Project

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Wittgenstein und das soritische Paradox

English title Wittgenstein and the sorites paradox
Applicant Glock Hans-Johann
Number 146779
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Philosophisches Seminar Universität Zürich
Institution of higher education University of Zurich - ZH
Main discipline Philosophy
Start/End 01.04.2013 - 31.03.2016
Approved amount 169'975.00
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Keywords (7)

Wittgenstein; Meaning; Rules; Sorites; Nonsense; Vagueness; Method of Philosophy

Lay Summary (German)

Lead
Die meisten Begriffe einer natürlichen Sprache haben unscharfe Grenzen. Bspw. können wir zwischen jungen und alten Menschen unterscheiden, wir können aber nicht angeben, mit wie vielen Jahren, Tagen und Stunden ein junger Mensch zu einem alten wird. Die Grenze, möchte man sagen, ist eben unscharf: eine Sekunde macht nicht den Unterschied aus zwischen jung und alt. Doch mit dieser Charakterisierung von unscharfen Grenzen hat man sich scheinbar unversehens zu einem Paradox verpflichtet.
Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts
Unproblematisch an dieser Konzeption von unscharfen Grenzen ist, dass, wenn ein 20-jähriger jung ist, es auch ein um eine Sekunde Älterer sein muss. Doch da eine Sekunde nie den Unterschied ausmachen kann, wird man nach 1’576’800’000 solcher Schritte einen 70-jährigen jung nennen müssen, was paradox wäre.

Wie also lassen sich unscharfe Grenzen denken, ohne dass man unzählige Paradoxien (die für jeden unscharfen Begriff erneut auftreten) heraufbeschwört? Das Hauptziel dieses Projektes ist es, eine Konzeption von unscharfen Grenzen zu formulieren, die das Paradox vermeidet, die weder die Realität und Anwendbarkeit dieser Begriffe in Abrede stellt (Nihilismus), noch den gordischen Knoten mit dem Schwert zerschlägt, indem sie behauptet, dass die fraglichen Begriffe eben doch scharfe Grenzen hätten, nur wüssten wir nicht, wo diese anzusetzen seien (Epistemizismus).

Die Beantwortung dieser Frage ist eng verknüpft mit i) zentralen Fragen der Sprachphilosophie sowie ii) der Methodologie der Philosophie. In dieser Hinsicht übernimmt iii) die Philosophie Wittgensteins eine zentrale Rolle für das Projekt, der als wichtiger Akteur des linguistic turn entscheidend zum Verständnis der menschlichen Sprache, und der Methodologie der Philosophie beigetragen hat. Seine Reflexionen zur Rolle und Natur semantischer Regeln werden benutzt, um die Paradoxie zu bannen.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext des Forschungsprojekts

Unscharfe Grenzen spielen nicht nur im Alltag eine zentrale Rolle, sondern auch in vielen Wissenschaften. Ausserdem sind sie zentral für den juristitischen und den ethischen Diskurs: Ab wann zählt ein Fötus als Mensch und darf nicht abgetrieben werden? Was ist normales Flirtverhalten, was sexuelle Belästigung? Dieses Projekt wird die ethischen Fragen nicht zu beantworten suchen, versteht sich aber als Grundlagenarbeit dazu, indem es den Blick dafür schärft, welche Fragen sinnvoll gestellt werden können.

Direct link to Lay Summary Last update: 08.04.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Does Wittgenstein have a Method? The Challenges of Conant and Schulte
Wyss Sebastian, Does Wittgenstein have a Method? The Challenges of Conant and Schulte, in Nordic Wittgenstein Review, 4(1).

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Ben-Yami, Hanoch, CEU Budapest Hungary (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Exchange of personnel

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Why Does Davidson (and why do we) Need a Semantic Theory? Talk given at a conference Compositionality as an Argument for Semantic Theories 18.04.2016 Zürich, Switzerland Wyss Sebastian;
38th International Wittgenstein Symposium 2015 in Kirchberg Talk given at a conference Beschreibung subjektiven Erlebens im Lichte des Privatsprachen-Arguments 10.08.2015 Kirchberg am Wechsel, Austria Wyss Sebastian;
Wittgenstein Workshop Zurich Talk given at a conference Achtung Scharf! Bestimmtheit im Tractatus 18.02.2015 Zürich, Switzerland Wyss Sebastian;
Concepts and Conceptual Analysis Talk given at a conference Wittgenstein and Ryle on Ordinary Language 16.10.2014 Vilnius, Lithuania Wyss Sebastian;
36th International Wittgenstein Symposium 2013 in Kirchberg Talk given at a conference Wittgenstein, the Aim of Philosophy and Negativism 11.08.2014 Kirchberg am Wechsel, Austria Wyss Sebastian;
What We Do: Historical and Contemporary Perspectives on the Aims and Methods of Philosophy, 5th International Graduate Conference of the Department of Philosophy of Central European University Talk given at a conference Wittgenstein's Conception of Philosophy: Negativism and Value 04.04.2014 Budapest, Hungary Wyss Sebastian;
GAP Doktorandenworkshop: Metaphysik und Methode Individual talk Inwiefern hat Wittgenstein eine Methode? 15.11.2013 Berlin, Germany Wyss Sebastian;


