Project

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Verinnerlichte Umgebungen, veräusserlichte Organismen. Physiologisches Regulierungswissen zwischen 1850 und 1950

Applicant Bühlmann Lea
Number 161957
Funding scheme Doc.Mobility
Research institution Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität Lübeck
Institution of higher education Institution abroad - IACH
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.08.2015 - 31.07.2016
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Keywords (10)

Wissenschaftsgeschichte; milieu intérieur; Walter B. Cannon; Claude Bernard; Regulierung; Homöostase; Ross W. Ashby; Kybernetik; Geschichte der Physiologie; Historische Epistemologie

Lay Summary (German)

Lead
Zwischen 1850 und 1950 entwickeln sich physiologische Regulationsvorstellungen, die über das Verhältnis von Organismus und Umgebung konfiguriert werden: Zunächst entsteht Regulation als Konzept über die Verinnerlichung der äusseren Umgebung des Organismus, anschliessend wird dieser Organismus mit seiner Umgebung rückgekoppelt.
Lay summary

Inhalt und Ziele des Forschungsprojekts
Das Projekt fokussiert aus historisch-epistemologischer Perspektive drei Episoden physiologischer Wissensproduktion: Erstens entwickelt der französische Physiologe Claude Bernard um 1850 eine Regulationsvorstellung, die nicht mehr von der Umgebung sondern vom Organismus ausgeht. Zweitens betont der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon um 1920 mit dem Konzept der »Homöostase« die Autoregulation, d.h. die Fähigkeit von Organismen sich unabhängig von ihrer Umgebung regulieren zu können. Drittens reformuliert der britische Hirnforscher W. Ross Ashby um 1950 die Homöostase kybernetisch: Organismus und Umgebung stellen ein »System mit Feedback« dar. Die Vorstellung der rückgekoppelten Regulation ermöglicht es in den 1960er-Jahren zum einen der Molekularbiologie, den zuvor von der Genetik weitgehend geschlossen konzipierten Organismus zu seiner Umgebung hin offenen zu denken und zum anderen, dass die »Homöostase« zum zentralen Konzept einer neuen Ökologie wird.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts
Das Projekt leistet einen Beitrag zur »Geschichte der Gegenwart«: Die Ökologie avanciert in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Leitwissenschaft und das Ökosystem zu einer zentralen Kategorie unseres Denkens. Dieses Gewordensein des modernen ökologischen Denkens wird erschlossen, indem die heterogenen Forschungsfelder Physiologie, Kybernetik und Ökologie aufeinander bezogen werden und so ein missing link zwischen Physiologie- und Ökologiegeschichte hergestellt wird.

Direct link to Lay Summary Last update: 17.06.2015

Responsible applicant and co-applicants

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Kolloquium des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung (IMGWF) Individual talk Der Organismus im Raum der Biologie 17.02.2016 Lübeck, Germany Bühlmann Lea;
Kolloquium zur Kulturgeschichte des Wissens Individual talk au milieu. Formierung der experimentellen Physiologie im 19. Jahrhundert 28.10.2015 Lüneburg, Germany Bühlmann Lea;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: radio, television »gesund oder krank - Ansichtssache?« Offener Kanal Lübeck International 2016

Abstract

Das wissenschaftshistorisch ausgerichtete Dissertationsprojekt interessiert sich für die Geschichte der physiologischen Regulation zwischen 1850 und 1950, insbesondere dafür wie das Verhältnis von Organismus und Umgebung das physiologische Wissen der Regulation konfiguriert. Das Projekt orientiert sich an aktuellen Arbeiten der »ökologischen Wissenschaftsgeschichte«, die jüngst auf die Bedeutung des Verhältnisses von Organismus und Umgebung für die Wissensproduktion hingewiesen haben. Im Zentrum des Projekts stehen drei Forscherfiguren, die das Konzept der physiologischen Regulation im 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben: Der französische Physiologe Claude Bernard, der US-amerikanische Physiologe Walter B. Cannon und der englische Psychiater und Hirnforschers W. Ross Ashby.Das Projekt fragt erstens, wie sich das Verhältnis von Organismus und Umgebung im physiologischen Regulierungsdiskurs artikuliert findet. Dabei stehen insbesondere die beiden für die physiologische Regulation zentralen Konzepte »milieu intérieur« (Bernard) und »Homöostase« (Cannon und Ashby) im Fokus. Zweitens interessiert sich das Projekt dafür, wie das Verhältnis von Organismus und Umgebung in der physiologischen Praxis hergestellt wird, beispielsweise in den experimentellen Verfahren. Schliesslich untersucht das Projekt drittens, inwiefern Bernard, Cannon und Ashby über ihre Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Organismus und Umgebung ihre eigene Situiertheit im Forschungsprozess reflektieren.Methodisch und theoretisch orientiert sich das Projekt insbesondere an der Diskursanalyse Michel Foucaults sowie der Historischen Epistemologie im Anschluss an Georges Canguilhem und Hans-Jörg Rheinberger, da vor allem die Möglichkeitsbedingungen von Wissen sowie die Wissensproduktion interessieren. Die Leistung des Projekts liegt insbesondere darin, dass es drei heterogene Forschungsfelder zusammenführt und ihre gegenseitige Bedeutung für die Wissensproduktion hervorhebt: Es fokussiert das physiologische Regulierungswissen und fragt aus historisch-ökologischer Perspektive nach dem Verhältnis von Organismus. Über den Einbezug der Kybernetik bzw. der kybernetische Reformulierung der Regulierung wird schliesslich die Physiologie- mit der Ökologiegeschichte rückgekoppelt.
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