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Gebirgskrieg und Reduit in der Literatur - Prekäre Alpen in national-imperialer Verschränkung

English title Mountain Warfare and the Swiss National Redoubt in Literature: The Precarious Alps in a national imperial entanglement
Applicant Previšic Boris
Number 179584
Funding scheme Project funding
Research institution Seminar für Kulturwissenschaften und Wissenschaftsforschung Universität Luzern
Institution of higher education University of Lucerne - LU
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.03.2019 - 28.02.2023
Approved amount 356'084.00
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All Disciplines (2)

Discipline
German and English languages and literature
Other languages and literature

Keywords (7)

Alpen; Nation; Imperium; Komparatistik; Raumtheorie; Gebirgskrieg; Reduit

Lay Summary (German)

Lead
Das Gesamtprojekt zielt auf die Raumvorstellungen, welche ausgehend vom Gebirgskrieg 1915 bis 1918 die prekären Alpen im 20. Jahrhundert besonders prägen. Dabei rücken literarische Bearbeitungen des Nationalen Réduits in den Fokus, über welche sich die Schweizer (Literatur-)Geschichte umschreiben lässt.
Lay summary

In der Schweiz geht oftmals vergessen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der kom­pli­zier­testen Kriegsfronten die Ostalpen durchzog. Der verlustreiche Gebirgskrieg zwischen Öster­reich-Ungarn und Italien von 1915 bis 1918 wurde nicht nur zum Fanal für den Zerfall des Vielvölkerstaats, sondern formte in der österreichischen und Schweizer Literatur unerwartete Raumbilder aus, welche die Alpen bis in die Gegenwart prägen: Stehen sie im einstigen Impe­rium vorab für den nationalen Grenzraum, überträgt sich die imperiale Durchlässigkeit und Weite auf die Schweizer Alpen. Das Réduit verwandelt sich – wenn auch meist unterirdisch – in einen interkulturellen Verbindungsraum zwischen West und Ost, aber auch zwischen Nord und Süd. Diesen Verbindungs- und Diskurslinien, denen sich das Projekt aus kultur- und literatur­wissenschaftlicher Perspektive widmet, zieht die Alpenliteratur als kultureller Seismograph prägnant nach.

Direct link to Lay Summary Last update: 05.02.2019

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

Im Alpenraum, insbesondere zwischen der Schweiz und ihrem östlichen Nachbarn, überkreuzen sich Raumimagination und politische Ordnung in bemerkenswerter Weise: Zum einen geht Deutschösterreich 1918 als Nation wider Willen aus der imperialen Erbmasse und damit im Speziellen aus dem Gebirgskrieg an der Südflanke Österreich-Ungarns gegen Italien hervor. Bereits die Erlebnisberichte von der Front imaginieren den Grenzraum national. Zum anderen materialisiert und verhärtet sich die schweizerische Willensnation im Reduit des Zweiten Weltkriegs zu einem stringenten Narrativ, welches auf imperiale Raumimaginationen bis in die Gegenwart hinein rekurriert. Für diese chiastische national-imperiale Verschränkung in der Mitte Europas ist die fiktionale Literatur des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart besonders empfänglich. Darin wird das österreichische Trauma der Amputation von der imperialen Vergangenheit während des Gebirgskriegs mit den okzidental-imperialen Ansprüchen der Reduit-Schweiz überlagert. Den doppelten Topos der Alpen einerseits als geographische Ortsbestimmung, andererseits als nationale Identifikationsfiguration modellieren die Fiktionen - entgegen der gewohnten ökonomisierten Alpenidylle - in entscheidender Weise als prekären Raum. Anhand einschlägiger Texte soll in diesem Projekt mit raumtheoretischer und insbesondere raumnarratologischer Kompetenz die identitätshistorische Interdependenz der beiden Alpennationen vor und nach dem Gebirgskrieg aufgearbeitet werden. Dabei ist es gerade die Materialität und geologische (Tiefen-)Dimension des alpinen Raumes, die auf die ‚longue durée‘ der Geschichte mit ihren entsprechen-den Gegenutopien, Fluchtpunkten und Gravitationszentren verweist, welche wiederum einer genauen Analyse bedürfen.Für ihre systematische Aufbereitung unterteilt sich das Projekt neben einer komparatistischen Monographie des Projektleiters zur akustischen Alpenliterarisierung eigentlich in drei Dissertationen: Eine erste Untersuchung konzentriert sich auf die nationale Präfiguration eines prekären Alpenraums, welche für den Gebirgskrieg einen literarisch-diskursive Wegbereiter darstellt. Eine zweite Dissertation bietet erstmalig einen komparatistischen Überblick über Literarisierungen des Gebirgskriegs zwischen 1915 und 1918 mit einem Schwerpunkt in der Zwischenkriegszeit und einem Ausblick bis in die Gegenwart. Besonders interessant wird dabei der Vergleich, inwiefern die Erinnerung an dieses imperiale Vermächtnis ganz unterschiedliche Nationalnarrative nicht nur innerhalb der deutschsprachigen, sondern auch der slawisch- und ungarischsprachigen Regionen der ehemaligen Monarchie und in Italien grundieren konnte. Die dritte und einzig bewilligte Arbeit legt den Fokus auf das Schweizer Reduit, welches im vermeintlichen Nationalnarrativ erstaunlicherweise ausschließlich imperiale Raumkonzeptionen aufgreift. Umso wichtiger ist es hier, zum einen den Vorbildcharakter österreichisch-ungarischer Imaginationen einzublenden, zum anderen deren Kontinuität in ihrer Spezifik über Dürrenmatt und Burger bis in die Gegenwartsliteratur hinein nachzuzeich-nen.Um die thematische und methodische Kohärenz zu garantieren, sind die spezifischen thematischen Beiträge und die Koordination des Projektleiters Boris Previšic zentral, der bereits zwei Monographien im Kontext von Kriegsdiskursen sowie Kriegsnarrativen (2014) und von imperialen Vermächtnissen insbesondere in der österreichisch-ungarischen Literatur (2017), aber auch die viel beachteten Gotthardfantasien (2016) erfolgreich abgeschlossen hat. Der Projektleiter arbeitet mit seinem Beitrag an der komparatistischen Zusammenführung der drei Teilprojekte und konzentriert sich auf die national-imperiale Verschränkung in den verschiedenen Sprachräumen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Damit kontextualisiert er die Alpen als Projektionsfläche im erhöhten Bewusstsein für eine äußerst reaktive und sensible Landschaft. Die spezifische Symmetrie und der methodische Zugang dieses Projekts ermöglichen nicht nur einen zentralen Beitrag zu einer (trans-)nationalen Literaturgeschichte, sondern auch zu einer erweiterten Raumtheorie und Raumnarratologie, welche die Imaginationen individueller und kollektiver Identitäten genauer zu beschreiben wissen. In Zusammenarbeit mit den Partneruniversitäten insbesondere in Innsbruck und Ljubljana und dort angesiedelten Dissertationen sollte das ganze Projekt durchgeführt werden können.
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