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Tugendhafter werden durch Neuro-Enhancement?

English title Becoming more virtuous through Neuro-Enhancement?
Applicant Betzler Monika
Number 150087
Funding scheme Project funding
Research institution Institut für Philosophie Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline Philosophy
Start/End 01.10.2013 - 30.09.2016
Approved amount 179'011.00
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Keywords (5)

Neuro-Enhancement; Biotechnologie; moralische Verbesserung; Tugendhaftigkeit; Autonomie

Lay Summary (German)

Lead
Gegenwärtig und potentiell zur Verfügung stehende Mittel der Biotechnologie werfen die Frage auf, ob die Möglichkeit einer biotechnischen (Selbst-) Erziehung zu Moral denkbar und ethisch rechtfertigbar ist. Dazu wird im Rahmen des Projekts zum einen untersucht, welche mentalen Fähigkeiten und Dispositionen für eine moralische Lebensführung zentral sind und zum anderen, ob und inwiefern diese einer pharmazeutischen oder anderweitig biotechnischen Realisierung prinzipiell zugänglich sind.
Lay summary

Die Orientierung an moralischen Werten und Normen ist ein zentraler Bestandteil und nach weit verbreiteter Ansicht eine notwendige Bedingung gesellschaftlichen Lebens. Gerade weil eine moralische Selbstfu¨hrung jedoch erlernt werden muss und nicht immer oder selten vollsta¨ndig gelingt, handeln Menschen ha¨ufig auf der Grundlage zumindest einiger moralisch falscher U¨berzeugungen oder wissen zwar um das moralisch Gute oder Richtige, bringen aber nicht die erforderliche Motivation auf, diesem Wissen gema¨ss zu handeln. Mit den Mitteln der Biotechnologie scheint das Ziel der (Selbst-) Erziehung zu Moral nun aber in viel greifbarere Na¨he geru¨ckt, als es die konventionelle Erziehung, fortlaufendes Üben und Anstrengung bisher erlaubten. Gesunde, die keine pathologischen moralisch relevanten Defizite aufweisen, lassen sich unter Rückgriff auf gezielte und nebenwirkungsfreie biotechnische Anwendungen wie Psychopharmaka möglicherweise schnell und nachhaltig zu tugendhafteren Menschen formen. Trotz des instrumentellen und vielleicht auch intrinsischen Werts der moralischen Lebensfu¨hrung ist es gegenwärtig jedoch höchst unklar, ob die biotechnische (Selbst-) Erziehung zu Moral überhaupt denkbar ist und ob sie sich rechtfertigen la¨sst. So ist zunächst einmal fraglich, worin die moralische Verbesserung einer Person genau besteht: Auf welche (kognitiven, affektiven oder motivationalen) psychischen Fa¨higkeiten, Dispositionen oder Charakterzüge ko¨nnte sich ein entsprechender Eingriff u¨berhaupt richten? Inwiefern lassen sich diese mentalen Eigenschaften möglicherweise auf biotechnischem Weg realisieren? Und auf Grundlage welcher Gründe hätten Individuen und eine Gesellschaft ein solches Neuro-Enhancement der Moral zu befürworten oder abzulehnen?

Direct link to Lay Summary Last update: 23.10.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Verantwortung und Kontrolle
Betzler Monika, Scherrer Nina, Verantwortung und Kontrolle, in Heidbrink Ludger, Langbehn Claus, Sombetzki Janina (ed.), Springer Fachmedien, Wiesbaden, 1-16.

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
168627 Neuro-Enhancement der Moral? 01.10.2016 Doc.Mobility

