Project

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Philosophie der Berührung im digitalen Zeitalter

English title Philosophy of Touch in the Digital Age
Applicant Schwerzmann Katia
Number 174737
Funding scheme Early Postdoc.Mobility
Research institution Dep. of Germanic Languages and Literatures School of Arts and Sciences University of Pennsylvania
Institution of higher education Institution abroad - IACH
Main discipline Philosophy
Start/End 01.10.2017 - 31.03.2019
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Keywords (6)

History of touch; Aesthetics; Affective Studies; Phenomenology; Enlightenment ; Digital Humanities

Lay Summary (German)

Lead
Das digitale Zeitalter ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihm unser Verhältnis zur Welt und zu unseren Mitmenschen immer mehr durch digitale Medien vermittelt wird. Weit davon entfernt, die Berührung im Digitalen zugunsten des Virtuellen, das hauptsächlich auf dem Visuellen gründet, als überholt zu glauben, soll gezeigt werden, dass die Berührung eine wesentliche Rolle in unserer Erfahrung des Digitalen spielt, vorausgesetzt, dass man einen Begriff der Berührung entwickelt, der die mediale Dimension dieses Phänomens beachtet.
Lay summary

Ziele des Forschungsprojekts

Im vorliegenden Projekt soll eine Redefinition der Begriffe von Berührung, Kontakt und Takt im digitalen Zeitalter erreicht werden. Dies bedarf erstens einer genealogischen Rekonstruktion der philosophischen Diskurse über die Berührung und den Tastsinn im 18. und 19. Jahrhundert und ihrer Folge in der Phänomenologie und der Psychoanalyse. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse soll zweitens eine medienphilosophische Untersuchung des Phänomens der Berührung in Bezug auf die digitalen Medien unternommen werden. Dieses Projekt zielt darauf ab, dreierlei zu zeigen: 1) Der Umgang mit dem Digitalen ist immer verkörpert. Aus diesem Grund ist dieser Umgang im Sinne einer Berührung zu verstehen. Es geht also darum, den Körper in der vermeintlichen Immaterialität des Digitalen aufzuspüren. 2) Die Kontakte, die durch digitale Medien etabliert werden, sind real. Und die Gemeinschaften, die daraus entstehen, sind sowohl affektiv als auch politisch. Die Verflechtung des Affektiven und des Politischen soll dabei kritisch untersucht werden. 3) Digitale Medien erweitern und transformieren zunehmend die konstitutive Funktion, die die Sinne für den Zugang zur Welt haben. 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts 

Dieses Projekt lässt sich in den Forschungsgebieten der theoretischen Philosophie, der Medienphilosophie, der Ästhetik und der Digital Humanities verorten. Es befasst sich mit Fragen, die mit dem Wandel der Gesellschaft im digitalen Zeitalter zu tun haben. Es bringt die Geschichte der Philosophie mit der technologischen, sozialen und politischen Aktualität des Digitalen in Zusammenhang. Ein solches Projekt nimmt Abstand von der Gegenwart des Digitalen, um sie genauer beschreiben zu können, statt diese Gegenwart immanent zu beurteilen. 

