Project

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Reflexive Experimentalästhetik nach Alvin Lucier

English title Experimental Aesthetics after Alvin Lucier
Applicant Mersch Dieter
Number 156922
Funding scheme Project funding
Research institution Departement Kulturanalysen und Vermittlung Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
Institution of higher education Zurich University of the Arts - ZHdK
Main discipline Arts
Start/End 01.01.2015 - 30.06.2017
Approved amount 145'640.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Arts
Music, Theatre

Keywords (4)

Experimentelle Kunst; Ästhetik; Philosophie neuer Musik; Künstlerische Forschung

Lay Summary (German)

Lead
Das Forschungsprojekt setzt sich zur Aufgabe das ebenso umfangreiche wie außergewöhnliche Œuvre des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Alvin Lucier überhaupt erst zu erschließen sowie es für die Entwicklung dessen, was vorläufig als „reflexive Experimentalästhetik“ bezeichnet werden soll, exemplarisch fruchtbar zu machen. Die beiden Seiten des geplanten Projekts umfassen so, einerseits einen musiktheoretischen bzw. musikästhetischen Anteil, der hauptsächlich analytischer Art ist, sowie andererseits eine Grundlagenforschung mit Bezug auf eine „Epistemologie des Ästhetischen“. Letztere geht von der Annahme aus, dass den Künsten eine eigene Form des Wissens innewohnt, das an Praktiken gebunden ist, die ebenso eine Seite der Wahrnehmung und sinnlichen Erfahrung wie der Reflexivität aufweisen.
Lay summary

Das Porjekt umfasst einen musiktheoretischen und einen musikästhetischen Teil. Insbesondere mit Bezug auf den dezidiert experimentellen Charakter der eigenwilligen Ästhetik Luciers lässt sich dies auf paradigmatische Weise anhand seiner Arbeiten exemplifizieren: Ausgehend von Kompositionen im Bereich der Live-Elektronik geht es ihm um die Erforschung der Phänomenalität des Klangs selbst. Weniger erscheint hierbei die mediale Gemachtheit (poiesis) seiner Musikstücke maßgeblich, als vielmehr die tentative Untersuchung des Wahrnehmungsereignisses, wofür ebenso die Strukturen der zum Einsatz kommenden Technologien ausschlaggebend sind wie die performative Präsenz der Aufführungen selbst. Die in Frage kommenden ästhetischen Praktiken weisen daher einen experimentellen Charakter auf, der sich von den Experimentalsystemen der Wissenschaften vor allem dadurch unterscheidet, dass sie weder methodisch-explorativ verfahren noch durch Prinzipien der Wiederholbarkeit überprüfbar erscheinen, sondern vielmehr als Formen der Offenheit das “Unhörbare“/das „Unvorhersehbare“ exponieren und dadurch auf einzigartige Weise ihre eigene Medialität und deren Wahrnehmbarkeit unter Reflexion stellen.
Diese Eigenschaft der Kompositionen Luciers wird z.B. dadurch deutlich, dass – wie in dem Stück I am sitting in a room (1969) – durch rekursive Repetition einer Tonbandaufzeichnung der eigenen Stimme, die zuletzt so durch die Verschleifung ihrer Aufnahme der Aufnahme der Aufnahme … usw. geführt wird, dass sie sich gleichsam auszuhöhlen beginnt, ihren Bedeutungscharakter wie ihre klangliche Seite einbüßt, bis nurmehr  die Resonanzfrequenzen des jeweiligen Raumes zum Vorschein kommen. Erfahrbar wird so das per se Unerfahrbare, weil die betreffenden Raumkonstellationen erst die Bedingungen des Hörens  ausmachen, ohne selbst gehört werden zu können. Es sind solche und ähnliche Experimentalanordnungen, die die Arbeiten Luciers prägen und sie im zu einem Modell für die epistemische Kraft einer „experimentellen Ästhetik“ machen.

Direct link to Lay Summary Last update: 11.12.2014

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Alvin Lucier Festival Box Set
Rietbrock Bernhard (ed.), Alvin Lucier Festival Box Set, Institut für Theorie, ZHdK, Zürich.
Alvin Lucier Lexikonartikel
Rietbrock Bernhard, Alvin Lucier Lexikonartikel, in edition Text + Kritik (ed.), 1.
Alvin Lucier und die minimale Differenz
Rietbrock Bernhard, Alvin Lucier und die minimale Differenz, in Tadday Ulrich (ed.), 1.
Art as -research sui generis: The Compositions of Alvin Lucier
Mersch Dieter, Art as -research sui generis: The Compositions of Alvin Lucier, in Rietbrock Bernhard (ed.), Institut für Theorie, ZHdK, Zürich, 1.
Von Wissenschaft zu Kunst. Alvin Luciers Werk als ästhetische Forschung
Mersch Dieter, Von Wissenschaft zu Kunst. Alvin Luciers Werk als ästhetische Forschung, in Tadday Ulrich (ed.), edition Text + Kritik, Berlin, 1.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
University of California, Dept. of Music United States of America (North America)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Departement Musik, ZHdK Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
- Exchange of personnel
UdK Berlin Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
- Research Infrastructure
FSP Transdisziplinarität, ZHdK Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
ICST, ZHdK Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Research Infrastructure
- Exchange of personnel

