Lead
Zwischen 1850 und 1950 entwickeln sich physiologische Regulationsvorstellungen, die über das Verhältnis von Organismus und Umgebung konfiguriert werden: Zunächst entsteht Regulation als Konzept über die Verinnerlichung der äusseren Umgebung des Organismus, anschliessend wird dieser Organismus mit seiner Umgebung rückgekoppelt.

Lay summary

Inhalt und Ziele des Forschungsprojekts
Das Projekt fokussiert aus historisch-epistemologischer Perspektive drei Episoden physiologischer Wissensproduktion: Erstens entwickelt der französische Physiologe Claude Bernard um 1850 eine Regulationsvorstellung, die nicht mehr von der Umgebung sondern vom Organismus ausgeht. Zweitens betont der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon um 1920 mit dem Konzept der »Homöostase« die Autoregulation, d.h. die Fähigkeit von Organismen sich unabhängig von ihrer Umgebung regulieren zu können. Drittens reformuliert der britische Hirnforscher W. Ross Ashby um 1950 die Homöostase kybernetisch: Organismus und Umgebung stellen ein »System mit Feedback« dar. Die Vorstellung der rückgekoppelten Regulation ermöglicht es in den 1960er-Jahren zum einen der Molekularbiologie, den zuvor von der Genetik weitgehend geschlossen konzipierten Organismus zu seiner Umgebung hin offenen zu denken und zum anderen, dass die »Homöostase« zum zentralen Konzept einer neuen Ökologie wird.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts
Das Projekt leistet einen Beitrag zur »Geschichte der Gegenwart«: Die Ökologie avanciert in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Leitwissenschaft und das Ökosystem zu einer zentralen Kategorie unseres Denkens. Dieses Gewordensein des modernen ökologischen Denkens wird erschlossen, indem die heterogenen Forschungsfelder Physiologie, Kybernetik und Ökologie aufeinander bezogen werden und so ein missing link zwischen Physiologie- und Ökologiegeschichte hergestellt wird.