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"Die Idee des Componisten ins Leben zu rufen" - instruktive Notenausgaben als Basis für historisch orientierte Interpretationsforschung im Repertoire des 19. Jahrhunderts

English title „To call into life the ideas of the Composer“ - instructive editions of music as a basis for historically oriented research in 19th century interpretation practice
Applicant Köpp Kai
Number 133729
Funding scheme SNSF Professorships
Research institution Institut Interpretation Hochschule der Künste Bern Berner Fachhochschule
Institution of higher education Berne University of Applied Sciences - BFH
Main discipline Music, Theatre
Start/End 01.08.2011 - 31.07.2015
Approved amount 1'288'112.00
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All Disciplines (2)

Discipline
Music, Theatre
Musicology

Keywords (10)

Applied musicology; History of music; Musical performance; 19th century music; 19th century academic performance; Historical consciousness in music; Historically informed performance (HIP); Instructive editions; Early recordings; Author intention

Lay Summary (German)

Lead
Lay summary

Gegenstand des Forschungsprojektes ist diemusikalische Interpretationspraxis des 19. Jahrhunderts. Insbesondere die Vortragsnormenund Improvisationselemente dieser Zeit sollen erforscht und in diesemZusammenhang auch klanglich realisiert werden.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehtdie Auswertung der so genannten „instruktiven Ausgaben“, die ein wichtigesZeugnis der akademisch-professionellen Musikpraxis des 19. Jahrhundertsdarstellen. Von gewöhnlichen Notenausgaben unterscheiden sie sich darin, dassnicht nur der Notentext mit detaillierten Vortragsbezeichnungen angereichertist, sondern dass die meist berühmten Herausgeberinnen und Herausgeber (z.B.Louis Spohr, Clara Schumann, Hans v. Bülow) darüber hinaus einen sprachlichenKommentar beigefügt haben, der teilweise mehr als die Hälfte der jeweiligenDruckseite einnimmt. Zur Interpretation klassischer Musikstücke schreibt beispielsweiseLouis Spohr 1833, es komme nicht darauf an, „seine Virtuosität zu zeigen,sondern die Idee des Componisten ins Leben zu rufen.“ Obwohl wir uns dieNaivität, von der ‚Intention eines Autors‘ zu sprechen, heute nicht mehrleisten können, zeigen instruktive Ausgaben immerhin, was Interpretinnen undInterpreten des 19. Jahrhunderts für die „Idee des Komponisten“ hielten undwelche unterschiedlichen Mittel sie dazu wählten, diese „ins Leben zu rufen“.

Bisher stützte sich die Forschung zurInterpretationspraxis des 19. Jahrhunderts auf zwei Quellengattungen, die nurschwer miteinander in Beziehung zu setzen sind: zeitgenössische Abhandlungenüber den „musikalischen Vortrag“ und frühe Tonträgerdokumente. WährendTextquellen oft sehr allgemein gehalten sind, dokumentieren früheTonaufzeichnungen sehr individuelle Interpretationsentscheidungen. InstruktiveAusgaben überbrücken diese Kluft, denn sie versprachlichen musikalischeEntscheidungen an einem konkreten Notentext. Dennoch sind diese Ausgaben wegenihrer praktischen Orientierung und stilistischen Verjährung kaum mehr inöffentlichen Bibliotheken zu finden, so dass sie als Quellen häufig neu erschlossenwerden müssen.

Durch die Auswertung von Instruktiven Ausgabenkann die bereits im 19. Jahrhundert existierende Vielfalt derInterpretationsansätze wissenschaftlich exakt beschrieben werden. KonkreteMerkmale einer Interpretation lassen sich durch einen Abgleich vonschriftlichen Interpretationsanweisungen mit zeitgenössischen Vortragslehrenhistorisch angemessen benennen. Dies trägt möglicherweise auch zur Ausbildungvon Kriterien für die aktuelle empirische Tonträgerforschung bei, indemInterpretationsmerkmale eines frühen Tonträgerdokuments im Einzelfall als intentional,unreflektiert, zufällig oder sogar missglückt klassifiziert werden können. Ineinem empirischen Forschungsbereich sollen spezialisierte Forschungsensemblesdie schriftlichen Instruktionen klanglich wiederbeleben. Dabei soll derGebrauch historischer Ausdrucksmittel, wie sie auch von frühenTonträgerdokumenten bekannt sind, neu erlernt und in beispielhaftenMusikproduktionen veröffentlicht werden.

