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"Es geht um deine Sache!" Populärer Journalismus und politische (Selbst)Ermächtigung im Russländischen Reich, 1906-1914

English title "This concerns you!" Popular Journalism and Political (Self)Empowerment in the Russian Empire, 1906-1914
Applicant Polek Sophia
Number 181726
Funding scheme Doc.CH (until 2020)
Research institution Departement Geschichte Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.02.2019 - 31.07.2022
Approved amount 231'477.00
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Keywords (10)

History of journalism; Russian Empire; 20th century; Means of empowerment ; Journalists; Political public; Popular press; Autobiography studies; Literary analysis; Feminist movement

Lay Summary (German)

Lead
Im späten Russländischen Imperium (RI) blühte eine populäre Presse auf und in ihr entwickelten sich neue journalistische Biographien. Das Forschungsprojekt blickt auf das Schreiben zweier Journalist_innen und untersucht die (selbst)ermächtigenden Mechanismen im populären Journalismus dieser Zeit. Im Fokus steht das ebenso komplexe wie umstrittene Verhältnis von Journalist_innen, Pressefreiheit und autokratischer Herrschaft.
Lay summary

Inhalt und Ziele des Forschungsprojekts

Durch die Einführung des Parlaments und die Aufhebung des Parteienverbots 1905/06 entstanden neue Möglichkeiten, sich an politischen Debatten zu beteiligen. Das Forschungsprojekt blickt auf den Journalismus als eine der inoffiziellen Sphären ausserhalb von Parteien und Behörden, die Menschen aus sozial marginalisierten Gruppen die Möglichkeit bot, sich als «gesellschaftlicher Akteur» oder «gesellschaftliche Akteurin» zu verstehen und so politisch zu agieren. Journalismus wird als Mittel der sozialpolitischen (Selbst)Ermächtigung im RI verstanden.

Das Projekt analysiert Zeitungs- und Zeitschriftenartikel des Moskauer Starjournalisten Vlas Doroševic (1864-1922) und der Petersburger Reporterin und Frauenrechtlerin Ariadna Tyrkova-Williams (1869-1962) sowie deren autobiografische Texte. Es fragt nach den emanzipatorischen Mechanismen des Journalist_innen-Berufs sowie nach dem Selbstverständnis der Protagonist_innen.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Das Forschungsvorhaben verbindet literarische Erzähltextanalyse mit historischer Autobiografieforschung und bringt den «Blick von unten», den Blick der wenig bekannten Journalist_innen, in die Geschichte des Journalismus, der politischen Partizipation und der Frauenbewegung des RI ein. Das geschichtswissenschaftliche Forschungsprojekt bietet ausserdem eine Vergleichsperspektive zur heutigen Mediensituation in Russland.

Direct link to Lay Summary Last update: 25.12.2018

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Basel Graduate School of History Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
- Research Infrastructure
Université de Genève, Prof. Dr. Korine Amacher Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Slavisches Seminar der Universität Basel Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
University of Manchester, Prof. Dr. Vera Tolz Great Britain and Northern Ireland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
Europäische Universität St. Petersburg, Dr. Julija Safronova Russia (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Ludwig-Maximilians-Universität Münschen, Prof. Dr. Julia Herzberg Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Ludwig-Maximilians-Universität München, Prof. Dr. Andreas Renner Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Forschungskolloquium für Osteuropäische Geschichte Individual talk Kopflabor – Die rekursive Bewegung im historiografischen Quellenstudium 18.09.2019 Basel, Switzerland Polek Sophia;
Basel Meets Queen Mary. Workshop der Basel Graduate School of History und der Queen Mary University London Talk given at a conference Life Narrative or Rights Narrative? The Judicial in Popular Journalism of Late Imperial Russia 02.05.2019 Basel, Switzerland Polek Sophia;


Abstract

Als im Russländischen Reich 1905 die erste Revolution ausbrach, willigte Nikolaj II. auf Druck der Strasse und seiner Berater in die Verabschiedung tiefgreifender politischer Reformen ein. Im Oktobermanifest gewährte er seinen Untertanen Vereinigungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Einsetzung einer gewählten Volksvertretung (Duma). Die männliche Bevölkerung des Imperiums erhielt das Stimm- und Wahlrecht und wurde damit erstmals politisch relevant. Mit dem konstitutionellen Zeitalter (1906-1914) brach eine neue Ära in der Geschichte Russlands an, die sich durch eine dynamische Entwicklung der politischen Debattenkultur - vor allem in den städtischen Zentren - auszeichnete. Greifbar wurde die Entfaltung der politischen Öffentlichkeit unter anderem in der aufblühenden Populärpresse. Tageszeitungen und Zeitschriften, die sich an ein Massenpublikum wandten, erreichten in Russland im frühen 20. Jahrhundert bereits eine Leserschaft von mehreren Millionen Menschen. - Das vorliegende Forschungsprojekt richtet den Blick auf die Journalist_innen der russischen Populärpresse, die den politischen Debattenraum durch ihr Schreiben mitgestalteten. Es fragt nach dem Selbstverständnis, der Schreibpraxis und dem politischen Handeln des Moskauer Starjournalisten Vlas Doroševic (1864-1922) und der Petersburger Duma-Reporterin und Frauenrechtlerin Ariadna Tyrkova-Williams (1869-1962). Zum einen sollen die autobiografischen Texte der beiden Akteur_innen auf ihr professionelles Selbstverständnis und ihre Interpretation des journalistischen Schreibens als selbstermächtigende und gleichzeitig massenpolitisierende Praxis hin untersucht werden. Zum anderen soll ein Korpus publizierter Artikel Doroševics und Tyrkova-Williams' mit Blick auf Themenauswahl, politische Forderungen und das in der narrativen Struktur der Artikel angelegte Verhältnis der Autor_innen zur Leserschaft analysiert werden. - Das Forschungsvorhaben leistet einen wichtigen Beitrag zur Journalismus-Geschichte und zur Geschichte politischer Öffentlichkeit im späten Zarenreich sowie zur Geschichte der russischen Frauenbewegung und schliesst damit eine bedeutende Forschungslücke. Durch Zusammenführung der Methoden der historischen Autobiografik und des literaturwissenschaftlichen Close-Reading bietet das Projekt vielfältige interdisziplinäre Anknüpfungspunkte. Gleichzeitig sind die im Projekt aufgeworfenen Fragen nach dem politischen Selbstverständnis von Journalist_innen und der Bedeutung des Journalismus für die Entfaltung politischer Öffentlichkeit - nicht nur mit Blick auf Russland - bis heute äusserst relevant.
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