Abstract

Die meisten Begriffe einer natürlichen Sprache haben unscharfe Grenzen. Gibt es eine letzte Sekunde im Leben eines Menschen, in der er jung ist? Für einen Begriff F mit unscharfen Grenzen scheint es, dass ein kleiner Unterschied in einer F zugeordneten Dimension f nicht den Unterschied ausmachen kann, ob ein Objekt a korrekterweise F oder nicht-F genannt werden kann (z. B. macht eine Sekunde nicht den Unterschied zwischen ’jung’ und ’nicht-jung’ aus). Doch wenn genügend Sekunden verstrichen sind, ist ein Mensch irgendeinmal nicht mehr jung. Eine grosse Anzahl von kleinen Veränderungen des Objektes a in der Dimension f führt dazu, dass a nicht mehr korrekterweise F genannt werden kann. Diese beiden Bedingungen der korrekten Anwendbarkeit von ’jung’ führen ins Paradoxe: Eine Sekunde kann nie den Unterschied zwischen ’jung’ und ’nicht-jung’ ausmachen; doch ein Unterschied von 50 Jahren kann als 1’576’800’000 Sekunden-Unterschiede dargestellt werden. Wer einen 20-jährigen ’jung’ nennt, müsste nach dieser Überlegung auch einen 70-jährigen ’jung’ nennen. Doch ein 70-jähriger ist beim besten Willen nicht jung. Paradoxien dieser Art haben unter dem Titel ’Sorites’ Philosophen und Logiker der analytischen Tradition seit den 70er Jahren zunehmend beschäftigt. Mittlerweile ist die Diskussion zum Sorites und zur Vagheit (vage Begriffe haben unscharfe Grenzen) riesig und es gibt unzählige Lösungsansätze und Reaktionen darauf. Um eine grobe Übersicht zu geben: i) Die unplausibelste Reaktion ist der Nihilismus: Aussagen, die vage Begriffe enthalten, sind immer falsch. Folglich ist niemand jung. ii) Für den Epistemizismus liegt der Grund für den Anschein von unscharfen Grenzen in einer epistemischen Beschränkung: Wir wissen nicht, wo die Grenze ist. iii) Den grössten Teil der Diskussion machen Ansätze aus, die verschiedenste Versionen einer neuen Logik vorschlagen, um dem Paradox zu entgehen. Dabei werden die klaren Fälle von F von den klaren Fällen von nicht-F durch eine Halbschattenregion mit unterschiedlichem Wahrheitsstatus getrennt. Ziel des Forschungsprojektes ist es, eine Lösung für das soritische Paradox zu formulieren, welche von einer wittgensteinianischen Sprach- und Philosophiekonzeption ausgeht. Dadurch arbeitet das Projekt in zweierlei Hinsicht mit einem anderen Paradigma als die herkömmlichen Antworten. Erstens wird das Kalkül-Modell der Sprache zurückgewiesen, und zwar durch Überlegungen zum Begriff des Verstehens, und durch ein nicht-kompositionalistisches Modell des Satz-Sinnes. Zweitens folgt es einem anderen methodischen Ansatz: Am Ende der philosophischen Tätigkeit steht nicht Wissen, sondern Verständnis. Diese Unterschiede zu thematisieren und begründen macht einen guten Teil des Projekts aus. Die eigentliche Lösung des Sorites baut auf Wittgensteins Konzeption der Sprache als regelgeleiteter Tätigkeit: Die Regeln bestimmen, was sinnvoll gesagt werden kann, ohne dabei scharfe Grenzen zu ziehen; im praktischen Kontext der geregelten Aktivität führt dies zu keinerlei Problemen - diese tauchen erst auf, wenn die Sprache an unangebrachten logischen Idealen gemessen wird. Konkret heisst dies für vage Begriffe wie jung, dass das Toleranzprinzip “Wenn jemand, der vor n Sekunden geboren wurde, jung ist, dann ist auch jemand der vor n+1 Sekunden geboren wurde, jung” keine Regel des sinnvollen Gebrauchs ist. Dies impliziert aber nicht, dass die Negation des Toleranzprinzips eine Regel für ‘jung’ ist. Auch bei einer kompletten Auslegeordnung der Regeln von ‘jung’ bleiben gewisse Fragen ohne Antwort.
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