normativität ihrer Beziehung, in Zeitschrift für Praktische Philosophie, 2(2), 203-212.
Einleitung: Familiäre Pflichten im Kontext der Familienethik
Betzler Monika und Bleisch Barbara (2015), Einleitung: Familiäre Pflichten im Kontext der Familienethik, in Betzler Monika un Bleisch Barbara (ed.), Suhrkamp, Berlin, 9-53.
Eltern und Kinder – Zur Normativität ihrer Beziehung. Themenschwerpunkt der Zeitschrift für praktische Philosophie
Betzler Monika und Hoffmann Magdalena (2015), Eltern und Kinder – Zur Normativität ihrer Beziehung. Themenschwerpunkt der Zeitschrift für praktische Philosophie, in Zeitschrift für Praktische Philosophie, 2(2), 203.
Evaluative Bindungen und bindungsabhängige Gründe: Eine Herausforderung für den metaethischen Realisten?
Betzler Monika (2015), Evaluative Bindungen und bindungsabhängige Gründe: Eine Herausforderung für den metaethischen Realisten?, in von der Pfordten Dietmar (ed.), mentis, Münster, 71-92.
Familiäre Pflichten
Betzler Monika und Bleisch Barbara (ed.) (2015), Familiäre Pflichten, Suhrkamp, Berlin.
Familienethik - ein Forschungsbericht
Bleisch Barbara Hoffmann Magdalena und Löschke Jörg (2015), Familienethik - ein Forschungsbericht, in Information Philosophie, 1, 16-29.
Intimität und soziale Rollen: Zur Normativität von Geschwisterbeziehungen
Löschke Jörg (2015), Intimität und soziale Rollen: Zur Normativität von Geschwisterbeziehungen, in Betzler Monika und Bleisch Barbara (ed.), Suhrkamp, Berlin, 343-373.
Moral Sentimentalism and Partiality
Löschke Jörg (2015), Moral Sentimentalism and Partiality, in Roughley Neil und Schramme Thomas (ed.), Cambridge Scholars, Cambridge, 115-125.
Realizing the Capacity for Autonomy: What Parents Owe Their Children to Make Their Lives Go Well
Betzler Monika (2015), Realizing the Capacity for Autonomy: What Parents Owe Their Children to Make Their Lives Go Well, in Bagattini Alexander und MacLeod Colin (ed.), Springer, Dordrecht, 65-84.
Research Involving Minors – A Duty of Solidarity?
Löschke Jörg und Heinrichs Bert (2015), Research Involving Minors – A Duty of Solidarity?, in Ethics in Biology, Engineering & Medicine , 6, 67-80.
Rez. zu: R. Jay Wallace, The View From Here
Betzler Monika (2015), Rez. zu: R. Jay Wallace, The View From Here, in Ethics, 125, 614-621.
Second-Personal Reasons and Special Obligations
Löschke Jörg (2014), Second-Personal Reasons and Special Obligations, in Croatian Journal of Philosophy, 14, 293-308.
The Good of Consequentialized Deontology
Betzler Monika and Schroth Jörg, The Good of Consequentialized Deontology, in Seidel Christian (ed.), Oxford University Press, Oxford.
"Rethinking the Moral Relevance of Empathy" (in Italian)
Betzler Monika, "Rethinking the Moral Relevance of Empathy" (in Italian), in Elena Pulcini and Sophie Bourgault (ed.), Il Mulino, Il Mulino.
Enfance
Monika Betzler, Enfance, in Julien Deonna und Emma Tieffenbach (ed.), Editions d’Ithaque, Paris.
Filiale Pflichten
LöschkeJörg, Filiale Pflichten, in Drerup Johannes, Schweiger Gottfried (ed.), Metzler, Stuttgart/Weimar.
