Lead
Als die ersten Griechen und Phönizier im frühen ersten Jahrtausend v. Chr. an den Küsten Süditaliens landeten, stiessen sie auf eine hier seit langem ansässige einheimische Bevölkerung. Ein vielfältiger kultureller Austausch war die Folge, der letztlich in der Gründung von dauerhaften griechischen Städten endete. Eine dieser Gründungen, das antike Sybaris (ca. 720 v. Chr.), und das sie umgebende Hinterland mit der einheimischen Siedlung von Francavilla Marittima stehen im Mittelpunkt einer intensiven Forschungsdebatte um die Folgen dieses frühen Migrationsprozesses und seiner Auswirkungen auf die einheimischen Kulturen.

Lay summary

Aufbauend auf den bisherigen Ausgrabungen im Gräberfeld des antiken Francavilla Marittima im nördlichen Kalabrien will das Projekt den Prozess der Kulturbegegnung zwischen der italischen Bevölkerung und den neu einwandernden Griechen und Phöniziern und insbesondere die Frage nach der kulturellen und physischen Identität der jeweiligen Akteure klären. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die kulturelle Identität nicht allein an den Grabbeigaben beurteilen lässt. Einheimischer Trachtschmuck kann auch von Fremden getragen und griechische Keramik ebenso gut einheimischen Menschen mit ins Grab gegeben werden. Um diese Aporie zu überwinden, sucht das Projekt den Zugang zur Identität über zwei Wege: die Anthropologie und Bioarchäometrie einerseits und die Archäologie andererseits. Was Erstere anbetrifft, steht insbesondere die Isotopie im Vordergrund, die Aufschluss über die mögliche Ortsansässigkeit der Verstorbenen und ihre Ernährung gibt. Inwiefern der Erhaltungszustand der Knochen auch DNA-Analysen zulässt, wird ebenfalls zu prüfen sein. Auf der anderen Seite sollen die archäologischen Ausgrabungen in der Nekropole fortgesetzt werden, um die kulturellen Aneignungsprozesse auch im Grabbrauchtum zu erhellen. Im Vordergrund der Untersuchungen stehen Gräber der archaischen Zeit, d.h. der Jahrhunderte nach der Gründung von Sybaris, von ca. 700 – 500 v. Chr. In dieser Zeit ist zunächst ein deutlicher Rückgang der Gräber und dann wieder ein markanter Anstieg zu beobachten. Bedeutet dies, dass die einheimische Bevölkerung mit der Gründung von Sybaris in die griechische Metropole umgesiedelt (freiwillig oder unfreiwillig?) und dann erneut an ihren alten Herkunftsort zurückgekehrt ist? Und wenn ja, warum erfolgte die Rückkehr zu einer Zeit, in der Sybaris zu den reichsten Städten Unteritaliens gehörte und der Wohlstand der dortigen Bevölkerung geradezu sprichwörtlich war? Das Projekt will diese Fragen mit interdisziplinären Methoden und in internationaler Zusammenarbeit erhellen und damit einen Beitrag zu einem besseren Verständnis früher Mirgrationsprozesse und kultureller Interaktion in einer Kernregion der Mittelmeerwelt in einem entscheidenden Moment der Geschichte leisten.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Mit der Verbindung von archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden und unter Einbezug von kulturhistorischen und theoretischen Konzepten will das Projekt aus antiker Perspektive einen Beitrag zu einer aktuellen gesellschaftlichen Debatte zu Kulturaustausch und Migration leisten, einem Prozess, der gerade auch in Süditalien selbst gegenwärtig besonders virulent erfahren wird.