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Alvin Lucier Partituranalyse Workshop Talk given at a conference Analyse der auf Schwebungen fokussierten Instrumentalstücke Luciers von 1982 bis heute 05.12.2016 Zürich, Switzerland Rietbrock Bernhard;
Alvin Lucier Festival-Symposium Talk given at a conference Alvin Lucier und die minimale Differenz 13.10.2016 Zürich, ZHdK, Switzerland Rietbrock Bernhard; Hiekel Jörn Peter; Mersch Dieter;


Self-organised

Title Date Place
Kompositionsworkshop mit Alvin Lucier und Gesangsworkshop mit Joan La Barbara 12.10.2016 Zürich, ZHdK, Switzerland
Kammermusikworkshop mit Alvin Lucier 11.10.2016 Zürich, ZHdK, Switzerland
Alvin Lucier 85th Birthday Festival 10.10.2016 Zürich, Switzerland
Alvin Lucier Workshop 14.06.2016 Zürich, ZHdK, Switzerland

Knowledge transfer events



Self-organised

Title Date Place
Alvin Lucier 85th Birthday Festival 10.10.2016 Zürich, ZHdK, Switzerland

Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Media relations: print media, online media Das Nichthörbare hörbar machen Neue Zeitschrift für Musik International 2017
Media relations: print media, online media Von der Magie des Experiments Musik Texte Nr. 152 International 2017
Media relations: radio, television Alvin Lucier - Der Alchimist der Echos und REsonanzen Radio SRF2 Kultur Western Switzerland German-speaking Switzerland 2016
Media relations: print media, online media Alvin Lucier-85th Birthday Festival Positionen November 2016 International 2016

Use-inspired outputs


Start-ups

Name Year
Ever Present Orchestra 2017

Abstract

1. Zusammenfassung Eine angemessene Rezeption des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Alvin Lucier mit seiner eigenwilligen Ästhetik und seinem umfangreichen Œuvre steht noch aus. Das Projekt setzt sich erstens zur Aufgabe, es mit Bezug auf seinen dezidiert experimentellen Charakter überhaupt erst zu erschließen, sowie zweitens es für die Entwicklung dessen, was im Rahmen des Projektantrags vorläufig als „reflexive Experimentalästhetik“ bezeichnet werden soll, exemplarisch fruchtbar zu machen. Die beiden Seiten des geplanten Projekts umfassen so einerseits einen musiktheoretischen bzw. musikästhetischen Anteil, der hauptsächlich analytischer Art ist, sowie andererseits eine Grund¬lagenforschung mit Bezug auf eine „Epistemologie des Ästhetischen“. Letztere geht von der An¬nahme aus, dass den Künsten eine eigene Form des Wissens innewohnt, das an Praktiken gebunden ist, die sowohl eine Seite der Wahrnehmung und sinnlichen Erfahrung als auch der Reflexivität aufweisen. Das, was im Kontext des Projekts als „reflexive Experimentalästhetik“ apostrophiert wird, ist darauf bezogen: Die in Frage kommenden ästhetischen Praktiken weisen selbst einen experimentellen Cha¬rak¬ter. Sie sind von den Experimentalsystemen der Wissenschaften dadurch zu unterscheiden, dass sie weder methodisch-explorativ verfahren noch durch Prinzipien der Wiederholbarkeit nachprüfbar erscheinen, sondern, nach der Bestimmung von John Cage, das „Unvorhersehbare“ exponieren und gerade dadurch auf einzigartige Weise ihre eigene Medialität und deren Wahr¬nehm¬barkeit unter Reflexion stellen. Dies lässt sich auf paradigmatische Weise anhand der Arbeiten Alvin Luciers exemplifizieren: Ausgehend von kompositorischen Modellen im Bereich der Live-Elek¬tronik geht es ihm um die Erforschung der Phänomenalität des Klangs selbst. Weniger erscheint die mediale Gemachtheit (poiesis) seiner Musikstücke maßgeblich, als vielmehr die Untersu¬chung des Wahrnehmungsereignisses selbst, wofür ebenso die Strukturen der zum Einsatz kommen¬den Technologien ausschlaggebend sind wie die Performativität der Aufführungen selbst. Dies wird z.B. dadurch deutlich, dass - wie in dem Stück I am sitting in a room (1969) - durch rekursive Repetition einer Tonbandaufzeichnung der eigenen Stimme, die zuletzt so durch die Verschleifung ihrer Aufnahme der Aufnahme der Aufnahme … usw. geführt wird, dass sie sich gleichsam auszu¬höhlen beginnt, ihren Bedeutungscharakter wie ihre klangliche Seite einbüßt, bis nurmehr die Resonanzfrequenzen des jeweiligen Raumes zum Vorschein kommen. Erfahrbar wird so das per se Unerfahrbare, weil die betreffenden Raumkonstellationen erst die Bedingungen des Hörens ausmachen, ohne selbst gehört werden zu können. Es sind solche und ähnliche Experimentalanordnungen, die die Arbeiten des Komponisten prägen und sie im besonderen Maße zu einem Modell für die epistemische Kraft einer in diesem Sinne „experimentellen Ästhetik“ machen. Das Ziel des Projekts ist daher ein Doppeltes: Auf der Basis einer Zusammenarbeit zwischen ästhetischer Grundlagenforschung und musikwissenschaftlicher wie musikphilosophischer Analyse geht es sowohl um eine theoretische Erschließung des „Gesamtwerks“ Alvin Luciers als auch mit Bezug auf dieses um die Entwicklung und Überprüfung der Tragfähigkeit des anvisierten Konzepts einer „reflexiven Experimentalästhetik“.
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