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Das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion zwischen Technikkult und soziale Utopien. Eine kulturwissenschaftliche Untersuchung

English title Cosmos and Space Fever in the Soviet Union between Technology Cult and Social Utopia. An Investigation into Cultural History
Applicant Haumann Heiko
Number 131819
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Departement Geschichte Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline General history (without pre-and early history)
Start/End 01.01.2011 - 30.11.2015
Approved amount 171'333.00
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Keywords (31)

Raumfahrt; Kosmos; Kommunismus; Utopie; Kalter Krieg; Sowjetunion; kulturelle Topographien; Raum; Visuelle Kultur; Medien; Alltag; Lebenswelt; Kulturgeschichte; Technikkult; Erinnerung; Sozialismus; Weltraum; Soviet Union; Outer Space; Cosmos; Cold War; Sputnik; Gagarin; Khrushchev; Visual Culture; Everyday Life; Utopia; Communism; Science; Technology; Memory

Lay Summary (German)

Lead
Lay summary
Die Idee des titanenhaften "Himmelssturms" und die damit verbundene, beinahe grenzenlose Begeisterung für den Kosmos waren während der gesamten Sowjetzeit ein allgegenwärtiges Phänomen in Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Bereits in der Endphase des Zarenreichs und in den Jahren der Russischen Revolution von 1917 entstanden eine Vielzahl utopischer Projekte und "raumübergreifender" Ideen, die den Menschen aus den Fesseln der niederdrückenden Schwerkraft befreien und den Weg in den Kosmos bahnen sollten.Dahinter stand der Gedanke, dass es einer vollkommen freien, sozialistischen Gesellschaft gelingen werde, die Natur zu verändern, die hinderlichen Naturgesetze auszuhebeln, Raum und Zeit zu überwinden und somit eine grundlegend neue Welt, ein "Reich der Freiheit" (Marx/Engels), zu kreieren. Der göttlichen Schöpferkraft wurde die menschliche Fähigkeit zur Selbstvervollkommnung gegenübergestellt. Der Eroberung des Kosmos - als der letzten frontier der Menschheit - kam die UdSSR Ende der 1950er Jahre näher, als man am 4. Oktober 1957 unter Nikita S. Chruš?ev den ersten "Sputnik" in eine Umlaufbahn um die Erde brachte. Kurz darauf versetzte Jurij Gagarin am 12. April 1961 als erster Mann im All die Welt in massloses Staunen; während am 16. Juni 1963 Valentina Tereškova als erste Frau im Kosmos eine beachtliche Gender-Debatte in Ost und West lostrat. Die zahllosen Errungenschaften des sowjetischen Raumfahrtprogramms verhalfen der UdSSR zu einem entscheidenden Etappensieg im "neo-kolonialen" Wettlauf ins All. In der historischen Forschung hat die amerikanisch-sowjetische Systemkonkurrenz, das damit verbundene (atomare) Wettrüsten in Zeiten des Kalten Krieges sowie die Technikgeschichte der Raumfahrt besonderes Interesse hervorgerufen. Bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind hingegen die utopischen Aspekte und die grosse gesellschaftliche Resonanz. Es entstand ein regelrechtes Kosmos- und Raumfahrtfieber, das sich zu einer wirkungsmächtigen Utopie entwickelte, die Massen von Menschen zu begeistern vermochte -, vielleicht oder gerade, weil sie eine eskapistische Gegenwelt zur tristen und harten Alltagsrealität schuf.Im Forschungsprojekt wird eine kulturwissenschaftliche Annäherung an die sowjetische Kosmos- und Raumfahrtgeschichte unternommen. Im Vordergrund stehen drei Untersuchungsebenen: 1. die utopische Auslegung und kommunistische Instrumentalisierung der Raumfahrtthematik, 2. die mediale Vermittlungspraxis der Sowjetführung wie sie heute noch im faszinierenden materiellen und visuellen Erbe der "kosmischen Ära" (Chruš?ev) erkennbar ist, und 3. die gesellschaftliche Rezeption und Erinnerung an das "goldene" Raumfahrtzeitalter.
Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Publications

Publication
Rhetorik der Entgrenzung. Das Jahr 1961 und die neuen Koordinaten sowjetischer Lebenswelten
Richers Julia (2014), Rhetorik der Entgrenzung. Das Jahr 1961 und die neuen Koordinaten sowjetischer Lebenswelten, in Schwartz Matthias, Anding Kevin, Meyer Holt (ed.), Peter Lang, Frankfurt am Main, 27-53.
Welt-Raum. Die Sowjetunion im Orbit
Richers Julia (2013), Welt-Raum. Die Sowjetunion im Orbit, in Aust Martin (ed.), Campus, Frankfurt, New York, 400-424.
Soviet Space Culture. Cosmic Enthusiasm in Socialist Societies
Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (ed.) (2011), Soviet Space Culture. Cosmic Enthusiasm in Socialist Societies, Palgrave Macmillan, Basingstoke, New York.
Space in Popular Culture
Richers Julia, Rüthers Monica (2011), Space in Popular Culture, in Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (ed.), Palgrave Macmillan, Basingstoke, New York, 229-231.
Space is the Place! Writing About Soviet Space Exploration
Richers Julia (2011), Space is the Place! Writing About Soviet Space Exploration, in Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (ed.), Palgrave Macmillan, Basingstoke, New York, 10-20.
Spirituality, Transcendence and Soviet Utopianism
Richers Julia, Maurer Eva (2011), Spirituality, Transcendence and Soviet Utopianism, in Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (ed.), Palgrave Macmillan, Basingstoke, New York, 23-26.
What Does «Space Culture» Mean in Soviet Society?
Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (2011), What Does «Space Culture» Mean in Soviet Society?, in Eva Maurer Julia Richers Monica Rüthers und Carmen Scheide (ed.), Palgrave Macmillan, Basingstoke, New York, 1-9.
Das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion zwischen Technikkult und sozialen Utopien (Habilitationsschrift)
Richers Julia, Das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion zwischen Technikkult und sozialen Utopien (Habilitationsschrift), Böhlau, Köln, Weimar, Wien.

