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Book Lebensqualität und Nachhaltigkeit in regionalen Naturpärken. Eine qualitative Studie zur Sicht der Bevölkerung in den Naturpärken Jurapark Aargau, UNESCO Biosphäre Entlebuch und Naturpark Gantrisch.
Publisher Boris, Bern
DOI 10.7892/boris.140084

Open Access

URL https://boris.unibe.ch/id/eprint/140084
Type of Open Access Repository (Green Open Access)

Abstract

In der Schweiz ist die Lebensqualität überdurchschnittlich hoch und zugleich mit einem hohen Verbrauch natürlicher Ressourcen verbunden, so dass drei Planeten notwendig wären, wenn die ganze Weltbevölkerung einen ähnlichen Ressourcenverbrauch hätte. Diese Problematik zeigt sich in vielen Industriestaaten. Wie die Literatur zeigt, ist Nachhaltigkeit jedoch möglich, auch ohne die Lebensqualität zu beeinträchtigen. Die vorliegende qualitative Studie befasst sich damit, was Nachhaltige Lebensqualität (NLQ) – insbesondere auch aus Sicht der Bevölkerung – sein könnte, welche Herausforderungen und Möglichkeiten sich stellen, und wie insbesondere Schweizer Regionale Naturpärke von nationaler Bedeutung Nachhaltige Lebensqualität fördern können: dies, weil Naturpärke aufgrund ihres allgemeinen Auftrags durchaus zu Modellregionen Nachhaltiger Lebensqualität werden sollten. In der Studie wurden die folgenden Forschungsfragen untersucht: 1. Was versteht die Bevölkerung unter NLQ, welche Aspekte sieht sie als wichtig und wie decken sich diese mit der Theoriediskussion um NLQ? 2. Was fördert aus Sicht der Bevölkerung NLQ? 3. Was hingegen wird als hemmend betrachtet um NLQ zu verwirklichen? 4. Inwieweit werden die Aspekte von NLQ mit der Existenz des Parks und den Parkmanagementaktivitäten in Verbindung gebracht? Welche möglichen Wirkungen haben diese Aktivitäten auf NLQ? Wie sollen die Parkmanagements aus Sicht der Bevölkerung zu NLQ beitragen? Für die Studie wurde vorgängig ein Konzept NLQ aus der Literatur hergeleitet. Dieses wird im vorliegenden Bericht vorgestellt und mit empirischen Ergebnissen aus 90 Interviews verglichen. Die Interviews wurden mit BewohnerInnen der drei Schweizer Regionalen Naturpärke Gantrisch, Jurapark Aargau und UNESCO Biosphäre Entlebuch sowie einer Vergleichsregion, dem Freiamt, durchgeführt. Die Personen wurden für die Interviews an öffentlichen Orten in den Pärken angesprochen. Die Interviews wurden entlang eines semi-strukturierten Leitfadens, der erzählgenerierende Gespräche ermöglichte, durchgeführt. Die Interviews dauerten zwischen 30 und 50 Minuten. Dabei wurden verschiedene soziodemografische Merkmale berücksichtigt (u.a. Geschlecht, Alter, Bildung, Beschäftigungssektor) um unterschiedliche Sichtweisen zu erheben. Die Interviews wurden aufgezeichnet und danach transkribiert. Zur Auswertung wurde eine qualitative Inhaltsanalyse angewendet. Zusammengefasst hat sich ergeben, dass die Sichtweisen der Park-Bevölkerung in den grossen Zügen durchaus dem theoretisch hergeleiteten Konzept entsprechen: Lebensqualität wird als multidimensional betrachtet. Dazu gehören Aspekte wie u.a. Gesundheit, Freizeit, Natur und Landschaft, Mobilität und Bildung. Innerhalb dessen ergaben sich drei neue Teilaspekte, die im theoretischen Konzept nicht enthalten waren und aufgrund der Interviews dann in das Konzept integriert wurden: erstens kollektive Emotionen, zweitens Vereinswesen sowie drittens die Anbindung an grössere Zentren und Städte. Gelassenheit im Sinne einer kollektiven Emotion beschrieben die Befragten als ein typisches Stimmungsbild für das Landleben. Die Mitgliedschaft in einem Verein wird als relevant gesehen, da diese zum sozialen Netzwerk und zur Integration beiträgt. Die Anbindung an Zentren und Städte bezeichneten die Befragten als wichtig, weil der Arbeitsplatz, Ausbildungsplätze und ein grösseres kulturelles Angebot in den Städten oder Zentren sind. Ihre Lebensqualität insgesamt betrachten die befragten Personen wie auch jene schweizweit als sehr hoch. Die Herausforderungen sehen sie hingegen in der nachhaltigen Entwicklung, insbesondere in der