An der Schnittstelle von textorientierterMusikwissenschaft und klangorientierter Interpretationspraxis soll eineneuartige Forschungsrichtung namens „angewandte Interpretationsforschung“etabliert werden, die einen hohen interdisziplinären Mehrwert verspricht. 

Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Essay: Zur Vorgeschichte des "interpretierenden Dirigenten"
Köpp Kai (2015), Essay: Zur Vorgeschichte des "interpretierenden Dirigenten", in Caskel Julian und Hein Hartmut (ed.), J. B. Metzler, Stuttgart, 19-25.
Anmerkungen zur Aufführungspraxis
Köpp Kai (2014), Anmerkungen zur Aufführungspraxis, in Schmidt Philip (ed.), Henle Verlag, München, 17.
Museumsinstrumente ohne Repertoire? Gambenartige Diskantininstrumente ca. 1690-1760 aus organologischer und interpretationsgeschichtlicher Perspektive
Köpp Kai (2014), Museumsinstrumente ohne Repertoire? Gambenartige Diskantininstrumente ca. 1690-1760 aus organologischer und interpretationsgeschichtlicher Perspektive, in Darmstädter Beatrix (ed.), Praesens, Wien, 75-98.
Wagner historisch. Methoden und Ergebnisse eines interpretationsgeschichtlichen Forschungsansatzes
Köpp Kai (2014), Wagner historisch. Methoden und Ergebnisse eines interpretationsgeschichtlichen Forschungsansatzes, in wagnerspectrum, 10(1/2014), 261-278.
’My man is nothing if he is not rhythmic’ – Die Ausführung kurzer rhythmischer Motive in Aufnahmen von Schülerinnen Clara Schumanns
Bausch Sebastian (2013), ’My man is nothing if he is not rhythmic’ – Die Ausführung kurzer rhythmischer Motive in Aufnahmen von Schülerinnen Clara Schumanns, in dissonance, 124(Dezember 2), 35-43.
Sechs Schubert’sche Lieder von Caspar Joseph Mertz. Schubert-Transkriptionen für Gitarre solo als Quelle für die Interpretationspraxis
Cla Mathieu (2013), Sechs Schubert’sche Lieder von Caspar Joseph Mertz. Schubert-Transkriptionen für Gitarre solo als Quelle für die Interpretationspraxis, in dissonance, 121(März 2013), 35-40.
Bernhard Molique und die Historiographie des Violinspiels im 19. Jahrhundert
Köpp Kai (2012), Bernhard Molique und die Historiographie des Violinspiels im 19. Jahrhundert, in Zimmermann Ann-Katrin (ed.), Strube, München, 43-62.
Musikalisches Geschichtsbewusstsein um 1900 – Ansätze zu einer historischen Interpretationsforschung
Köpp Kai (2011), Musikalisches Geschichtsbewusstsein um 1900 – Ansätze zu einer historischen Interpretationsforschung, in Loesch Heinz v., Weinzierl Stefan (ed.), Schott, Mainz, 65-82.
Der Fliegende Holländer an der Dresdner Hofoper 1843. Proben- und Vortragspraxis auf dem Weg zu einer Uraufführung
Köpp Kai, Der Fliegende Holländer an der Dresdner Hofoper 1843. Proben- und Vortragspraxis auf dem Weg zu einer Uraufführung, in Rentsch Ivana (ed.), Königshausen & Neumann, Würzburg.
Die hohe Schule des Portamento – Violintechnik als Schlüssel für die Gesangspraxis im 19. Jahrhundert
Köpp Kai, Die hohe Schule des Portamento – Violintechnik als Schlüssel für die Gesangspraxis im 19. Jahrhundert, in dissonance, Dezember 2015(132).
Musik Aufführen (Gesellschaft für Musikforschung, Kompendien Musik 12)
Köpp Kai und Seedorf Thomas (ed.), Musik Aufführen (Gesellschaft für Musikforschung, Kompendien Musik 12), Laaber Verlag, Laaber.
Wagner und die "musikalische Plastik". Gestisches Komponieren in der Tradition der Ars inveniendi
Köpp Kai, Wagner und die "musikalische Plastik". Gestisches Komponieren in der Tradition der Ars inveniendi, in Kathrin Eggers Ruth Müller-Lindenberg (ed.), Königshausen & Neumann, Würzburg.
Zur Entstehung eines Klassikers: Die Aufführungen von Beethovens Violinkonzert op. 61 von der Uraufführung bis 1844
Gebauer Johannes, Zur Entstehung eines Klassikers: Die Aufführungen von Beethovens Violinkonzert op. 61 von der Uraufführung bis 1844, in Christine Siegert (ed.), Verlag Beethoven Haus, Bonn.

