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Oskar Kokoschkas pazifistisches und politisches Engagement in Prag

Type of publication Peer-reviewed
Publikationsform Original article (peer-reviewed)
Publication date 2015
Author Bonnefoit Régine,
Project Kunstgeschichtsschreibung als Diktat des Künstlers - Das Beispiel Oskar Kokoschka
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Original article (peer-reviewed)

Journal Stifter Jahrbuch
Volume (Issue) 29
Page(s) 161 - 188
Title of proceedings Stifter Jahrbuch

Abstract

Nach dem im Ersten Weltkrieg erlittenen Trauma wandelte sich Oskar Kokoschka zum überzeugten Pazifisten. Sein stärkstes pazifistisches Engagement entwickelte er in seinen Prager Jahren (1934–1938), in denen sich das Nahen eines Zweiten Weltkriegs unzweideutig abzeichnete. Kokoschkas Friedensprogramm läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: 1. Die Erziehung der Jugend zum Frieden durch eine Volksschule, die nicht den nationalen Interessen ihres Landes, sondern dem Erziehungsprogramm einer internationalen Schulaufsichtsbehörde unterliegt. 2. Das sechste der zehn Gebote aus dem Buch Mose: „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20,13). Diese beiden Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen zitierte Kokoschka nach der Lehre zweier Humanisten, die in der Prager Zeit und darüber hinaus seine Idole waren: der mährische Reformator und Pädagoge Jan Amos Komenský, latinisiert Comenius (1592–1670) genannt, und Petr Chelčický (um 1369–1415), der geistige Begründer der Böhmisch-Mährischen Brüder-Unität, deren letzter Bischof Comenius war. In einem am 10. Juli 1935 im Prager Tagblatt unter dem Titel „Humanität durch Volksschule“ erschienenen Artikel stellte sich Kokoschka als geistigen Erben dieser tschechischen Humanisten dar. Die Aufgabe des tschechischen Volkes sei es, im Geiste von Chelčický und Comenius als Friedensstifter in Europa zu wirken und somit deren Mission zu erfüllen. In einem Ende 1935, Anfang 1936 verfaßten Typoskript mit dem Titel „Der Weg des Lichtes“, der sich von Comenius’ Schrift Via lucis ableitet, schreibt Kokoschka: „Von der Bühne, die die Welt bedeutet, die Neue Welt […] wird vom Volke Komenskýs nicht Krieg, Blut und Revolution, sondern die internationale Volkserziehung verkündet.“ Die Bezeichnung der Tschechen als „Volk Komenskýs“ übernahm Kokoschka von Tomáš Garrigue Masaryk (1850–1937), der für ihn im Sommer 1935 Modell saß.
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