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Kerbela am Bosporus: Aushandlungsprozesse religiöser Identität in schiitischen Gemeinschaften in Istanbul

English title Kerbela at the Bosphorus: Negotiating religious identity among Shii communities in Istanbul
Applicant Reinkowski Maurus
Number 200454
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Seminar für Nahoststudien Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.04.2021 - 31.03.2025
Approved amount 253'450.00
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All Disciplines (2)

Discipline
General history (without pre-and early history)
Ethnology

Keywords (22)

Kollektives Gedächtnis; Kerbela; Aserbaidschan; Türkei; Iran; Muharram; Rituale; Schia; religiöse Autorität; Erinnerungskultur; Historisch-kritische Methode; Formen des Kapitals nach Pierre Bourdieu; Istanbul; Aleviten; Identität; Diskursanalyse nach Michel Foucault; Religion; Husain; Minderheit; Nationalismus; Aschura; Interviews

Lay Summary (German)

Lead
Die schiitischen Gemeinschaften Istanbuls erinnern jedes Jahr an die Schlacht bei Kerbela (680), bei der ihr dritter Imam getötet wurde. Im Projekt werden ihre Erinnerungskultur und Position als religiöse Minderheit in der Türkei im Vergleich zur sunnitisch geprägten Mehrheitsbevölkerung untersucht.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts   

Mit dem stetigen Wachstum der schiitischen Gemeinschaften in der Türkei, geprägt durch die iranische Revolution (1977-1979), den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Irakkrieg Anfang der 2000er Jahre, erfuhr die schiitische Gemeinde eine grössere Sichtbarkeit gegenüber Staat und Gesellschaft. Aus der Erinnerung entwickelten sich Rituale, die sie jährlich zu Aschura, den ersten Tagen des Monats Muharram, begehen. Dazu gehören Prozessionen, Aufführungen, die die Schlacht nachspielen, und das gemeinsame Trauern. 

Das Projekt will untersuchen, welchem Wandel die Ritualpraxis, kondensiert in der Erinnerung an die Schlacht, durch historische Gegebenheiten im nationalen Kontext unterworfen ist. Hierzu sollen Minderheitsdiskurse, innerschiitische Dynamiken über die Deutungshoheit der Erinnerungskultur und Aushandlungsprozesse zu religiösen und nationalen Identitäten untersucht werden. Das Projekt will damit dazu beitragen, ein detailliertes Verständnis der Bedeutung der Rituale in Erinnerung an die Schlacht bei Kerbela für Schiitinnen und Schiiten in Istanbul zu entwickeln.


Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Es ist von Bedeutung, grundlegendes Wissen über schiitische Gemeinschaften in Istanbul und der Türkei bereitzustellen, einen Beitrag zur Kartierung der türkischen Religionslandschaft zu leisten und Muster ethnischer sowie religiöser Zugehörigkeit in der Türkei herauszuarbeiten. 

 

Keywords

Schia, Istanbul, Türkei, Rituale, Kerbela, Aschura, Muharram, Minderheit, Identität, Religion.