Collaboration

Group / person Country
Types of collaboration
Gesellschaft für Musikforschung Germany (Europe)
- in-depth/constructive exchanges on approaches, methods or results
- Publication

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Jahrestagung der ÖGMW "Analyse – Interpretation – Aufführung – Performance. Ein Spannungsfeld der Neubestimmung musikwissenschaftlicher Methoden" Talk given at a conference Ein österreichischer „Kolorist“ in Leipzig: Interpretationsanalysen von Josef Pembaurs Beethoven-Einspielungen 1932 und heute 18.11.2015 Graz, Austria Bausch Sebastian;
Jahrestagung der ÖGMW "Analyse – Interpretation – Aufführung – Performance. Ein Spannungsfeld der Neubestimmung musikwissenschaftlicher Methoden" Talk given at a conference Hauptvortrag: "Musikgeschichte als Interpretationsgeschichte. Neue Quellen – neue Herausforderungen" 18.11.2015 Graz, Austria Köpp Kai;
Jahrestagung der ÖGMW "Analyse – Interpretation – Aufführung – Performance. Ein Spannungsfeld der Neubestimmung musikwissenschaftlicher Methoden" Talk given at a conference ’Topographie’ statt editionskritische Stemmatik – Die Notenausgaben von Pierre Rodes 24 Capricen für Violine im Wandel der Interpretations- und Aufführungspraxis von 1818 bis 1918 18.11.2015 Graz, Austria Gebauer Johannes;
Conference "Performing Brahms in the Twenty-first Century" Talk given at a conference Vortrag mit Reenactment: "Academic or 'neudeutsch'? - Liszt students performing Brahms" 02.07.2015 University of Leeds, Great Britain and Northern Ireland Köhnken Shapiro Camilla;
Conference "Performing Brahms in dthe Twenty-first Century Talk given at a conference Eröffnungsbeitrag mit Performance Embodying the sound of the "Joachim-School" 30.06.2015 University of Leeds, Great Britain and Northern Ireland Köpp Kai; Bausch Sebastian; Gebauer Johannes;
Vortragsreihe "Collegium musicologicum", Musikwissenschaftliches Institut der Humboldt-Universität Berlin Individual talk Interpretationsforschung an Welte-Notenrollen – neue Erkenntnisse zu einer umstrittenen Quelle 21.05.2015 Berlin, Germany Köpp Kai;
Symposium "Interpretationsforschung - Künstlerischer Vortrag im Spiegel historischer Texte und Tonaufnahmen" Talk given at a conference Schmelztiegel Leipzig? Beethoven-Interpretation am Leipziger Konservatorium zwischen akademischer und neudeutscher Tradition 08.05.2015 Bern, Switzerland Bausch Sebastian;
Symposium "Interpretationsforschung - Künstlerischer Vortrag im Spiegel historischer Texte und Tonaufnahmen" Talk given at a conference Chopin-Interpretation im Geiste Franz Liszt? Eine Gegenüberstellung von Tilly Fleischmanns Traktat Tradition and Craft in Piano-Playing und frühen Chopin-Aufnahmen 08.05.2015 Bern, Switzerland Köhnken Shapiro Camilla;
Symposium "Interpretationsforschung - Künstlerischer Vortrag im Spiegel historischer Texte und Tonaufnahmen" Talk given at a conference Das "Freispielen" und die "Gestaltungskraft". Zwei wichtige Stilmittel der Joachim-Tradition in den instruktiven Texten der Joachim-Epigonen Marion Bruce Ranken und Karl Klingler 06.05.2015 Bern, Switzerland Gebauer Johannes;
Symposium "Interpretationsforschung - Künstlerischer Vortrag im Spiegel historischer Texte und Tonaufnahmen" Talk given at a conference Instructive Texts and Editions - a Key Source for Professional Interpretation Practice in the 19th Century 06.05.2015 Bern, Switzerland Köpp Kai;
