Lead
Die Unsichtbarmachung von Konflikten ist Teil von politischer Gewalt. Sie erzeugt historisches Vergessen, Gedächtnis- und Archivleerstellen, die gleichzeitig die geopolitische Konfiguration des globalen Südens widerspiegeln. Gegen diese Amnesie artikulieren sowohl Künstler und Schriftsteller als auch kulturelle Institutionen dissonante Erzählungen und Gegensemantiken und schaffen dabei alternative fiktive, materielle oder visuelle Archive.

Lay summary
Die Erfahrungen aus den bewaffneten Konflikten in Kolumbien (1964-2016) und im Libanon (1975-1991) als paradigmatische Beispiele für Lateinamerika und den Nahen Osten prägen die vielschichtigen und widersprüchlichen Erinnerungskulturen der Gegenwart, die Wahrheit und Verantwortung einfordern. Während der Libanon eine Form von Amnestie wählt, entscheidet sich Kolumbien für den politischen und kulturellen Prozess einer Übergangsjustiz. Friedensprozesse bleiben aber auf zivilgesellschaftliche Vermittlung durch kulturelle Praktiken und Artefakte angewiesen, die ein friedvolles Zusammenleben erst garantieren. Das Projekt geht der Bedeutung der Kulturproduktion der Gegenwartsliteratur und -kunst in den Übergangsprozessen des Post-Konfliktes beider Regionen auf den Grund. Als komparatistische und kulturanalytische Studie angelegt, untersucht das Projekt die grundlegende Frage: Wie können Literatur und Kunst als kulturelle Praktiken eine demokratische Transition vermitteln und über die legale Dimension hinaus eine Versöhnung mit einer gewaltsamen Vergangenheit ermöglichen? Dabei stützt es sich auf die Narratologie als Gedächtnisarbeit, um die Darstellungs- und Erzählformen des Gedächtnisses in Literatur und Kunst und ihre Archivpraktiken zu untersuchen.