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Lay summary
Dass Geschlecht nach wie vor als zentrales gesellschaftliches Differenzierungsprinzip wirksam ist, manifestiert sich deutlich in der geschlechtsspezifischen Segregation zwischen und innerhalb von Berufsfeldern. Noch heute sind viele Berufe fast ausschliesslich von einem Geschlecht - häufig von Männern - besetzt, obwohl sie rein formal beiden Geschlechtern offen stehen. Die dazu führenden Prozesse sozialer Schliessung gehen einher mit kulturellen Konstruktionen der Geschlechterdifferenz.
Das Projekt untersucht diese Prozesse und Konstruktionsleistungen anhand von zwei Extrembeispielen - dem Beruf des Bergführers (Projekt AndreaHungerbühler) und des Theaterregisseurs (Projekt Denis Hänzi). Beide Berufsfelder sind dominant maskulin geprägt. Sowohl in der Figur des Bergführers, der für den idealen Schweizer steht, wie auch in jener des Künstlergenies, hat sich Männlichkeit ‚verberuflicht’. Im einen Fall macht sich die ‚symbolische Maskulinität’ an der heroischen Überwindung der Natur fest, im anderen am genialischen Schaffen von Kultur. In beiden Feldern ist die berufliche Bewährung - so die These - an eine spezifische Form der (Selbst-)Charismatisierung gebunden.

Das Ziel der Studien besteht erstens darin, die Charakteristiken der beiden Berufsfelder zu erschliessen und die in ihnen wirksamen ‚Spielregeln’ sowie Handlungsprobleme nachzuzeichnen. Zweitens wird, anhand einer Auswahl von in diesen Feldern tätigen Akteurinnen und Akteuren, eine Typologie von beruflichen Bewährungsstrategien, Deutungsmustern und Habitusformationen erstellt. Von besonderem Interesse ist, wie Geschlecht im beruflichen Handeln und Deuten konstruiert wird und welche Bedeutung etwa dem „männlichen Habitus“ (Bourdieu) bei der beruflichen Bewährung zukommt. Die gezielte Kontrastierung der beiden Berufsfelder soll Aufschluss geben über die komplexen Wechselwirkungen von Geschlechterkonstruktionen, beruflicher Bewährung, Charisma und(nationaler) Identität, über das aktuelle Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft sowie das Funktionieren von Mechanismen sozialer Schliessung generell.

Die beiden Studien entstehen im Rahmen des Graduiertenkollegs „Gender:Scripts and Prescripts“ der Universitäten Bern/Freiburg. Sie sind kultursoziologisch angelegt und knüpfen an die aktuellen Debatten in derGeschlechter- und der Berufssoziologie an. In beiden Projekten werden nicht-standardisierte Interviews mit rund 20 Regisseuren und Regisseurinnen bzw. Bergführern und Bergführerinnen geführt und im Sinne der Objektiven Hermeneutik sequenzanalytisch ausgewertet. Zur Aufarbeitung der Berufsfelder werden Dokumentenanalysen, Experteninterviews und Teilnehmende Beobachtungen im Feld durchgeführt.