Abstract

Die Idee, Individuen zu moralisch besseren bzw. tugendhafteren Menschen zu machen, ist nicht prinzipiell neu, stellt doch die Erziehung zur Orientierung an moralischen Werten und Normen bereits bei Aristoteles, aber auch in der Philosophie der Aufklärung ein besonders zentrales Anliegen dar. Mit den Mitteln der Biotechnologie scheint ein solches Ziel im Vergleich zu konventionellen Methoden nun aber in viel greifbarere Nähe gerückt. So wird seit neuerem die Möglichkeit diskutiert, Gesunde, die nicht aufgrund klinisch diagnostizierter Pathologien moralische Defizite aufweisen, mittels pharmazeutischen oder anderweitig biotechnischen Verfahren zu moralisch besseren Menschen zu machen. Moralische Laster und Schwächen liessen sich mittels der gezielten und nebenwirkungsfreien biotechnischen Modifikation mentaler Zustände unter Umständen viel schneller, einfacher und nachhaltiger überwinden, als es elterliche und institutionelle Erziehung, fortlaufendes Üben und Anstrengung bisher erlaubten. Ein solches Neuro-Enhancement der Moral müsste demnach zumindest erlaubt, wenn nicht gar geboten sein. Ob die biotechnische (Selbst-) Erziehung zu Moral überhaupt denkbar ist und ob sie sich rechtfertigen liesse, ist bisher jedoch höchst unklar. Vor dem Hintergrund der bisherigen Debatte um die infrage stehende Massnahme stehen im Zentrum des Forschungsprojekts daher folgende Fragen:(1) Worin besteht überhaupt das Ziel der moralischen Verbesserung von Personen? Was kann es sinnvollerweise heissen, dass eine Person in moralischer Hinsicht besser wird als bisher? Auf welche psychischen Fähigkeiten, Dispositionen und charakterlichen Eigenschaften könnte sich ein biotechnischer Eingriff überhaupt richten?(2) Inwiefern unterscheidet sich der Rückgriff auf biotechnische Mittel wie Psychopharmaka von der üblichen Kinder- und Selbsterziehung zu moralischem Verhalten? Ist moralische Verbesserung mittels biotechnischem Eingriff überhaupt denkbar oder erfordert sie allenfalls Fertigkeiten, die sich einer entsprechenden Manipulation grundsätzlich entziehen?(3) Inwiefern ist ein Neuro-Enhancement der Moral möglicherweise unproblematisch oder gar wünschenswert? Lässt sich diese Frage ethisch-neutral, d.h. ohne Rekurs auf eine bestimmte normative Ethik beantworten oder ist dies unmöglich? Ein wesentliches Anliegen besteht demnach darin zu klären, worauf ein Neuro-Enhancement der Moral überhaupt zielt und worin somit die moralische Verbesserung einer Person besteht. Dabei lautet eine zentrale Arbeitshypothese, dass eine Person dann moralischer wird, wenn sie ihre Fähigkeit verbessert, sich autonom bzw. selbstbestimmt an moralischen Gründen zu orientieren (moralische Autonomie). Dies erfordert es zum einen, so die Annahme, dass sie die korrekten moralischen Handlungsgründe besser zu identifizieren vermag und zum anderen, dass sie ihr Verhalten vermehrt im Lichte dieser Gründe zu lenken im Stande ist. Demnach wäre eine Person in moralischer Hinsicht selbstbestimmter und ein entsprechendes Enhancement gelungen, wenn ihre Handlungen vermehrt auf moralische Gründe reagieren, die sie eigens erwogen und eingesehen und nicht bloss übernommen hat oder die lediglich zufällig mit dem moralisch Richtigen oder Guten übereinstimmen.Vor diesem konzeptuellen Hintergrund der moralischen Verbesserung gilt es sodann zu klären, ob und inwiefern biotechnische Mittel wie Psychopharmaka es überhaupt erlauben, Menschen tugendhafter zu machen. Denn die Orientierung an moralischen Gründen scheint es zu erfordern, die eigenen Überzeugungen und Neigungen auf den Gehalt hin zu bewerten, auf den sich diese richten. Ob es die prinzipielle Wirkweise von Pharmazeutika oder anderer biotechnischer Mittel über die Häufung, Intensivierung oder Schwächung von mentalen Zuständen hinaus aber auch zulässt, den Gehalt mentaler Zustände zu bestimmen und zu evaluieren, scheint schwer plausibilisierbar. Nichtsdestotrotz muss zum einen gründlich geklärt werden, ob sich die These der moralischen Autonomie tatsächlich frei von normativ problematischen Annahmen denken lässt und zum anderen, ob und inwiefern es (zukünftige) biotechnische Mittel nicht doch erlauben könnten, den Gehalt mentaler Zustände gezielt zu modifizieren.
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