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Regulierung, Normalisierung, Individualisierung. Eine Geschichte der neuen Reproduktionstechnologien in der Schweiz im Vergleich mit Deutschland und Frankreich seit den 1960er-Jahren

English title Regulation, Normalization, Individualization. A History of Assisted Reproductive Technologies in Switzerland in Comparison with Germany and France since the 1960s
Applicant Studer Brigitte
Number 137744
Funding scheme Project funding
Research institution Historisches Institut Philosophisch-historische Fakultät Universität Bern
Institution of higher education University of Berne - BE
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.11.2011 - 31.03.2014
Approved amount 189'290.00
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Lay Summary (German)

Lead
Lay summary
LeadDie gesellschaftliche Akzeptanz und individuelle Inanspruchnahme der neuen Reproduktionstechnologien ("assisted reproductive technologies", ARTs) bei ungewollter Kinderlosigkeit haben seit den 1990er-Jahren stark zugenommen. Dies gilt auch für die Schweiz, die im internationalen Vergleich sehr restriktive Gesetze besitzt. Das Projekt untersucht die historischen Bedingungen für die gesetzliche Regulierung und zunehmende Normalisierung von ARTs in der Schweiz und fragt nach der damit verbundenen kollektiven Definition "unerwünschter" und "erwünschter" Fortpflanzung. HintergrundSeit der Geburt des ersten in vitro gezeugten Kindes im Jahr 1978 haben die neuen Reproduktionstechnologien die therapeutischen Möglichkeiten bei ungewollter Kinderlosigkeit in ungeahntem Ausmass erweitert. Immer mehr Frauen und Männer unterziehen sich seither den noch jungen Behandlungsmethoden der In-vitro-Fertilisation oder der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion. Zu den neuen Reproduktionstechnologien zählen auch die genetische Pränataldiagnostik und die in der Schweiz bislang verbotene Präimplantationsdiagnostik. Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch oder einer vererbbaren Krankheit kann damit geholfen werden, ein genetisch eigenes und gesundes Kind zu bekommen. Embryonen, bei denen ein hohes Risiko oder eine Diagnose für eine schwere Behinderung oder Krankheit vorliegt, werden hingegen zumeist abgetrieben bzw. verworfen. Die Tendenz zur "Normalisierung" (Charis Thompson) der neuen Reproduktionstechnologien ist nicht nur in Ländern mit einer eher liberalen Gesetzgebung wie Frankreich oder England zu beobachten, sondern auch in der Schweiz und in Deutschland, die zu den restriktivsten Ländern zählen.ZielDie Studie hat zum Ziel, die historischen Bedingungen für die gesetzliche Regulierung und zunehmende Normalisierung der neuen Reproduktionstechnologien in der Schweiz im Vergleich mit Deutschland und Frankreich zu erarbeiten. Darüber hinaus soll aufgezeigt werden, wie die damit verbundenen Aushandlungsprozesse, Diskurse und Prozeduren zur kollektiven Definition "unerwünschter" und "erwünschter" Fortpflanzung beitrugen. Methode und Bedeutung Das Projekt ist als vergleichende Sozial-, Diskurs-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte angelegt und bedient sich hauptsächlich der historisch-kritischen, qualitativen Methode. Es untersucht die bis in die 1960er-Jahre zurückreichenden historischen Faktoren für die Regulierung und Normalisierung der neuen Reproduktionstechnologien in der Schweiz und erarbeitet ein historisches Orientierungswissen zum Wandel der kollektiven Definition "unerwünschter" und "erwünschter" Fortpflanzung.
Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Einleitung
Argast Regula gemeinsam mit Corinna R. Unger und Alexandra Widmer (2015), Einleitung, in DFG-Demographie-Netwerk Argast Regula Unger Corinna Hartmann Heinrich Overath Petra u.a. (ed.), Routledge, London, 1-10.
Twentieth Century Population Thinking: A Critical Reader of Primary and Secondary Sources
DFG-Demographie-Netzwerk (Hg.) Argast Regula Unger Corinna Hartmann Heinrich Overath Petra u.a. (ed.) (2015), Twentieth Century Population Thinking: A Critical Reader of Primary and Secondary Sources, Routledge, London.
Einführung: Eugenik nach 1945 (Themenheft "Eugenics after 1945", JMEH)
Argast Regula (2012), Einführung: Eugenik nach 1945 (Themenheft "Eugenics after 1945", JMEH), in Journal of Modern European History, 10(4), 452-457.
Journal of Modern European History, Themenheft "Eugenics after 1945"
Argast Regula Rosental Paul-André (Hg.) (2012), Journal of Modern European History, Themenheft "Eugenics after 1945", C.H. Beck, München.
Eine arglose Eugenik? Hans Moser und die Neupositionierung der genetischen Beratung in der Schweiz, 1974–1980
Argast Regula (2011), Eine arglose Eugenik? Hans Moser und die Neupositionierung der genetischen Beratung in der Schweiz, 1974–1980, in traverse, Zeitschrift für Geschichte , 2011(3), 85-104.
Rezension zu: Wecker, Regina et al. (Hg.), Wie nationalsozialistisch ist die Eugenik? In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 61 (2011), Nr. 4, S. 509–512
Argast Regula (2011), Rezension zu: Wecker, Regina et al. (Hg.), Wie nationalsozialistisch ist die Eugenik? In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 61 (2011), Nr. 4, S. 509–512, Schwabe Verlag, Basel.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
DFG-Netzwerk «Economies of Reproduction, 1750-2010» (Braunschweig/Berlin) Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
DFG-Netzwerk «Bevölkerung, Wissen, Ordnung, Wandel» (Bremen/Basel) Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Dr. Anne Cottebrune, Institut für Geschichte der Medizin, Univ. Giessen Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Prof. Dr. Jakob Tanner, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Univ. Zürich Switzerland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Prof. Paul-André Rosental, SciencePo, Centre d’Histoire, 28 rue des Saints-Pères, F-75007 Paris France (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication
Prof. Dr. Paul Weindling, Oxford Brookes University Great Britain and Northern Ireland (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Medizinhistorische Runde, Institut für Medizingeschichte, Universität Bern Individual talk Diskriminierung und Toleranz. Zur Konstruktion unerwünschter und erwünschter Fortpflanzung durch die neuen Reproduktionstechnologien 16.12.2014 Bern, Switzerland Argast Regula;
Forschungskolloquium des Historisches Institut der Universität Bern: Neuere Forschungen in Sozial-, Kultur- und Geschlechtergeschichte; Prof. Dr. Brigitte Studer, Prof. Dr. Kristina Schulz Individual talk Regulierung, Normalisierung, Individualisierung. Die neuen Reproduktionstechnologien seit den 1960er-Jahren aus geschlechterhistorischer Perspektive. 15.05.2012 Bern, Switzerland Argast Regula; Studer Brigitte;
Arbeitstreffen der DFG-Netzwerke «Population, Knowledge, Order, Change» und «Economies of reproduction» Individual talk Artificial Insemination by Donor, ARTs, and Qualitative Population Policies in the Second Half of the 20th Century 15.05.2012 Basel, Switzerland Argast Regula;


