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Lay summary
Im Zentrum des Projekts steht eine der fundamentalsten Fragen der Psychologie überhaupt: Wie ist die funktionale Beziehung zwischen der objektiven Aussenwelt und der der subjektiven Innenwelt von Menschen? In anderen Worten: Gibt es eine Gesetzmässigkeit, nach der die externe Welt in uns intern, mental repräsentiert ist. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung ist dieses Problem, ursprünglich die Kernfrage der Psychologie, noch nicht befriedigend gelöst, was vor allem daran liegt, dass es in allen bisherigen Forschungsbemühungen noch eine zweite, meistens ignorierte Unbekannte gab: die Funktion, nach der die Person ihre innere Empfindung in eine extern beobachtbare Antwort überträgt. Aufgrund eigener Untersuchungen der letzten Jahre liegen nun starke, mehrfach validierte Anzeichen dafür vor, dass diese Funktion in der Regel linear ist, und zwar nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch schon bei jüngeren Kindern. Diese Erkenntnis soll im geplanten Vorhaben experimentell nutzbar gemacht werden.

Die Aufgabe wird sein, für eine klar definierte Menge von physikalischen Grössen wie Zeit, Geschwindigkeit, Distanz, Gewicht, Volumen, Dichte, Temperatur, Lautstärke oder Helligkeit die funktionale Beziehung zwischen diesen Dimensionen der externen Welt und deren subjektiven Repräsentationen zu finden, und dies für Kinder ab dem Alter von 4 Jahren über die Adoleszenz bis in das Erwachsenenalter hinein. Dabei sollen vorwiegend nonverbale Methoden zum Einsatz kommen, die sich in eigenen Untersuchungen zur kognitiven Entwicklung von Kindern bewährt haben. Ziel ist es somit, einen neuen Forschungsbereich zu erschliessen:„Developmental Psychophysics“. Die zu erwartenden Ergebnisse werden in erster Linie für die Grundlagenforschung relevant sein, und dies in verschiedener Hinsicht. Zum einen ist ein fundiertes Wissen über psychophysische Funktionen im Kindesalter praktisch nicht existent. Zum anderen können die Ergebnisse einen wichtigen Beitrag dazu liefern, einen prinzipiellen Mangel der Forschung zur kognitiven Entwicklung von Kindern aufzuheben. Dieser besteht darin, dass dort so gut wie immer davon ausgegangen wird, dass es zwischen den objektiven Werten der physikalischen Welt - auch den Zahlen - und ihrer subjektiven Repräsentation eine lineare Entsprechung gibt. Dabei wird so argumentiert, als ob Kinder mit objektiven Werten gedankliche Operationen vornehmen - was sie natürlich nur mit subjektiven tun. Auf der Grundlage der Ergebnisse dieses Projekts könnten sich somit einige Revisionen vermeintlicher Wahrheiten über kognitive Strukturen und Fähigkeiten von Kindern ergeben - was dann beträchtliche Implikationen für die pädagogische Praxis hätte.