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Digitale Gesundheitsklassifikationen in Apps - Praktiken und Probleme ihrer Entwicklung und situativen Anwendung

Applicant Diaz-Bone Rainer
Number 184852
Funding scheme Project funding
Research institution Soziologisches Seminar Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Universität Luzern
Institution of higher education University of Lucerne - LU
Main discipline Sociology
Start/End 01.04.2019 - 31.07.2023
Approved amount 258'755.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Sociology
Health

Keywords (8)

Gesundheitswesen; Soziologie der Konventionen; Pragmatismus; Gesundheits-Apps; Economics of convention; Digitalisierung; Klassifikationen; Selbstvermessung

Lay Summary (German)

Lead
Seit einigen Jahren benutzen immer mehr Menschen Gesundheits-Apps, um ihr Gesundheitshandeln zu verstehen und zu beeinflussen. Solche Apps werden von Krankenkassen angeboten, können aber auch in App-Stores in Sekundenschnelle auf das Smartphone heruntergeladen werden. Außerdem verwenden Gesundheitsfachpersonen wie Ärzte oder Fitness-Trainer Gesundheits-Apps um ihre Patienten auch digital zu betreuen. Durch die Benutzung solcher Apps entstehen neue Gesundheitsdaten und damit neues Gesundheitswissen. An diesem Gesundheitswissen sind sowohl Menschen in ihrem privaten Alltag interessiert also Gesundheitsfachpersonen im Gesundheitswesen sowie Privatunternehmen, die mit diesen Daten Geld verdienen.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

In den meisten Fällen werden Gesundheits-Apps von Privatunternehmen entwickelt und nicht von Gesundheitsfachpersonen. Dabei ist nicht klar, an welchen Werten und Ideen sich die Hersteller*innen der Gesundheits-Apps orientieren. Es ist unklar, inwiefern Meinungen und Argumente von Gesundheitsfachpersonen aber auch die Anliegen der Nutzer*innen der Gesundheits-Apps bei der Entwicklung der Gesundheits-Apps eine Rolle spielen. Wenn nicht gemeinsam über die Kriterien von Gesundheits-Apps diskutiert wird, kann dies zum einen dazu führen, dass medizinische Standards eine untergeordnete Rolle spielen und zum anderen, dass die Gesundheits-Apps nicht den Alltagsbedürfnissen der Nutzer*innen entsprechen. In dem Projekt soll untersucht werden, nach welchen Ideen und Vorstellungen Gesundheits-Apps von den Hersteller*innen entworfen werden und ob sich diese auch mit den Vorstellungen der Anwender*innen decken. Es soll insbesondere untersucht werden, wann es zu Konflikten bei der Einführung von Gesundheits-Apps und ihrer Anwendung kommt, beispielweise wenn Menschen die Benutzung von Gesundheits-Apps ablehnen oder abbrechen oder auch, wenn Ärzte die Qualität solcher Apps in Frage stellen.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

In dem Projekt wird die Theorie der Konventionen herangezogen, die davon ausgeht, dass Menschen in ihren Handlungen und Entscheidungen bestimmten „Weltbildern“ folgen, die ihnen als grundlegende Orientierungen dienen. Es geht daher bei der Untersuchung um die sozialen Akteure, die Gesundheits-Apps entwickeln und Menschen, die sie benutzen. Konflikte können dort entdeckt werden, wo Menschen unterschiedlichen „Weltbildern“ folgen. 

Direct link to Lay Summary Last update: 29.03.2019

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
202504 Gesundheit - Konventionen - Digitalisierung. Eine politische Ökonomie der (digitalen) Transformationsprozesse von und um Gesundheit. 01.04.2021 Open Access Books

Abstract

In den letzten Jahren sorgt die mit der Digitalisierung verbundene „Datafizierung“ für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen - auch im Gesundheitssystem. Durch neue digitale Technologien, wie präventive Gesundheits-Apps, erzeugen Menschen über digitale Selbstvermessungspraktiken zunehmend persönliche gesundheitsbezogene Daten und generieren damit eine neue Form von Gesundheitswissen. Es ist eine Problemstellung im Gesundheitssystem, zu verstehen, wie sich Akteure über die angemessenen und legitimen Konzepte von Gesundheit und von Gesundheitswissen verständigen und sich auf diese praktisch stützen können. Damit die Institutionen des Gesundheitssystems und die individuellen Alltagspraktiken in akzeptabler und wirksamer Weise miteinander koordiniert werden können, müssen sich verschiedene Akteure kollektiv auf Regelungen und Normen einigen. Im Fall der individuellen Selbstvermessung von Gesundheit ist dabei nicht ganz klar, wer darüber entscheidet, welche Parameter zur Messung von Gesundheit herangezogen werden sollen, warum und wie. Die daraus resultierenden Gesundheitsdaten werden aber jetzt schon für das Gesundheitssystem relevant und damit auch für alle Gesellschaftsmitglieder. In dem Forschungsprojekt sollen deshalb folgende drei Forschungsfragen untersucht werden: (1) Wie werden Gesundheitskonzepte für eine präventive Gesundheits-App entwickelt? (2) Wie gehen NutzerInnen der Apps mit diesen eingeführten Gesundheitskonzepten um? (3) In welchen Situationen kommt es zwischen der Einführung und Anwendung der Gesundheitskonzepte bei den Akteuren im Gesundheitsfeld zu Spannungen und Konflikten mit welchen Konsequenzen? Ausgangspunkt ist die pragmatische Soziologie, insbesondere die Economie des conventions (EC). Gesellschaftstheoretisch wird eine Erweiterung mit institutionellen und individuellen Datafizierungsprozessen hergestellt und dabei an die Individualisierungstheorie und Governmentality Studies angeknüpft. Aufgrund der theoretisch-pragmatischen Ausrichtung wurde ein multi-methodisches Untersuchungsdesign entworfen, bei dem verschiedene Methoden kombiniert werden: Experteninterviews und qualitative Experimente (nach Boltanski/Thévenot) sowie anschließende Gruppendiskussionen als Datenerhebungsverfahren. Dokumentanalysen, (kodebasierte) Diskursanalysen und Dispositivanalysen, werden als Datenauswertungsverfahren und Interpretationsverfahren eingesetzt. Zur Bearbeitung der Forschungsfragen, wird das Projekt in fünf Arbeitspakete untergliedert. Im Bereich der Soziologie der Quantifizierung/Digitalisierung werden Erkenntnisse im Feld der Theorien der Klassifikationen erwartet, die sich auf den neuen Quantifizierungs- und Digitalisierungsschub beziehen - insbesondere Grundlagenforschung zur Innovation und Funktionsweise digitaler Klassifikationen. Es wird problemspezifisch aufgezeigt, welche Konsequenzen mit öffentlichen und privaten Aushandlungsprozessen bei der digitalen Vermessung von Gesundheit verbunden sind.
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