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Freiwilligkeit und Geschlecht. Neuverhandlung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung seit den 1970er-Jahren

English title The Gender of Voluntarism: Renegotiating the Social Division of Labor since the 1970s
Applicant Ludi Regula
Number 200458
Funding scheme Project funding
Research institution Institut interdisciplinaire d'éthique et des droits de l'homme Université de Fribourg
Institution of higher education University of Fribourg - FR
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.09.2021 - 31.08.2025
Approved amount 435'601.00
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All Disciplines (2)

Discipline
General history (without pre-and early history)
Swiss history

Keywords (16)

Freiwilligenarbeit; Ehrenamt; Arbeitsbegriff; Gesellschaftliche Arbeitsteilung; Beratungstätigkeit; Frauenprojekte; Neue Frauenbewegung; Non-Profit Organisationen; Hilfsorganisationen; Unentgeltlichkeit; Geschlechtergeschichte; Geschlechterordnung; Verwissenschaftlichung; Gesellschaftskritik; Zeitgeschichte; Alternatives Milieu

Lay Summary (German)

Lead
Die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement ist anhaltend hoch. Das hat die COVID-19-Pandemie eindrücklich gezeigt. Hingegen haben sich Praktiken und Rahmenbedingungen der Freiwilligkeit stark verändert. Das Projekt fragt nach den Ursachen und Auswirkungen dieses Wandels.
Lay summary

Die Organisation der Freiwilligkeit ist ein Faktor der Geschlechterordnung. Das rückt die neue Frauenbewegung als Kraft des Wandels in den Fokus. Feministische Projekte wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Notruftelefone füllten seit den 1970er-Jahren Lücken im sozialstaatlichen Dienstleistungsangebot. Sie beruhten lange ausschliesslich auf Freiwilligenarbeit. Als autonome Frauenräume waren sie Orte der Emanzipation. Die feministische Gesellschaftskritik animierte Aktivistinnen zugleich zur kritischen Reflexion des eigenen Handelns. Diese Auseinandersetzungen bewirkten eine Neucodierung der Freiwilligkeit, die ihr Pendant im steigenden Interesse der Sozialwissenschaften fand. Seit 1996 wird Freiwilligenarbeit in der Schweiz statistisch erfasst. Diese Erhebungen belegen Schwankungen in der Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit und Veränderungen im Sozialprofil der Freiwilligen. Das Projekt interessiert sich für die Wechselwirkung zwischen den erwähnten Entwicklungen und untersucht, wie sich die Verwissenschaftlichung der Freiwilligkeit auf konkrete Praktiken auswirkt.

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

 

Methodisch stützt sich das Projekt auf geschlechter-, kultur- und sozialhistorische Ansätze. Als Beitrag zur Geschichte der Gegenwart verspricht es Antworten auf aktuelle Fragen, die sich bei der Aushandlung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung stellen.

Direct link to Lay Summary Last update: 07.07.2021

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Project partner

Abstract

Seit den 1990er-Jahren steht die Freiwilligkeit im Brennpunkt von Politik und Wissenschaft. Die meisten westeuropäischen Staaten verfügen seither über systematisch erhobene Daten zum aggregierten Stundenaufwand unentgeltlicher Leistungen. Weitgehend unerforscht ist hingegen die Geschichte der Freiwilligkeit. Veränderungen freiwilliger Praktiken und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung waren bisher kaum Gegenstand historischer Untersuchungen. Als Geschichte der Gegenwart angelegt, fragen wir in diesem Projekt nach den Gründen für die gesteigerte Aktualität der Freiwilligkeit in der jüngeren Vergangenheit. Was bedeutet dieser Wandel für die Freiwilligenarbeit als Praxis und wie zeigt er sich im Reden über Freiwilligkeit? Welche neuen Formen der Freiwilligkeit entstanden und wie wirkten sie sich auf etablierte Praktiken aus? Welche Ordnungsvorstellungen liegen der Freiwilligenarbeit und den Appellen an die Freiwilligkeit zugrunde? Wie wirken sich institutionelle Neue-rungen auf das Verhältnis von Pflicht und Freiwilligkeit aus? Ausgehend von der Prämisse, dass die Organisation der Freiwilligkeit konstitutiv ist für Geschlechterarrangements, richtet sich unser Interesse speziell auf geschlechterhistorische Aspekte. Neue Erkenntnisse versprechen wir uns dabei von folgenden Untersuchungsschwerpunkten:Freiwilligkeit als emanzipatorische Praxis der neuen Frauenbewegung (Teilprojekt 1): Die neue Frauenbewegung hat seit den frühen 1970er-Jahren eine Vielzahl von Dienstleistungsangeboten geschaffen, die auf freiwilligem Engagement von Frauen basierten und sich explizit an Frauen richteten. Deklariertes Ziel dieser Einrichtungen war einerseits die Kompensation sozialstaatlicher Defizite. Anderseits war das freiwillige Enga-gement Teil einer utopischen Programmatik und bezweckte den Aufbau einer autonomen Gegenkultur mit revolutionärem Anspruch. Die Freiwilligkeit war im feministischen Milieu indessen weder widerspruchs- noch konfliktfrei und provozierte intensive theoretische Auseinandersetzungen. Das Erkenntnisinteresse des Teilprojekts richtet sich sowohl auf die Praktiken und Vorstellungen der Freiwilligkeit, die das Entstehen dieser Gegenkultur animierten, als auch auf Konflikte und Ambivalenzen des feministischen Engagements.Praktiken der Freiwilligkeit nach dem epistemischen Bruch (Teilprojekt 2): Seit dem späten 20. Jahrhundert erheben die meisten europäischen Staaten Daten zur unbezahlten Arbeit. Bis dahin war die Freiwilligenarbeit statistisch unsichtbar, ihr Umfang unbekannt. Rückblickend war dieser Paradigmenwechsel in der Arbeitsstatistik revolutionär und hatte Auswirkungen auf das Sozialversicherungsrecht und die Organisation des freiwilligen Engagements. Gestützt auf die Annahme, dass dieser Umbruch die Wahrnehmung und Thematisierung von freiwilliger Arbeit nachhaltig veränderte, fokussiert das Teilprojekt auf die Produktion und den Transfer von Wissen, das den epistemischen Bruch ausmachte. Es fragt nach den Initiativen zur Entgrenzung des Arbeitsbegriffs und deren Bedeutung für die konkrete Freiwilligenarbeit im Rahmen sich transformierender Geschlechterarrangements.
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