ORCiM Study Day Individual talk From Improvisation to Interpretation: Concepts of Subjectivity in 19th Century Performance 09.06.2014 Gent, Belgium Bausch Sebastian; Köpp Kai;
Spiel (mit) der Maschine. Musikalische Medienpraxis in der Frühzeit von Phonographie, Reproduktionsklavier, Film und Radio, Universität Frankfurt am Main Talk given at a conference Das Reproduktionsklavier für Künstlerrollen – Medium, Musikinstrument und digitale Quelle 29.05.2014 Frankfurt am Main, Germany Köpp Kai;
MusicTalks der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft, Sektion Luzern Individual talk Notenrollen als Quelle der Musikforschung: Neue Erkenntnisse zu Welte-Interpretationsdokumenten für Klavier und Orgel 26.03.2014 Luzern, Switzerland Köpp Kai;
ORCiM Research Festival 2013 Talk given at a conference Expertise Through Embodiment – Experimental Methods in Interpretation Research 02.10.2013 Gent, Belgium Köpp Kai;
Jahrestagung 2013 der Gesellschaft für Musikforschung, Wagner-Symposium der Fachgruppe Aufführungspraxis und Interpretationsforschung Talk given at a conference Aufführungsmaterial als Quelle der Interpretationsgeschichte – Die Dresdner Uraufführungs-Stimmen zum Fliegenden Holländer 17.09.2013 Dresden, Germany Köpp Kai; Gebauer Johannes;
Wagner World Wide 2013, Universität Bern Talk given at a conference Der Fliegende Holländer an der Dresdner Hofoper 1843 – Proben- und Vortragspraxis auf dem Weg zu einer Uraufführung 07.11.2012 Bern, Switzerland Köpp Kai;
Vortrag und Workshop Bern Graduate School of the Arts Individual talk Playing with History – Interpretationsforschung zwischen Textkultur und Spielkultur 10.10.2012 Bern, Switzerland Köpp Kai;
4th World Piano Conference Novi Sad Talk given at a conference Fanny Davies’ Recording of Schumann’s Kinderscenen: Early Recordings as a source for 19th century piano playing 27.06.2012 Novi Sad, Serbien Bausch Sebastian;
„Authorship and ‘Authenticity’ in Composition, Editing and Performance“, University of Leeds Talk given at a conference The virtuosity of ‘cantabile’ – Interpreting original fingerings in violin concertos of the French and German schools around 1840 05.04.2012 Leeds UK, Great Britain and Northern Ireland Köpp Kai;
Symposium der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg: Zwischen Innovation und Tradition: Die Instrumentalkonzerte von Bernhard Molique Talk given at a conference Molique und die Traditionen des Violinspiels im 19. Jahrhundert 27.01.2012 Stuttgart, Germany Köpp Kai;


Knowledge transfer events

Active participation

Title Type of contribution Date Place Persons involved
Angewandte Interpretationsforschung im Kulturorchester – ein Zukunftsmodell? Talk 01.05.2013 Berlin, Germany Köpp Kai;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Talks/events/exhibitions Camesina Quartett, Kai Köpp: Berühmte Streichquartette in der Klanggestalt historischer Tondokumente German-speaking Switzerland 2015
Talks/events/exhibitions Forschungsmittwoch der Hochschule der Künste Bern German-speaking Switzerland 2013
Media relations: radio, television Treffpunkt Klassik Extra SWR2 International German-speaking Switzerland 2012