La solidarite
Löschke Jörg, La solidarite, in Deonna Julien und Tieffenbach Emma (ed.), Edition d’Ithaque , Paris.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Victoria University of Wellington, Prof. Simon Keller New Zealand (Oceania)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
- Exchange of personnel
Universität Göttingen, PD Dr. Jörg Schroth Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Exchange of personnel

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Kants Praktische Philosophie Talk given at a conference Wertbasierter Non-Konsequentialismus 23.11.2017 Bonn, Germany Löschke Jörg;
Bayerischer Landtag, Kindernetzwerk Bayern Individual talk Gute Kindheit – Gutes Leben 20.11.2017 München, Germany Betzler Monika;
Experimental Philosophy Group Germany, 2nd Bi-Annual Workshop, Universität Osnabrück Talk given at a conference What Is a Colleague? 17.11.2017 Osnabrück, Germany Löschke Jörg; Betzler Monika;
Institutskolloquium, Philosophisches Seminar der Universität Göttingen Individual talk Inverse Akrasie: Ein Fall, um über unsere Emotionen nachzudenken 15.11.2017 Göttingen, Germany Betzler Monika;
DGPhil-Kongress “Norm und Natur” Talk given at a conference Bindungen und praktische Notwendigkeit 26.09.2017 Berlin, Germany Betzler Monika;
European Conference for Analytic Philosophy (ECAP9) Talk given at a conference Practical Reasons as Appropriate Value Responses 21.08.2017 München, Germany Löschke Jörg;
Konferenz „Childhood and Philosophy“. Universität Salzburg Talk given at a conference The Value of Childhood 10.07.2017 Salzburg, Austria Betzler Monika;
Southampton-Humboldt Normativity Conference Talk given at a conference Agent-Relative Reasons as Second-Order Value Responses 21.06.2017 Southampton, Great Britain and Northern Ireland Löschke Jörg;
The Moral Demands of Relationships Talk given at a conference Collegiality 15.02.2017 München, Germany Betzler Monika; Löschke Jörg;
Workshop with David Heyd Talk given at a conference Solidarity and Supererogation 18.10.2016 Basel, Switzerland Löschke Jörg;
The Normative Impact of Personal Relationships Talk given at a conference Relationships, Value, and Interpretation 07.07.2016 Bern, Switzerland Löschke Jörg;
Konferenz der Gesellschaft für Analytische Philosophie (GAP.9) Talk given at a conference Beziehungen als indirekte Gründeverstärker 14.09.2015 Osnabrück, Germany Löschke Jörg;
8th International Conference on Ethics in Biology, Engineering and Medicine Talk given at a conference Special Obligations in Medical Contexts: The Case of Patients 24.04.2015 New York, United States of America Löschke Jörg;
Deutscher Kongress für Philosophie Talk given at a conference Beziehungen als deontische Statusveränderer 28.09.2014 Münster, Germany Löschke Jörg;
European Conference for Analytic Philosophy (ECAP8) Individual talk Special Relationships, Agent-Relative Reasons, and Intensifiers 28.08.2014 Bukarest, Romania Löschke Jörg;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
New media (web, blogs, podcasts, news feeds etc.) Beziehungspflichten Hinterfragt – Der Ethik-Podcast Rhaeto-Romanic Switzerland Western Switzerland Italian-speaking Switzerland International German-speaking Switzerland 2017
Media relations: radio, television Verpflichtend? Solidarität WDR 5 International 2016

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
176703 Value-Based Non-Consequentialism 01.03.2019 SNSF Professorships
135082 Gründe der Parteilichkeit. Zur Ethik der Familienbeziehungen 01.07.2011 Project funding (Div. I-III)

Abstract

