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Auf Biegen und Brechen. Physikalische Grenzen des Blockbaus

Type of publication Peer-reviewed
Publikationsform Contribution to book (peer-reviewed)
Publication date 2012
Author Descoeudres Georges,
Project Holzbauten des Mittelalters und der Neuzeit in der Zentralschweiz
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Contribution to book (peer-reviewed)

Book Form, Zeit und Raum. Grundlagen für eine Geschichte aus dem Boden. Festschrift für Werner E. Stöckli
Editor , Boschetti-Maradi Adriano et al.
Publisher Archäologie Schweiz, Basel
Page(s) 255 - 264
ISBN 978-3-908006-42-8
Title of proceedings Form, Zeit und Raum. Grundlagen für eine Geschichte aus dem Boden. Festschrift für Werner E. Stöckli

Abstract

Bei einem Wohnblockbau des 16. Jahrhunderts im Weiler Herrlisberg der Gemeinde Wädenswil ZH ist man mit den Spannweiten und Belastungen der Decken bis an die Grenzen des Möglichen gegangen. Während bei mittelalterlichen Bauten vielfach darauf geachtet wurde, dass die Kammern im Wohnbereich mit deckungsgleichem Grundriss übereinander lagen und damit die Belastungen durch stockwerkübergreifende Zwischenwände aufgefangen wurden, fehlt im Herrlisberg über vier Stockwerke eine übergreifende Kammertrennwand. Die Kammern sind hier von Stockwerk zu Stockwerk versetzt angebracht worden. Damit sind erhebliche Belastungen in Kauf genommen worden, was nicht ohne Folgen geblieben ist. In den oberen Stockwerken sind die Bohlendecken allesamt erneuert worden, zu deren Sicherung im 1. Obergeschoss gleich drei Unterzüge pro Kammer sekundär eingebracht wurden. In der mittleren Kammer sind die drei Unterzüge gar noch durch einen weiteren, quer dazu verlegten Balken zusätzlich unterstützt worden. Auch im 2. Obergeschoss hat man nachträglich je einen Unterzug zur Stützung der Decke angebracht. Im Erdgeschoss mit der stabileren Bohlenbalkendecke wurde gemäß dendrochronologischer Datierung um 1655 ein Unterzugsbalken eingebracht, der in der Mitte der Kammer mit einer Holzstütze unterstellt wurde. Diese Kammer, die Stube, umfasste bei nicht weniger als 7.00 m Breite eine Grundfläche von 38.50 m2, wogegen auch bei neuzeitlichen Blockbauten sonst kaum Kammern mit einer Grundfläche von mehr als 30 m2 bekannt sind. Was nicht erstaunt: Die südlich darüber liegende Kammer war, wie der angetroffene Verlauf der Mittelwandbalken zeigte, gegen die Hausmitte hin abgesunken. Im darunter liegenden Bereich der Stube ist die Balkendecke zu einem unbekannten Zeitpunkt erneuert worden, wobei eine zeitliche Koinzidenz nicht nachzuweisen war. In gleicher Weise ein Zeichen äußerster statischer Belastung waren auch die erwähnten Sicherungen des Blockgefüges im Hinterhaus: je zweimal vier Balkenlagen bei den beiden Kniestockwänden sowie zwei neun Balken umfassende Vorstöße auf der westlichen Giebelseite, die untereinander durch quer liegende Balken zusätzlich gefestigt wurden. Diese ungewöhnlichen konstruktiven Maßnahmen, wie sie bisher nirgends beobachtet werden konnten, zeigen, dass sich die Zimmerleute sehr wohl bewusst waren, dass sie beim Haus im Herrlisberg mit der Belastung der Baumaterialien und besonders auch der Blockbaukonstruktion das Normalmaß überschritten und bis an die Grenzen des Machbaren gegangen waren. Ebenso hatte man hinsichtlich der Grundfläche des Hauses insgesamt und besonders einzelner Räume (Stube und Küche) wie auch der Anzahl Geschosse bewährte Modelle überschritten. Dennoch waren trotz der ungewöhnlichern konstruktiven Sicherungen statische Probleme wie Durchbiegen von Blockwänden und Durchhängen, vielleicht sogar ein Bruch von Decken aufgetreten. Insofern wird man festzuhalten haben, dass das Haus im Herrlisberg einen technischen Endpunkt der Blockbauweise darstellte.
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