Lead
Im Früh- und Hochmittelalter entstehen geschmückte Bücher dort, wo Handschriften nicht nur zur Sicherung von Texten und zu deren Lektüre gebraucht werden, sondern als heilige Objekte dienen. Der auszeichnende Schmuck der in der Liturgie und zur privaten Frömmigkeit verwendeten Bücher wird dabei wesentlich durch edle Materialien bestimmt. Ihr Erscheinungsbild prägt die Oberflächentexturen sakraler Bücher ebenso auf deren äußerer Hülle, dem Bucheinband, wie im Inneren auf den beschriebenen und illuminierten Seiten.

Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Anhand vier exemplarischer Materialgruppen, Gold und Silber, Purpur, Edelsteine und Textilien, vermisst das Forschungsprojekt die Oberflächenlandschaften des mittelalterlichen Buchdekors – sowohl aus der Nahsicht an ausgewählten Einzelbeispielen wie in einer Zeiten und Räume überblickenden Perspektive. Sechs den vier Teilprojekten gemeinsame Fragestellungen werden dabei untersucht: die Topologie, das heißt die Verteilung der Schmuckelemente auf dem dreidimensionalen Buchkörper, die Techniken und Effekte der Oberflächengestaltung und ihr multisensorisches Potential, die Bildlichkeit des Schmucks, das Verhältnis zur Schrift und schließlich Handlungsgeflechte und Diskurse, die Wahrnehmung und Deutung des Buchschmucks in den zeitgenössischen Quellen bestimmen. Ziel ist die Erarbeitung eines neuen Verständnisses mittelalterlicher Buchkunst. In Abkehr vom bisherhigen Zugang wird nicht ihre Illustrationsfunktion in den Mittelpunkt gerückt sondern ihre Funktion als Schmuck – Buchkunst als mit den verwendeten Materialien korrepondierender Ornat. Dabei werden grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Material, Ornament und Dekor in der mittelalterlichen Kunst gestellt.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Unter Einbeziehung der jüngsten Erkenntnisse der Restaurierungswissenschaften wird ein neuer theoretischer Zugang zu den hochaktuellen Fragestellungen nach der Rolle der Materialtät der Dinge im historischen Kontext mittelalterlicher religiöser Praxis erarbeitet, der über den engeren Bereich der mittelalterlichen Buchwissenschaften hinaus für das gesamte Feld mittelalterlicher Kunstgeschichte und Religionswissenschaft von hoher Bedeutung ist.  Als Projektpartner bei der Auswertung und Durchführung naturwissenschaftlicher Materialanalysen fungiert die Abteilung für Konservierungsforschung des Schweizerischen Landesmuseums Zürich.