Direct link to Lay Summary Last update: 04.09.2017

Responsible applicant and co-applicants

Publications

Publication
Dossier critique “Théorie des média”
Schwerzmann Katia (ed.) (2018), Dossier critique “Théorie des média”, Acta Fabula, Paris.
Introduction au dossier critique “Théorie des média”
Schwerzmann Katia (2018), Introduction au dossier critique “Théorie des média”, in Acta Fabula, 19(8), N/A.
Pour une réforme des humanités. La théorie des média selon N. Katherine Hayles
SchwerzmannKatia (2018), Pour une réforme des humanités. La théorie des média selon N. Katherine Hayles, in Acta Fabula, 19(8), N/A.
Point de contact : pour une esthétique de la rencontre
SchwerzmannKatia (2018), Point de contact : pour une esthétique de la rencontre, in Roland Barthes, contemporanéités intempestives , Fabula/Les colloques, Paris.
Pourquoi nous (ne) sommes déjà (plus) posthumains
SchwerzmannKatia (2018), Pourquoi nous (ne) sommes déjà (plus) posthumains, in Le Temps du posthumain?, Fabula/Les colloques, Paris.
« La lettre morte » – Friedrich Kittler en correspondance avec les poststructuralistes
Schwerzmann Katia (2017), « La lettre morte » – Friedrich Kittler en correspondance avec les poststructuralistes, in Appareil, (19), 1-16.
›Coupling Parts that are not Supposed to Touch‹ oder die Berührung als Kritik
Schwerzmann Katia, ›Coupling Parts that are not Supposed to Touch‹ oder die Berührung als Kritik, in Fluhrer Sandra, Waszynski Alexander (ed.), Rombach, Freiburg in Breisgau, 1.
Begegnung
SchwerzmannKatia, Begegnung, in Sohns Hanna, Ungelenk Johannes (ed.), August, München, 1.
Derrida, Kittler et le calendrier des post-
WiserAntonin, SchwerzmannKatia, Derrida, Kittler et le calendrier des post-, in Études de lettres, 312(1), 1.
Theorie des graphischen Feldes
SchwerzmannKatia, Theorie des graphischen Feldes, Diaphanes, Berlin, Zürich.
Wirken und Wissen im Wechselspiel: Das Verhältnis zwischen Schema und Bild
SchwerzmannKatia, Wirken und Wissen im Wechselspiel: Das Verhältnis zwischen Schema und Bild, in Jochmaring Julian (ed.), Kadmos, Berlin.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Karen Barad, Feminist Sudies, UC Santa Cruz United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
MIRA, Philosophy Department, University of Pennsylvania United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
Christine Allen-Blanchette, Computer Science, University of Pennsylvania United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Theorizing Individual talk The Performativity of Predictions. Algorithms and Sentencing 25.03.2019 University of Pennsylvania, United States of America Schwerzmann Katia;
ACLA Georgetown University Talk given at a conference Spectral Matters: Virtuality and the Space of Memory 07.03.2019 Georgetown University, Washington DC, United States of America Schwerzmann Katia;
MIRA Research Group Individual talk The Performativity of Predictions or Why Algorithmic Tools Shouldn’t Be Used for Sentencing 10.12.2018 University of Pennsylvania, United States of America Schwerzmann Katia;
Tangieren. Praktiken und Arrangements des Berührens in den performativen Künsten Talk given at a conference ‘Coupling Parts that are not Supposed to Touch’. Performativität der Berührung in den neuen Materialismen 12.04.2018 Erlangen, Germany Schwerzmann Katia;


Associated projects

Number Title Start Funding scheme
183835 Philosophy of Touch in the Digital Age 01.04.2019 Postdoc.Mobility
183424 Theorie des graphischen Feldes 01.07.2018 Publication grants

