Lead
Das SIBA-Projekt: "Postosmanische Städte im Visier: Visuelle Zugänge zur vergleichenden Lebensweltforschung in Jugoslawien und der Türkei" untersucht anhand von Pressefotografie, wie sich der öffentliche Raum jugoslawischer und türkischer Städte nach dem Ersten Weltkrieg und dem Untergang des Osmanischen Reiches veränderte. Es wirft einen frischen und unvoreingenommenen Blick auf postosmanische Urbanität und verortet diese zugleich im europäischen Kontext, von dessen Zeitgeist sie nachhaltig geprägt ist. Damit stellt es liebgewordene Vorurteile über Südosteuropa in Frage und regt zur Reflexion über Gemeinsames und Trennendes, über den europäischen Zeitgeist der Zwischenkriegszeit und orientalische 'Otherness' an.

Lay summary
Das SIBA-Projekt hat sich zwischen 2013 und 2018 mit Pressefotografie aus der Türkei und Jugoslawien in den 1920er und 1930er Jahren beschäftigt und eine Datenbank mit Bildern aus istanbul, Ankara, Belgrad und Sarajevo aufgebaut. Diese Bilder liegen als digitale Scans vor, die wir mithilfe von Tageszeitungen, weiterer Literatur und in Kooperation mit lokalen PartnerInnen recherchiert haben. Um den Inhalt der Bilder zu erforschen, haben wir sie digital bearbeitet, also geschärft und vergrössert. Ein kleiner Teil dieser Bilder ist auf dem Onlineportal 'Visual Archive Southeastern Europe' als wissenschaftliche Edition aufrufbar (gams.uni-graz.at/vase; gams.uni-graz.at/siba).
In Zusammenarbeit mit dem Museum Jugoslawiens (Sarajevo), dem Fotografiespezialisten Mehmed Akšamija (Sarajevo) und dem Belgrader Künstler und Designer Igor Stepancic konzipierten wir ferner die Ausstellung 'Cities on the Move – Post-Ottoman', die den urbanen Raum postosmanischer Städte in der Zwischenkriegszeit in fünf thematischen Einheiten erfahrbar macht. Diese sind:
  1. Das Stadtzentrum als repräsentative Bühne, auf der die politische Elite für ihre nationalen Ziele warb.
  2. Das Basarviertel als wirtschaftliches und soziales Herzstück jeder osmanischen Stadt, wo die Bevölkerung unabhängig von Geschlecht und Stellung zusammentraf.
  3. Sport und Militär wird ein Mittel zur nationalen Mobilisierung der männlichen UND weiblichen Jugend.
  4. Kleidung markiert den gesellschaftlichen Wandel von Untertanenschaft zur Zivilgesellschaft.
  5. Die Säkularisierung von Freizeit: Die zeitgenössische Maxime eines gesunden Volkskörpers förderte die Verbreitung von Massensport. Zielgruppe war die Jugend beiderlei Geschlechts, arme Ältere blieben ausgeschlossen.
Die Ausstellung ist in Südosteuropa ein grosser Publikums- und Medienerfolg geworden und wird im Frühjahr 2019 auch in Graz, Ljubljana und Zagreb zu sehen sein.
Neben Ausstellung und klassischer schriftlicher Publikation produzierten wir in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Lordan Zafranovic den experimentellen Dokumentarfilm 'Zeitgeist' (Duh vremena / Zamanin ruhu), der die Geschichte postosmanischer Städte als Reigen historischer Fotografien erzählt und so im wortwörtlichen Sinn des Projekttitels die Lebenswelten postosmanischer Nachkriegsstädte visuell erforscht und für die Nachwelt erschliesst.