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Die Konstruktion der westlichen Moderne im anatolischen Dorf. Modernisierungsdiskurse und Praktiken von „Rural Development“ in der Türkei, 1950er-1980er Jahre

English title Producing the West in Anatolian villages. Discourses of Modernization and Practices of Rural Development in Turkey, 1950s to 1980s
Applicant Hartmann Heinrich
Number 161120
Funding scheme Return CH Advanced Postdoc.Mobility
Research institution Departement Geschichte Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.09.2015 - 29.02.2016
Approved amount 52'996.00
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All Disciplines (2)

Discipline
General history (without pre-and early history)
Sociology

Keywords (7)

Expertenwissen; Europäische Geschichte; Türkei; Rural Development; Wissensgeschichte; Ländliche Entwicklung; Bevölkerung

Lay Summary (German)

Lead
Die Türkei war das erste Land, an das 1947 im Rahmen des Marshallplans Hilfsleistungen ausgezahlt wurden. Für die nächsten Jahrzehnte blieb das Land einer der Hauptempfänger europäischer und internationaler Entwicklungshilfe. Gleichzeitig kamen Entwicklungsexperten in das Land, die gerade im türkischen Hinterland neue Entwicklungsprojekte unterstützen. Dort trafen sie allerdings auf ein bereits existierendes System ländlicher Modernisierungsprojekte.
Lay summary

In dem Forschungsprojekt wird das Mit-, Neben- und Gegeneinander der verschiedenen Wissens- und Expertenkulturengerade in Bezug auf die ländliche Bevölkerung der Türkei analysiert. Seit den 1930er Jahren begann die Türkei, ihre ländliche Bevölkerung zu zählen, zu ernähren und zu "versorgen". Dies war ein Projekt, das die verschiedenen Handlungslogiken, politischen Kontexte sowie lokale und transnationale Wissensordnungen verband. "Bevölkerung" und "Raum" wurden hierdurch verbunden, denn die Optimierung der landwirtschaftlichen Produktivität setzte voraus, dass die beiden Faktoren aufeinander abgestimmt waren. Genau diese Logik wurde auch nach dem zweiten Weltkrieg von Internationalen Experten angewendet. Anders allerdings als die türkischen Statistiker folgerten sie daraus eine Abkehr von der pronatalistischen Erschliessungspolitik der kemalistischen Republik hin zur Begrenzungs- und Planungspolitik der Nachkriegszeit.

Das Projekt untersucht diese Problematik an Hand von rural development Projekten in Anatolien. Die zahlreichen Dissonanzen, die solche Ansätze vor Ort zur Folge hatten, machten türkische Entwicklungsprojekte zum Ort der Neuverhandlung von Vorstellungen eines "modernen Westen". Damit kann auch auf methodischer Ebene ein Beitrag geleistet werden: in der türkischen Geschichtsschreibung gibt es eine ungebrochene Tradition einer nationalhistorischen Auseinandersetzung mit der Kategorie der Moderne. Kernthese ist hierbei, dass gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen v.a. aus den Reformbemühungen Atatürks verstanden werden müssen. Dabei wird häufig die transnationale Dimension verkannt. Die Türkei war in der Nachkriegszeit als europäisches "Entwicklungsland" Empfänger zahlreicher Hilfsprogramme, die den Charakter der türkischen Modernisierung nachhaltig veränderten. Gleichzeitig spielten die Erfahrungen der Arbeit in der Türkei eine gewichtige Rolle für eine Weiterentwicklung einer erweiterten, verhaltenspsychologisch orientierten, globalen Modernisierungstheorie.

Direct link to Lay Summary Last update: 23.06.2015

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Europäische Ernährungsräume. Türkische Landwirtschaft und neue Expertenkulturen in der Nachkriegsordnung Europas
Hartmann Heinrich (2015), Europäische Ernährungsräume. Türkische Landwirtschaft und neue Expertenkulturen in der Nachkriegsordnung Europas, in Comparativ, 15(3), 57-74.
Von der Geomorphologie des Aargau zu den militärischen Pathologien Europas. Das Militär als Schnittpunkt anthropologischer Krisendiskurse, 1860-1900
Hartmann Heinrich (2015), Von der Geomorphologie des Aargau zu den militärischen Pathologien Europas. Das Militär als Schnittpunkt anthropologischer Krisendiskurse, 1860-1900, in Gesnerus, 72(2), 269-288.
Wissensgeschichtliche Perspekti¬ven auf das Militär: Eine Einleitung
Hartmann Heinrich, Germann Pascal (2015), Wissensgeschichtliche Perspekti¬ven auf das Militär: Eine Einleitung, in Gesnerus, 72(2), 205-214.
„In einem gewissen Sinne politisch belastet“. Bevölkerungswissenschaft und -politik zwischen Entwicklungshilfe und bundesrepublikanischer Sozialpolitik (1960er und 1970er Jahre)
Hartmann Heinrich, „In einem gewissen Sinne politisch belastet“. Bevölkerungswissenschaft und -politik zwischen Entwicklungshilfe und bundesrepublikanischer Sozialpolitik (1960er und 1970er Jahre), in Historische Zeitschrift, 303(2).

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
190001 Eigensinnige Musterschüler. Ländliche Entwicklung und internationales Expertenwissen in der Türkei (1947-1980) 01.08.2019 Open Access Books
147805 Die Konstruktion der westlichen Moderne im anatolischen Dorf. Modernisierungsdiskurse und Praktiken von „Rural Development“ in der Türkei, 1950er-1980er Jahre 01.09.2013 Advanced Postdoc.Mobility

Abstract

An Hand der ländlichen Modernisierungsvorhaben in der Türkei arbeitet das Projekt die Historizität des Entwicklungsdiskurses heraus. Mit Hilfe wissenshistorischer Fragestellungen werden die verflochtenen Wissensordnungen von "globalem" Expertenwissen und praktischer Projektdurchführung in ländlichen Gebieten Anatoliens dargestellt, die neue Raumvorstellungen und Abgrenzungen von "westlichen" und "nichtwestlichen" Räumen erzeugten. Mit einem transnationalen Ansatz verbindet es die Produktion und Verwendung von Entwicklungswissen zwischen globalen Diskursen und lokalen Vermittlungs- und Übersetzungsprozessen zu verstehen.Um dies zu untersuchen werden die Produktionsorte und -kontexte solcher Wissensordnungen in den Blick genommen. Dies bezieht sich zum einen auf die Orte neuen Entwicklungswissens in internationalen Organisationen, akademischen Forschungsinstituten und privaten Stiftungen; zum anderen wird Planung und Durchführung ländlicher Entwicklungsprojekte in der Türkei analysiert. Die Versuche, die Türkei auf der fortschrittsgläubigen Modernitätsskala des Kalten Kriegs zu verorten, werden auf diese Weise selbst als Ergebnis von lokalen Aushandlungsprozessen zwischen Entwicklungsexperten, Bevölkerung und (lokal-)politischen Instanzen verortet.
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