Lead
Nicola Vicentinos «L’antica musica ridotta alla moderna prattica» (Rom 1555) ist einzentraler Traktat zur Musik, Aufführungspraxis und Musiktheorie des 16. Jahrhunderts,der bislang allerdings unterschätzt und nur partiell ausgewertet wurde. Eine digitale Edition ermöglicht einen neuen Zugang.

Lay summary

Ziel des Projektes ist die Erforschung des historischen, intellektuellen und musikalischen Kontextes von Nicola Vicentino (1510-1577) sowie die Rezeption und der Einfluss seiner revolutionären Ideen und Überlegungen zu Musik und Musiktheorie (Stichwort: Wiedereinführung von antiker Chromatik und Enharmonik), wie sie vor allem in seinem Traktat von 1555 überliefert sind. Zu diesem Zweck erstellt «Vicentino21» eine digitale Edition des Traktats und seiner Musik, die Open Access auf einer Plattform zur Verfügung gestellt wird (in Zusammenarbeit mit der Nationalen Infrastruktur für Editionen NIE-INE). Basierend auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts «Studio31», u.a. den rekonstruierten Instrumenten Arciorgano und Archicembalo nach Vicentino (siehe «projektstudio31.com»), ermöglichen ergänzende Übersetzungen, Kommentare und Klangbeispiele einen klanglichen Nachvollzug der in ihren harmonischen und melodischen Kühnheiten beispiellos spektakulären Musik Vicentinos und bietet die Voraussetzung für eine neue Auseinandersetzung mit diesem bemerkenswerten Musiker und seinen innovativen Ideen.

Die Bedeutung liegt in 3 Hauptaspekten:
1. Die exemplarische digitale Edition eines bedeutenden Musiktraktats aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, der bislang hinsichtlich seines Beitrags zur Integration der Chromatik und Enharmonik zwar wahrgenommen, aber teils falsch verstanden, teils unterschätzt wurde.

2. Durch die Aufarbeitung des historischen, kulturellen, musikalischen und intellektuellen Hintergrunds wird ein eigentliches Manifest der mit und nach Vicentino einsetzenden Erweiterung des genutzten Tonraums zugänglich: zunächst durch den expliziten Einbezug von Chromatik und Enharmonik, zunehmend aber durch nurmehr implizite Allusionen auf Chromatik und Enharmonik, was die Entwicklung der Tonsprache der europäischen Musik wesentlich beeinflusste.

3. Schliesslich schlagen Vicentinos Ideen und ihre Manifestation im Arciorgano über den engeren fachwissenschaftlichen und aufführungspraktischen Kontext hinaus eine Verbindung in aktuelles Musikschaffen (Stichwort Mikrotonalität) wie auch in sogenannte aussereuropäische Musik, wie sie bereits Vicentino explizit beschrieb.