Enge und persönliche Beziehungen sind zentral für ein gelingendes menschliches Leben. Solche Beziehungen sind u.a. durch besondere Pflichten charakterisiert - die Beteiligten schulden einander eine besondere gegenseitige Sorge um ihr jeweiliges Wohlergehen. Dadurch implizieren Beziehungen besondere Handlungsgründe, die in Abgrenzung zu allgemeinen und unparteilichen Gründen verstanden und als Gründe der Parteilichkeit bezeichnet werden können.Gründe der Parteilichkeit sind akteur-relative Gründe: Sie richten sich in besonderer Weise an den Akteur, dessen Gründe sie sind, indem sie einen elementaren Rückbezug zum Akteur enthalten. So hat ein Vater nicht vorrangig einen Grund dafür zu sorgen, dass sich Väter um ihre Kinder kümmern - dies wäre ein akteur-neutraler Grund. Vielmehr hat er in erster Linie einen Grund, sich um seine eigenen Kinder zu kümmern.Akteur-relative Gründe können nicht auf akteur-neutrale Gründe reduziert werden. Dies macht sie zu einem Problem für konsequentialistische Theorien, da solche Theorien nur akteur-neutrale Gründe als moralische Gründe zulassen können. Versuche, akteur-relative Gründe in eine konsequentialistische Theorie zu integrieren, können nach aktuellem Forschungsstand als gescheitert gelten. Deontologische Ansätze scheinen besser mit akteur-relativen Gründen umgehen zu können. Für sie stellen sich aber ebenfalls Probleme mit Blick auf akteur-relative Gründe, und es ist nach gegenwärtigem Forschungsstand offen, ob diese Probleme ausgeräumt werden können: Deontologische Ansätze begreifen akteur-relative und akteur-neutrale Gründe typischerweise als distinkte Klassen von Gründen. Dies ist aber unplausibel: Ein Vater hat einen besonderen akteur-relativen Grund, für das Wohlergehen seiner eigenen Kinder zu sorgen, aber dies bedeutet nicht, dass er keinen moralischen Grund hat, das Wohlergehen fremder Kinder zu fördern. Dem kann aber nicht Rechnung getragen werden, wenn akteur-relative und akteur-neutrale Gründe als unabhängige Klassen von Gründen bestimmt werden. Da deontologische Ansätze zu einer solchen Auffassung neigen, gerät in ihnen die Quelle der spezifischen normativen Kraft von akteur-relativen Gründen aus dem Blick: Entweder wird einfach ad hoc behauptet, dass es eine solche besondere Kraft gibt, oder die normative Kraft von akteur-relativen Gründen der Parteilichkeit wird dadurch erklärt, dass sie direkt durch intrinsisch wertvolle Beziehungen erzeugt werden - dann bleibt aber unklar, warum es die entsprechenden moralischen Gründe auch ausserhalb von Beziehungen gibt.Die unklare Bestimmung des normativen Stellenwerts akteur-relativer Gründe in deontologischen Ansätzen stellt ein wichtiges Forschungsdesiderat dar, weil die Frage nach akteur-relativen Gründen fundamental für die zentrale moralphilosophische Debatte zwischen Konsequentialismus und Deontologie ist. Hier existiert eine Forschungslücke, die im beantragten Projekt geschlossen werden soll. Dabei werden verschiedene Strategien zur Bestimmung des Verhältnisses von akteur-relativen und akteur-neutralen Gründen bzw. der Quelle der besonderen normativen Kraft von akteur-relativen Gründen untersucht. Die Forschungshypothese lautet, dass Beziehungen als intrinsisch wertvolle Verstärker von vorliegenden moralischen Gründen aufzufassen sind. Um diese Hypothese zu untermauern, wird sie mit weiteren möglichen Argumentationsstrategien bezüglich ihrer jeweiligen Stärken verglichen. Eine wichtige Alternative besteht etwa darin, besondere Gründe in Beziehungen als zweitpersonale Gründe aufzufassen, die von allgemeinen Gründen, die moralische Beziehungen innerhalb der moralischen Gemeinschaft regeln, abgegrenzt werden können. Welche der vorgestellten Strategien erfolgreich ist, wird im Zuge des Projekts ergebnisoffen zu prüfen sein.
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