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
190210 Rund um Beethoven. Interpretationsforschung heute 01.10.2019 Open Access Books
140800 Visuelle, akustische und kinetische "Pathosformeln" in den Pariser Opern Giacomo Meyerbeers 01.05.2012 Interdisciplinary projects
152825 Vom 'Vortrag' zur 'Interpretation'. Ignaz Moscheles' Beethoven-Editionen sowie Welte-Aufzeichnungen als Quellen pianistischer Aufführungspraxis und Interpretationsästhetik zwischen 1830 und 1914 01.08.2014 Project funding
159278 Verkörperte Traditionen romantischer Musikpraxis - Instruktive Texte, Ton- und Filmdokumente im Interpretationsexperiment 01.08.2015 SNSF Professorships
188956 Historisches Embodiment in der musikalischen Interpretationsforschung - Tonfilme, Aufführungsmaterial und Interfaces als Quellen zur Interpretationspraxis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts 01.04.2020 Project funding
132335 "Recording the Soul of Music" - Interpretationsforschung an Welte-Musikrollen und neue Beiträge zur Klärung ihres Aufnahmeverfahrens 01.11.2010 DORE project funding
159787 Annotated scores as primary sources for research into the interpretation of orchestral music in the late 19th and 20th centuries: Richard Wagner and his successors in the Austro-German conducting tradition 01.09.2015 Project funding

Abstract

Inhaltliches Ziel: Erforschung und klangliche Realisierung von musikalischen Vortragsnormen und Interpretationsstilen in der Musik des 19. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf der kaum erforschten Praxis nach 1850. Strukturelles Ziel: Etablieren einer neuartigen Forschungsrichtung namens "angewandte Interpretationsforschung" an der Schnittstelle von textorientierter Musikwissenschaft und klangorientierter Interpretationspraxis, die einen (für Aussenstehende vielleicht unerwarteten) interdisziplinären Charakter hat, weil beide Richtungen bisher nur sehr selten verbunden wurden. Insofern ist eine innovativ ausgerichtete Musikhochschule mit einer starken Verbindung zur universitären Musikforschung, wie sie in Bern gegeben ist, der ideale Ort für die Anbindung einer Förderungsprofessur für Interpretationsforschung. Im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens steht die Auswertung der so genannten "instruktiven Ausgaben", die ein wichtiges Zeugnis der akademisch-professionellen Musikpraxis des 19. Jahrhunderts darstellen. Diese bislang kaum beachtete Quellengruppe (allein Cottas "Instruktive Ausgabe klassischer Klavierwerke" umfasst 1896 über 300 Werke) füllt die Lücke zwischen der älteren Traktatliteratur und den Tonaufzeichnungen des frühen 20. Jahrhunderts. Die Interpretationsanweisungen der meist berühmten Herausgeberinnen und Herausgeber (z.B. Louis Spohr, Clara Schumann, Hans v. Bülow) bestehen nicht nur aus detaillierten Vortragsbezeichnungen, sondern umfassen zusätzlich einen ausformulierten Kommentar, der teilweise mehr als die Hälfte der jeweiligen Druckseite einnimmt.Diese schriftlichen Bezeichnungen sollen nach einer klangorientierten Prioritätenliste ausgewertet, zu den Anweisungen musikalischer Vortragslehren aus dem 19. Jahrhundert in Beziehung gesetzt und schliesslich mit den Befunden einer Analyse der frühen Tonaufzeichnungen verglichen werden. Erst auf dieser breiten Quellenbasis wird es möglich, verschiedene Interpretationsmodi in der Musikpraxis des 19. Jahrhunderts verlässlich einzuschätzen. Dabei sollen bestimmte Standards einer akademischen Interpretationslehre aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet und beschrieben werden, auf die das frühe 20. Jahrhundert mit einer neuen, umfassenden Standardisierung aller Bereiche der Musikpraxis reagierte, die - zumeist unbemerkt oder unreflektiert - bis heute wirksam ist.
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