Awards

Title Year
Regula Argast erhielt im Rahmen eines Berufungsverfahrens für eine W3-Professur für Politik- und Geschichtswissenschaft und ihre Didaktik an der PH Freiburg i. Brsg. einen Listenplatz. 2014

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
122055 Normalisierung durch Individualisierung. Eine Geschichte der Fortpflanzungsmedizin und genetischen Diagnostik in der Schweiz seit den 1950er Jahren im Vergleich mit Deutschland und Frankreich 01.10.2009 Project funding (special)

Abstract

Die Entwicklung der neuen Reproduktionstechnologien («assisted reproductive technologies», ARTs) hat seit der Geburt des ersten damals so bezeichneten Retortenbabys im Jahr 1978 die therapeutischen Möglichkeiten bei ungewollter Kinderlosigkeit in ungeahntem Ausmass erweitert. Immer mehr Frauen und Männer unterziehen sich seither einer künstlichen Befruchtung mit den noch jungen Techniken der In-vitro-Fertilisation (IVF) oder der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Zu den neuen Reproduktionstechnologien zählen auch die genetische Pränataldiagnostik (PND, erstmals 1966) sowie die in der Schweiz bislang verbotene Präimplantationsdiagnostik (PGD, erstmals 1990). Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch oder einer vererbbaren Krankheit kann damit geholfen werden, ein genetisch eigenes und gesundes Kind zu bekommen. Embryonen, bei denen ein hohes Risiko oder eine Diagnose für eine schwere Behinderung oder Krankheit vorliegt, werden hingegen zumeist abgetrieben oder - im Fall der PGD - nicht in die Gebärmutter der Frau transferiert. Trotz der ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedenken, die sich mit der Verfügbarkeit der neuen Techniken eingestellt haben - erwähnt sei die Frage, ob die Eugenik als «liberale Eugenik» (Jürgen Habermas) oder als «utilitaristische Genetik» (Jakob Tanner) weitergeführt werde -, nahmen die gesellschaftliche Akzeptanz und die individuelle Inanspruchnahme des reproduktionsmedizinischen Angebots seit den 1990er Jahren deutlich zu. Diese Entwicklung ist nicht nur in Ländern mit einer eher liberalen Gesetzgebung wie Frankreich oder England zu beobachten, sondern auch in der Schweiz und in Deutschland, die zu den restriktivsten Ländern zählen.Das Projekt fragt danach, wie die neuen Reproduktionstechnologien in der Schweiz im Vergleich mit Deutschland und Frankreich und vor dem Hintergrund der transnationalen Entwicklungen legitimiert, normalisiert und rechtlich geregelt wurden und wie die damit verbundenen Aushandlungsprozesse, Diskurse und Prozeduren zur kollektiven Definition unerwünschter und erwünschter Fortpflanzung beitrugen. Während ethnologisch und soziologisch ausgerichtete Untersuchungen hauptsächlich auf die Konstruktion kollektiver Deutungen wie Familie, Elternschaft, Kinder, Kinderlosigkeit, Behinderung und Geschlecht fokussieren, fragt die Studie auch nach den bis in die 1960er Jahre zurückreichenden historischen Faktoren für die Entwicklung und Bedeutung der neuen Reproduktionstechnologien. Zu diesen Faktoren gehören die transnationale Zirkulation genetischer Wissensbestände, reproduktionsmedizinischer Techniken, familien-, bevölkerungspolitischer und bioethischer Diskurse, weiter die nationalen Politik-, Gesellschafts- und Rechtssysteme, Erinnerungskulturen und zivilgesellschaftliche Interventionen und schliesslich die wirtschaftlichen Interessen und die individuelle Nachfrage nach assistierter Reproduktion und genetischer Diagnostik. Das Projekt ist als vergleichende Sozial-, Diskurs- und Wissenschaftsgeschichte angelegt und bedient sich hauptsächlich der historisch-kritischen, qualitativen Methode. Es stellt das Nachfolgeprojekt des Projekts «Normalisierung durch Individualisierung: Eine Geschichte der Fortpflanzungsmedizin und genetischen Diagnostik in der Schweiz seit den 1950er Jahren im Vergleich mit Deutschland und Frankreich» von Dr. Regula Argast dar, das vom SNF zwischen dem 1.10.2009 und dem 30.9.2011 (85%) gefördert wurde.
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