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Lay summary
Das Projekt "Befreiungsbiologie" will sich mit der naturwissenschaftlichen Beeinflussung eines zentralen Aspekts unseres traditionellen Menschenbilds - der menschlichen Freiheit - auseinandersetzen. In der modernen Biologie lassen sich drei Stränge isolieren, die alle in der einen oder anderen Weise Vorstellungen menschlicher Autonomie und Freiheit bedrängen, indem sie den Menschen als biologisch determiniert verstehen.(1) Die Genetik hat eine Reihe von mittlerweile tiefsitzenden Metaphern in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist, die Gene als die fundamentalen Determinanten menschlicher Eigenschaften darstellen. Von Augenfarbe, Intelligenz bis zum Glauben an Gott liegt alles "in den Genen". Selbstbestimmung, Charakterentwicklung und die Möglichkeit persönlichen Wandels scheinen somit undenkbar.(2) Populäre Strömungen innerhalb der Evolutionsbiologie beschreiben uns als von uralten Evolutionsprozessen geformte Kreaturen, die, in einer Art mentalen Zwangsjacke aus der Steinzeit steckend, sich nun mit einer sie überfordernden modernen Umwelt auseinandersetzen müssen ("Evolutionspsychologie"). Oder aber der Mensch als Akteur der Evolution verschwindet aus dem Fokus mancher Theorien und erscheint dort bloss noch als zweckmässige Waffe auf einem evolutionären Kriegsschauplatz, dessen wahre Akteure selbstsüchtige Gene sind (z.B. Dawkins' "The selfish gene").(3). Experimente in der Hirnforschung haben manche Neurowissenschaftler zu einer kategorischen Leugnung menschlicher Willensfreiheit geführt. Der (scheinbar) simple Befund, dass die bewusste Wahrnehmung einer Handlungsintention deutlich nach der unbewussten neuronalen Initiation der Handlung erfolgt, wird als Beweis dafür verstanden, dass unsere bewussten Intentionen nicht die Ursache unserer Handlungen sind, sondern wir bloss "ans Gehirn gefesselte" unfreie Zuschauer eines neuronal determinierten Spektakels sind.Was ist von diesen deterministischen Provokationen zu halten?Das Projekt "Befreiungsbiologie" soll diese Frage beantworten. Es soll die Geschichte dieser drei deterministischen Stränge in der Biologie nachzeichnen, ihre Verflechtung mit der Gesellschaft untersuchen und ihr Ideengut aus empirischer und theoretischer Sicht kritisch hinterfragen. Daraus soll eine Neuverortung der Möglichkeit menschlicher Handlungs- und Willensfreiheit resultieren. Eine Behandlung dieser Frage ist auch von grosser sozialer Relevanz, bestimmen doch die biologischen Leitwissenschaften Genetik und Neurobiologie in beträchtlichem Masse Weltanschauung und Menschenbild in der Gesellschaft und beeinflussen so sozial-politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.