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Krise und Handlungsmöglichkeit

English title Crisis and Praxis
Applicant Hindrichs Gunnar
Number 200449
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Philosophisches Seminar Künste, Medien, Philosophie Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline Philosophy
Start/End 01.08.2021 - 31.07.2025
Approved amount 662'149.00
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Keywords (4)

Gesellschaftskritik; Krise; Orientierung; Möglichkeit

Lay Summary (German)

Lead
Die vielfältigen Krisendiagnosen der Gegenwart bedürfen einer philosophischen Diskussion des Krisenbegriffs. Das Projekt untersucht die grundlegende Bedeutung des Begriffs Krise für die Philosophie der Handlung, der Gesellschaft und der Geschichte.
Lay summary

Inhalt und Ziel

Das Forschungsprojekt bemüht sich um eine philosophische Deutung der Krisenerfahrungen unserer Zeit. Hierfür untersucht es den Begriff der Krise unter drei Perspektiven. Die erste Perspektive fasst Krise als elementaren Begriff der Handlungstheorie. Die zweite untersucht den Krisenbegriff im gesellschaftlichen Kontext. Die dritte verortet den Krisenbegriff im geschichtsphilosophischen Kontext. In allen drei Perspektiven untersucht das Projekt, ob und wie Krisen Handlungsmöglichkeiten verschliessen, aber auch eröffnen.

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Bis auf einige Ausnahmen gibt es bisher keine umfassende Philosophie des Krisenbegriffs. Das Forschungsprojekt füllt diese Lücke. Zugleich folgt das Projekt auch einem gesellschaftlichen Desiderat. In Diskursen vielfältiger Krisendiagnosen bietet das Projekt eine begriffliche Orientierung.
Direct link to Lay Summary Last update: 18.05.2021

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Das beantragte Forschungsprojekt arbeitet an der philosophischen Deutung der Krisenerfahrungen unserer Zeit. Es stellt sich damit in eine lange Tradition, der zufolge Philosophie „ihre Zeit in Gedanken erfasst“ (Hegel). Da - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eine Philosophie der Krise wissenschaftliches Neuland bedeutet, setzt das Forschungsprojekt an dem Forschungsstand zum Krisenbegriff an, den die positiven Wissenschaften hervorgebracht haben, und schlägt im Ausgang von deren regionalen Krisenbegriffen einen globalen Krisenbegriff der philosophischen Grundlagenreflexion vor. Er lautet: Krisen bestehen in sich verschliessenden und verschachtelnden Möglichkeitsräumen des menschlichen Handelns und Wissens mit Geltung. Aus Machbarkeitsgründen artikuliert das beantragte Forschungsprojekt diesen Begriff unter dem Gesichtspunkt des Handelns. So lautet seine These: ein globaler Begriff der Krise erfasst diese als extreme Verneinung praktischer Möglichkeitsräume in geltungstheoretischer Hinsicht. Auf ihre Tauglichkeit untersucht wird diese These in drei Teilprojekten. Sie erschliessen sie methodisch in einer höherstufigen Schichtung von Perspektiven und begrifflich unter den Konzepten der Geltung und der Handlungsmöglichkeit. Aus der elementaren Perspektive des menschlichen Handelns ergibt sich hier die Frage nach den Geltungsansprüchen der Handlungsorientierung. Das Projekt identifiziert diese Handlungsorientierungen mit Handlungsregeln. Es schliesst in seiner elementaren Perspektive (erstes Teilprojekt) daher an Wittgensteins Paradox des Regelfolgens an und verknüpft es mit dem Verlust der Selbstverständlichkeit des Weiterhandeln-Könnens. Krisen - so die elementare Perspektive - bestehen in diesem Verlust. Aus einer mittleren Perspektive wird das menschliche Handeln unter dem Gesichtspunkt des Miteinanderhandelns betrachtet. Aus dieser Perspektive (zweites Teilprojekt) gelangen die Ergebnisse anderen Handelns in den Blick, die die Handlungsräume unseres Miteinanderhandelns einrichten: Institutionen. Hier schliesst das Projekt an die Aporie an, dass die Geltung der Regeln, denen eine Handlung folgt, mit der Geltung institutionalisierter Handlungsregeln konfligieren kann und zugleich diese Geltung institutionalisierter Handlungsregeln zur Einrichtung ihres Möglichkeitsraumes voraussetzen muss. Diese Aporie ist mit den Problemen der Sozialintegration und der praktischen Identität verknüpft. Krisen - so die mittlere Perspektive - bestehen in einer Zuspitzung der Institutionsaporie. Die letzte Perspektive schliesslich betrachtet den Begriff der Handlungsmöglichkeit, den sowohl das Regelfolgen als auch die Institutionen voraussetzen, unter metaphysischem Gesichtspunkt. Aus dieser Perspektive (drittes Teilprojekt) ist eine Geschichtsphilosophie des Möglichen zu entwickeln. Das erfolgt unter dem Konzept des „Noch nicht“. Krisen - so die metaphysische Perspektive - bestehen in der Blockade von noch nicht Verwirklichtem. So geht das Forschungsprojekt im Blick auf die Krisenbegriffe der Wissenschaften eine Leerstelle in Handlungstheorie, Sozialphilosophie und Geschichtsmetaphysik an, um begriffliche Orientierung in einem Diskurs vielfältiger Krisendiagnosen zu ermöglichen, der vermutlich noch zunehmen wird.
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