Umweltdimension. Der Zusammenhang von Wohlstand und übermässigem Verbrauch natürlicher Ressourcen wird in vielfacher Weise als problematisch betrachtet. Aus Sicht der Park-Bevölkerung ist die individuelle und kollektive Übernahme von Verantwortung zentral für NLQ. Alle Personen, aber auch regionale, nationale und internationale wirtschaftliche und politische Akteure könnten und müssten zu NLQ beitragen. Fördernde Faktoren sind aus Sicht der Befragten denn auch individuelles Engagement, kollektive Emotionen, öffentliche Verkehrsmittel, regionale Lebensmittel wie auch eine entsprechende thematische Sensibilisierung beispielsweise im Rahmen von schulischen und ausserschulischen Bildungsangeboten. Dagegen sieht ein Teil der Park-Bevölkerung im materiellen Wohlstand, im Funktionieren der Wirtschaft (u.a. Werbung, Billiggüter), im Auto- und Flugverkehr, in alltäglichen Gewohnheiten, in mangelndem Wissen und teils auch in nicht mit NLQ kompatiblen politischen Haltungen wesentliche hindernde Faktoren für NLQ. In Bezug auf die verschiedenen Aspekte NLQ bringt die Park-Bevölkerung sechs Aspekte in direkte Verbindung mit den Pärken. Der Aspekt «Freizeit und Erholung» wurde stark mit dem jeweiligen Park in Verbindung gebracht, u.a. aufgrund von Wander- und Fahrradwegen, Exkursionen und weiteren Angeboten. Landschaft und Natur wurde aufgrund der Förderung der Artenvielfalt und die Prägung der Landschaft durch die Parkmanagements mit ihnen in Zusammenhang gebracht. Ebenso hoben die Befragten das Produktelabel positiv hervor. Sie erhoffen sich dadurch eine Steigerung der Wertschöpfung. Zum Aspekt «Einkommen und Arbeit» sehen sie den Park für den Tourismus der Region als gewinnbringend. Innerhalb des Aspekts «Bildung und Wissen» sehen die Befragten das Parkmanagement als geeigneter Akteur für die Sensibilisierung zu Nachhaltigkeit und Umwelt. Innerhalb des Aspekts «Partizipation/Zugehörigkeit/kollektive Emotionen» betonten die Befragten die regionsübergreifende Koordinations- und Vernetzungsmöglichkeit positiv. Es zeigte sich, dass den meisten Befragten die Existenz des jeweiligen Naturparks bekannt ist. Jedoch besteht ein Wissensdefizit bezüglich Auftrag, Sinn und Zweck des Parks sowie bezüglich Verantwortlichkeiten und Aktivitäten. Dies deckt sich mit dem Wunsch vieler, vom jeweiligen Parkmanagement mehr Informationen zu erhalten. Bezüglich eines grösseren Teils der Aspekte, welche die Bevölkerung für eine NLQ als wesentlich betrachtet, sind die Parkmanagements bereits tätig. Zugleich besteht Potenzial darin, die Dimensionen der Pärkeverordnung in Bezug auf NLQ, insbesondere bezüglich sozialer Aspekte, noch zu erweitern. Dies u.a. in dem die Pärke die junge Altersgruppe (16 bis 29 Jahre) stärker als Zielgruppe in die Angebote und Aktivitäten einbinden und zur Integration zugezogener Personen und verschiedener Kulturen beitragen (bspw. indem sie die wesentlichen Vereine und Akteure vernetzen sowie allenfalls selbst Veranstaltungen und Aktivitäten anbieten). Ausgehend von den Ergebnissen der Interviews könnten die Naturpärke noch stärker zu NLQ beitragen, indem sie ihre Tätigkeiten zu «Natur und Landschaft» weiter ausbauen, nachhaltig produzierte Lebensmittel durch Beratung und direkte Vermarktung über Wochenmärkte und Hofverkauf fördern, eine Alternative zu Ferien mit Flugreisen anbieten und noch stärker für nachhaltigen Tourismus in ihrer Region werben. Ebenso könnten die Parkmanagements noch stärker beratend zu Ortsplanungen, zur Förderung öffentlicher Verkehrsmittel und zur Förderung erneuerbarer Energien beitragen. Zudem werden die Parkmanagements als geeignete Akteure betrachtet, Best-Praxis-Tipps sowie Informationen in der breiten Öffentlichkeit zu ökologischen Verhaltensweisen und nachhaltigen Lebensstilen zu vermitteln. Insgesamt hat die Studie ergeben, dass Regionale Naturpärke und – wie sich in der Vergleichsregion gezeigt hat – auch andere regionsübergreifende Organisationen als bedeutende Akteure gesehen werden um NLQ zu fördern.
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