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Rhetorischer Humanismus: Eine Wissensgeschichte des ›Gesprächs‹ in der frühen Bundesrepublik (1947-1968)

English title Rhetorical Humanism: A History of Knowledge of ›Gespräch‹ in the Early Federal Republic (1947-1968)
Applicant Rathjen Lukas
Number 199961
Funding scheme Doc.CH
Research institution
Professur für Literatur- und Kulturwissenschaft ETH Zürich
Institut für Kulturwissenschaft Humboldt-Universität zu Berlin
Institution of higher education ETH Zurich - ETHZ
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.03.2021 - 28.02.2025
Approved amount 241'964.00
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All Disciplines (2)

Discipline
German and English languages and literature
General history (without pre-and early history)

Keywords (6)

conversation; rhetoric; humanism; intellectual history; history of ideas; history of knowledge

Lay Summary (German)

Lead
Zwischen 1947 und 1968 erfreute sich das Genre des öffentlichen ›Gesprächs‹ in der Bundesrepublik Deutschland hoher Popularität. Vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus, Weltkrieg und Holocaust und im Angesicht von Demokratisierung und Reeducation avancierte es zum bevorzugten Modus der Kommunikation - insbesondere unter Intellektuellen.
Lay summary
Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts
Das Projekt setzt sich zum Ziel, die Gleichzeitigkeit von Kommunikation und Schweigen in der deutschen Nachkriegszeit herauszuarbeiten. Was musste getan werden, um einerseits einen gesellschaftlichen Dialog zu ermöglichen, andererseits die nationalsozialistische Vergangenheit und gesellschaftliche Neuordnung noch nicht zum Gegenstand der Kommunikation machen zu müssen? Die Beschreibung des rhetorischen Humanismus – das Wissen und die Technik des ›Gesprächs‹ – ist der Versuch, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Drei Kontexte und sechs Formate werden untersucht: Das ›Gespräch‹ als öffentliche Präsenzveranstaltung (»Darmstädter Gespräche«, »Kölner Mittwochgespräche«), das ›Gespräch‹ im Rundfunk (»Abendstudio«, »Nachtstudio«) sowie das ›Gespräch‹ in Literatur und Wissenschaft (»Gruppe 47«, »Poetik und Hermeneutik«).

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext
Unterschiedliche Beschreibungen der 1950er/60er-Jahre (»bleierne Zeit«, »dynamische Zeiten«, »Latenzzeit«) werden in diesem Projekt zusammengeführt und Methoden aus der Wissensgeschichte und Rhetorik-Forschung kombiniert. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Geschichte der Nachkriegszeit und sensibilisiert für die Anstrengungen und Widersprüche zwischenmenschlicher Kommunikation. Zugleich ist mit der Aufarbeitung des Genres ›Gespräch‹ eine Aufwertung des Mündlichen als historiographischer Untersuchungsgegenstand verbunden.
Direct link to Lay Summary Last update: 12.02.2021

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Zwischen 1947 und 1968 entsteht in der Bundesrepublik Deutschland eine dialogische Form intellektueller und wissenschaftlicher Kommunikation: der rhetorische Humanismus. Dieser greift Themen des Humanismus auf, setzt aber stärker auf die Ausbildung und Popularisierung einer ›menschlichen‹ Kommunikationsform im ›Gespräch‹ als auf die Vermittlung klassischer Wissensgehalte. Mein Dissertationsprojekt möchte den rhetorischen Humanismus, hier verstanden als eine Gesamtheit von Techniken der Gesprächsführung, erstmals einer Analyse unterziehen. In der Verbindung von Wissens- und Rhetorikgeschichte, von praxeologischer und dekonstruktiver Analyse der Zeichen, Körper und Objekte des ›Gesprächs‹, frage ich, was diese Rhetorik des ›Gesprächs‹ war und was sie bewirkte. Die leitende These ist dreiteilig: 1) Die Rhetorik des ›Gesprächs‹ machte Kommunikation wahrscheinlich, 2) sie erlaubte ein spezifisches Schweigen in Bezug auf unliebsame Themen und 3) sie war identitätsbildend für eine ›humanistische‹ Elite nach 1945. Drei Kontexte wird mein Dissertationsprojekt untersuchen: Gespräche als öffentliche Präsenzveranstaltungen wie die »Darmstädter Gespräche« (1950-1968) und »Kölner Mittwochgespräche« (1950-1956), Gespräche in den Rundfunk-Programmen »Abendstudio« und »Nachtstudio«, sowie Gespräche in Literatur und Wissenschaft am Beispiel der »Gruppe 47« (1947-1967) und der frühen Tagungen von »Poetik und Hermeneutik« (1963-1966). Damit leiste ich einen Beitrag zur Wissensgeschichte der Nachkriegszeit, insofern ich einerseits ein implizites, rhetorisches Wissen expliziere und andererseits die Rhetorik als die Strategie diskursiver Zurückhaltung bestimme. Der rhetorischen Abwehr eines Wissens von Krieg und Holocaust, Kapitalismus und Gesellschaft gilt besondere Aufmerksamkeit, weil sich durch sie im ›Gespräch‹ das Versprechen der ›Stunde Null‹, fortdauernd neu anfangen zu können, plausibilisierte.
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