Lead
Es gibt einen engen Zusammenhang von Interaktion und Architektur. Im Falle der modernen Institutionen der Gesellschaft wird er besonders greifbar: Ausprägungen institutioneller Kommunikation (in Form z.B. von "Gottesdienst", "Fahrkartenverkauf" oder "Vorlesung") haben mit spezifischen Architekturen ein gebautes Zuhause gefunden (wie z.B. die "Kirche", den "Schalter" oder den "Hörsaal"). Interaktionsarchitekturen dieser Art sind wie die institutionelle Kommunikation, deren Ausdruck und Bestandteil sie sind, dem gesellschaftlichen Wandel ausgesetzt.

Lay summary
Wenn sich Menschen begegnen, treffen oder sonstwie zusammenkommen und auf diese Weise in eine Interaktion geraten, ist damit grundsätzlich ein auf die Zwecke ihres jeweiligen Beisammenseins zugeschnittener Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Handlungsraum verbunden. Ohne dass sie darüber in der Regel lange nachdenken oder gar sprechen müssen, schaffen die Beteiligten einen gemeinsamen "Interaktionsraum". In den modernen Institutionen der Gesellschaft wird diese Herstellung des Interaktionsraumes auf eine markante Weise durch Architektur im Sinne gebauter, gestalteter und ausgestatteter Räume unterstützt. Der sicht- und betretbare Ausdruck davon sind die Zweckgebäude der modernen Gesellschaft und ihrer Organisationen. In ihnen haben spezifische Ausprägungen institutioneller Interaktion ihr gebautes Zuhause gefunden: So findet die "Vorlesung" wie selbstverständlich im "Hörsaal", der "Gottesdienst" in der "Kirche" und der "Fahrkartenverkauf" am "Ticketschalter" statt. Wir sprechen in diesen und ähnlichen Fällen von Interaktionsarchitekturen, weil die fraglichen Räume architektonische Formen der Lösung immer wieder ähnlicher interaktiver Probleme darstellen. Als solche sind sie Ausdruck und Bestandteil institutioneller Kommunikation und wie diese als Produkt gesellschaftlicher Evolution dem Wandel ausgesetzt. Dieser Wandel steht im Mittelpunkt des vorliegenden Projektes: Sowohl am Schalter als auch im Kirchenraum und – mit Abstrichen – auch im Hörsaal können wir seit geraumer Zeit erleben, wie seit langem bewährte interaktionsarchitektonische Vorgaben zurückgenommen (und z.T. tatsächlich zurückgebaut) werden, so dass es zu Übergängen vom Schalter zum Service Center, vom Kirchenraum zum Open Space und vom Hörsaal zum Multimedia-Hub kommt. Das Projekt soll mit der Untersuchung der genannten Schauplätze und der dort stattfindenden Interaktionen die These überprüfen, dass mit den interaktionsarchitektonischen Veränderungen Tendenzen zur  Entdifferenzierung, Entstrukturierung und Enthierachisierung institutioneller Kommunikation einhergehen, die sich als Prozess der "Re-Figuration" fassen lassen.