Abstract

Mein Forschungsprojekt geht von der Annahme aus, dass die Begriffe von Berührung, Kontakt und Takt im digitalen Zeitalter eine neue Bedeutung gewinnen und zugleich Veränderungen erfahren. Das digitale Zeitalter ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihm unser Verhältnis zur Welt und zu unseren Mitmenschen immer mehr durch digitale Medien vermittelt wird. Weit davon entfernt, die Berührung im Digitalen zugunsten des Virtuellen, das hauptsächlich auf dem Visuellen gründet, als überholt zu glauben, soll gezeigt werden, dass die Berührung eine wesentliche Rolle in unserer Erfahrung des Digitalen spielt, vorausgesetzt, dass man einen Begriff der Berührung entwickelt, der nicht auf den unmittelbaren Kontakt zweier Körper hinausläuft. In der westlichen Philosophie seit Aristoteles gilt die Berührung im Sinne des Tastsinns als das primäre, ursprüngliche Verhältnis des Lebendigen zu seiner Umwelt. In der Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts lässt sich bei Philosophen wie Diderot, Condillac, Maine de Biran, Herder, später auch bei Riegl eine Epistemologie und eine Ästhetik der Berührung und des Tastsinns aufspüren. Der Tastsinn gilt dabei als Bedingung der Möglichkeit zur Öffnung des Subjekts auf seine Äußerlichkeit. Die epistemische Funktion des Tastsinnes liegt darin, dass er den zur Täuschung neigenden Sehsinn zu korrigieren hilft und die Welt auf ihre materiellen Grenzen zurückführt. Im 20. Jahrhundert gewinnt das Phänomen der Berührung - neben seiner phänomenologischen Untersuchung bei Merleau-Ponty - auch eine soziologische und psychoanalytische Bedeutung: Jede Gesellschaft gründet auf der Aufteilung zwischen dem Sakralen als Unberührbarem und dem Profanen (Freud, Nancy, Dolar). Im Rahmen dieses Projekts soll durch eine neue Interpretation dieser philosophischen Tradition ein Begriff der Berührung konstruiert werden, der die mediale und technische Mittelbarkeit der Berührung ans Licht bringt. Dank dieses neu entwickelten Begriffs kann dann die Berührung als ein deskriptives und kritisches Werkzeug fungieren, um das digitale Zeitalter zu verstehen. In Bezug auf digitale Medien ist das Vokabular des Taktilen überall anwesend, sei es im eigentlichen Sinne in Bezug auf touch screens, haptic feedback oder im Diskurs einer - trotz räumlicher Distanz - vorherrschenden Nähe (»global community«, »staying in touch« und »humanity coming together«). Das Versprechen der sozialen Netzwerke besteht demzufolge darin, die Nähe der Berührung durch digitale Medien wiederherzustellen, und somit die Gemeinschaft und das Politische digital zu ermöglichen. Parallel dazu ist in der Forschung und im Gewerblichen die Rede von einer Entmaterialisierung der menschlichen Beziehungen aufgrund der zunehmenden Vermittlung durch digitale Medien. Ausgehend von diesen Beobachtungen lassen sich zwei Hypothesen formulieren. Erste Hypothese: das Vokabular des touch, des Kontakts im digitalen Zeitalter ist vor allem metaphorisch. Nichtsdestotrotz muss auf die Frage geantwortet werden, worauf solche Metaphern beruhen und warum sie in Bezug auf die digitalen Medien allgegenwärtig sind. Zweite Hypothese: Es geht in unserem Umgang mit digitalen Medien um Berührung im engen, nicht nur metaphorischen Sinne. Für letztere Hypothese gibt es zwei Argumente. Erstens: wie ich im Rahmen dieses Projekts zeigen werde, lässt sich im philosophischen Diskurs zur Berührung seit Aristoteles eine Affinität der Berührung mit dem Medium und der Technik feststellen. Zweitens: Das Digitale (Daten und Geräte) und unser Umgang mit ihm sind immer schon verkörpert. Dieser körperliche Umgang mit den digitalen Medien erklärt auch, warum die digitale Welt als eine virtuelle, jedoch affektiv und performativ zu erschließende Welt wahrgenommen wird. In dieser Welt entstehen Beziehungen. Gemeinschaften bilden sich und politisches Engagement entsteht. Solche Handlungsweisen werden dadurch ermöglicht, dass Subjekte nicht einfach Empfänger von Bildern und Affekten sind, sondern dass sie durch die Handhabung von Geräten einen ständigen Einfluss auf das ihnen Vermittelte haben. Dieses Zusammenspiel von Rezeptivität und Aktivität ist ein kennzeichnendes Merkmal der Berührung, das Merleau-Ponty ans Licht gebracht hat. Um einen Begriff der Berührung zu konstruieren, der als deskriptives und kritisches Werkzeug für die Betrachtung des Digitalen fungieren kann, bedarf dieses Forschungsprojekt a) einer neuen Interpretation der philosophischen Diskurse zur Berührung und zum Tastsinn im 18. und 19. Jahrhundert und ihrer Nachfolge in der Phänomenologie und in der sozialen und politischen Philosophie der Berührung. Aufgrund dieser Interpretation soll b) eine phänomenologische, medienphilosophische und diskurskritische Analyse der Berührung im digitalen Zeitalter durchgeführt werden. Mit diesem, aus zwei Teilen a) und b) bestehenden Projekt möchte ich habilitieren. Während meines »Early Postdoc.Mobility«-Aufenthalts in Philadelphia werde ich den ersten Projektteil a) durchführen.
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