Direct link to Lay Summary Last update: 28.03.2021

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, die Erinnerung der schiitischen Gemeinschaften an die Schlacht bei Kerbela in Istanbul und ihre Selbstverortung der religiösen Identität in der Interaktion mit Staat und Gesellschaft in der Türkei ab 1978 zu untersuchen. In religiöser Selbstsicht und Praxis ist für die Schiitinnen und Schiiten in der gesamten islamischen Welt die Schlacht von zentraler Bedeutung, da sie als Höhepunkt des Nachfolgestreits um die Führung der Umma zur endgültigen Abspaltung vom umayyadischen Kalifat unter Yazid 680-683 führte. Der Schlacht wird in den ersten zehn Tagen des Mu?arrams gedacht, aber ihre Bedeutung für die schiitische Erinnerungskultur geht weit über diese Gedenktage hinaus. Während der iranischen Revolution 1977-1979 riefen die Menschen bei den Demonstrationen ma ahl-e kufa nistim - wir sind nicht die Leute aus Kufa, um sich von den Kufanerinnen und Kufanern abzugrenzen, die ?usain während der Schlacht nicht zu Hilfe geeilt waren. Das Narrativ von einer noch immer andauernden Schuld zeigt sich daher bis heute. Während Ayatollah Khomeini in Iran eine Islamische Republik begründete und damit weltweit eine stärkere Selbstverortung von Schiitinnen und Schiiten als schiitisch bewirkte, führten Migrationswellen aus den ostanatolischen Gebieten Kars und Igdir sowie aus Aserbaidschan, Iran, Irak und dem Libanon zu wachsenden schiitischen Gemeinschaften in Istanbul und der Aufnahme von öffentlichen Ašura-Prozessionen, Taziye-Aufführungen und Reden in den Tagen vom ersten bis zum zehnten Mu?arram. Auch Rahmenveranstaltungen wie das Verteilen von Speisen und Getränken auf den Strassen wurden wichtiger Bestandteil des Rituals. Nachdem Atatürk 1925 ein Gesetz erlassen hatte, das Sufi-Orden und ihre Orte der Zusammenkunft (tekke) verbot, konnten infolgedessen auch die schiitischen Gemeinschaften Istanbuls keine öffentlichen Ašura-Rituale vollziehen. Dies wandelte sich, nachdem das Gesetz ab den 1960er Jahren keine Anwendung mehr fand und sich die Schiitinnen und Schiiten im Stadtteil Halkali in Istanbul zu Gemeinschaften zusammenschlossen. Im Zuge dessen erbauten sie 1978-1979 die Zeynebiye Camii, die bis heute das schiitische Zentrum Istanbuls darstellt. Während in der späten Zeit des Osmanischen Reiches und den ersten Jahrzehnten der Republik Türkei vor allem iranischstämmige Schiitinnen und Schiiten in Istanbul lebten, führten die Migrationswellen zu einer sprachlichen und kulturellen Vielfalt innerhalb der schiitischen Gemeinschaften, wobei heute aserbaidschanischstämmige Schiitinnen und Schiiten die Mehrheit bilden. Mit dem stetigen Wachsen der Gemeinschaften, geprägt durch die iranische Revolution, den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Irakkrieg Anfang der 2000er Jahre, erfuhr die schiitische Gemeinde eine grössere Sichtbarkeit gegenüber Staat und Gesellschaft in der Türkei. Zunächst belegte der Staat in den 1980er Jahren öffentliche Veranstaltungen der schiitischen Gemeinschaften zu Ašura mit Restriktionen, in den folgenden Jahrzehnten wurden jedoch schiitische Fernsehsender gegründet und Zeitschriften herausgegeben, die zu einer deutlicheren Sichtbarkeit führten. Zwei dieser Fernsehsender wurden infolge des Putschversuches 2016 zunächst eingestellt, konnten jedoch in den darauffolgenden Jahren wiedereröffnet werden. Die Interaktion mit dem Staat zeigt, dass dieser die schiitische Gemeinde, die bis zu drei Millionen Menschen umfasst, als politisch relevant ansieht. Das Projekt hat zum Ziel, historische, philologische und ritualpraktische Forschungsansätze zu verknüpfen und zu untersuchen, welchem Wandel die Ritualpraxis, kondensiert in der Erinnerung an die Schlacht bei Kerbela, durch historische Gegebenheiten im nationalen Kontext unterworfen ist. Hierzu soll der Schwerpunkt besonders auf drei wesentliche Felder gelegt werden: a) schiitische Gemeinschaften als religiöse Minderheit im Vergleich zur sunnitischen Mehrheitsgesellschaft in Istanbul in der historischen Perspektive des späten 20. und 21. Jahrhunderts, b) sprachliche Hegemonien und innerschiitische Dynamiken über die Deutungshoheit der Erinnerungskultur, c) Aushandlungsprozesse zu religiösen und nationalen Identitäten, in der Weise nämlich, dass dem türkischen und iranischen Nationalstaatskonzept jeweils eine starke sunnitische bzw. schiitische Komponente eingeschrieben ist.
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