Lead
Die Reformation verstand sich als Bruch mit der mittelalterlichen Vergangenheit der Kirche, obwohl sie als Strang von historischen Ereignissen selbstverständlich tief in ihrem historischen Kontext verankert war. Die Kontinuitäten, die sich daraus ergaben, prägten die reformierte Tradition viel deutlicher, als oft zugestanden wurde und noch heute zugestanden wird.

Lay summary
Dass die Reformatoren der traditionellen Kirche gegenüber kritisch waren und vor allem betonten, was sie ändern und erneuern wollten, lag in der Natur ihres Anliegens, die mittelalterliche Kirche zu re-formieren. Dennoch waren sie selbst tief in mittelalterlichen Traditionen verwurzelt und äusserten ihre Kritik oft aus Standpunkten heraus, die sich aus theologischen Einsichten des Mittelalters speisten. Das vorliegende Projekt nimmt sich vor, hinter die polemische Rhetorik des 16. Jahrhunderts zurückzublicken, die bis heute viel zu oft einfach übernommen wird, und zu untersuchen, welche Rolle mittelalterliche Denkansätze für die Ausbildung der reformierten Tradition gespielt haben. Es setzt dazu einerseits geographische Schwerpunkte (reformierte Schweiz, Kurpfalz, Schottland und Frankreich), andererseits fokussiert es auf eine spezifische mittelalterliche Denktradition, die für den reformierten Ast der Reformation besonders wichtig gewesen zu sein scheint: die auf Johannes Duns Scotus zurückgehende Denkrichtung des Scotismus.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext
Das Projekt schlägt Brücken zwischen Theologie, Philosophie und Geschichte, und es verbindet mediävistische und frühneuzeitliche Fragestellungen. Zum Aufspüren von Rezeptionsverhältnissen greift es zudem auf Ansätze der Digital Humanities zurück. Damit leistet es einen kritischen Beitrag zur Entstehungsgeschichte einer Tradition, die das moderne Denken bis heute prägt.