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Forschungskolloquium zur Osteuropäischen Geschichte (Prof. Dr. Manfred Hildermeier), Universität Göttingen Individual talk Der Himmel auf Erden? Reflexionen über das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion 20.06.2014 Göttingen, Germany Richers Julia;
Internationale Konferenz «Political Religions and Totalitarianism: New Approaches and Perspectives» an der Universität Bern Talk given at a conference Red Star of Revelation. Cosmic Transcendence in the Early Soviet Union 14.12.2013 Bern, Switzerland Richers Julia;
Kolloquium der Forschungsstelle Osteuropa (Prof. Dr. Susanne Schattenberg) der Universität Bremen Individual talk Der Kosmos als Lebensgefühl – oder: Die neuen Koordinaten sowjetischer Lebenswelten 07.05.2013 Bremen, Germany Richers Julia;
Vortrag am Historischen Seminar der Universität Heidelberg Individual talk Ansichtssache. Einblicke in die visuelle Kultur des Zarenreiches und der Sowjetunion am Beispiel von Bildpostkarten 04.02.2013 Heidelberg, Germany Richers Julia;
Forschungskolloquium zur Osteuropäischen Geschichte (Prof. Dr. Klaus Gestwa) an der Universität Tübingen Individual talk Die neue Leichtigkeit des Seins? Das Kosmos- und Raumfahrtfieber in der Sowjetunion 10.12.2012 Tübingen, Germany Richers Julia;
Internationaler Workshop «Müde Helden», Universität Hamburg Talk given at a conference Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Sowjetische Kosmonauten unter Druck 11.05.2012 Hamburg, Germany Richers Julia;
Forschungskolloquium zur Osteuropäischen Geschichte (Prof. Dr. Martin Schulze-Wessel) an der Ludwig-Maximilian-Universität München Individual talk Jurij Gagarins Kosmosflug und der Traum von der Entgrenzung des Sowjetmenschen 24.01.2011 München, Germany Richers Julia;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
Talks/events/exhibitions Ein «Bilderbuch des Kommunismus» – Postkarten als historische Quellen, Vortrag von Julia Richers im Rahmen der Wandera German-speaking Switzerland 2012
Talks/events/exhibitions Ein «Bilderbuch des Kommunismus» – Postkarten als historische Quellen, Vortrag von Julia Richers im Kornhausforum Bern German-speaking Switzerland 2011

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
171671 A Switching Point of History: Lenin’s Train from Switzerland and the Russian Revolution in European History 01.02.2017 Agora

Abstract

Die Idee des russischen „šturm neba“, des titanenhaften „Himmelssturms“, und die damit verbundene, beinahe grenzenlose Begeisterung für den Kosmos und die Raumfahrt waren während der gesamten Sowjetzeit ein allgegenwärtiges Phänomen in Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Bereits in der Endphase des Zarenreichs und in den Jahren der Russischen Revolution von 1917 entstanden eine Vielzahl utopischer Projekte und „raumübergreifender“ Ideen, die den Menschen aus den Fesseln der ungerechten, niederdrückenden Schwerkraft befreien und den Weg in den Kosmos bahnen sollten. Dahinter stand der Gedanke, dass es einer vollkommen freien, sozialistischen Gesellschaft in logischer Konsequenz gelingen werde, nicht nur die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen zu beenden, sondern auch die hinderlichen Naturgesetze auszuhebeln, Raum und Zeit zu überwinden und somit eine grundlegend neue Welt, ein „Reich der Freiheit“ (Marx/Engels), zu kreieren. Der göttlichen Schöpferkraft wurde die menschliche Fähigkeit zur Selbstvervollkommnung gegenübergestellt. „Wir können alles, wir müssen es nur wagen!“, lautete die Parole, mit der sich die abenteuerlichen Visionen einer lichten Zukunft und ein unbeirrbarer Fortschrittsglaube verbanden, die angesichts der entbehrungsreichen Gegenwart als Trost, aber auch als Beschwörung und Ansporn dienten. Die Beherrschung der Natur und die Eroberung des Kosmos - als der letzten frontier der Menschheit - nahmen einen zentralen Platz in den Ideen- und Vorstellungswelten vieler Denker und Forscher ein und fanden Ende der 1950er Jahre auch eine erste konkrete Umsetzung. Zu den prominentesten Vordenkern zählte Konstantin E. Ciolkovskij, der bis heute in Russland als „Grossvater“ der russischen Raumfahrt gefeiert wird. Zu Ehren seines 100. Geburtstages brachte man unter Nikita S. Chrušcev am 4. Oktober 1957 den ersten „Sputnik“ in eine Umlaufbahn um die Erde. Damit versetzte die Sowjetunion die Welt nicht nur in massloses Staunen, sondern in einen regelrechten „Sputnik-Schock“. Als kurze Zeit darauf Jurij Gagarin am 12. April 1961 als erster Mann in den Weltraum flog und am 16. Juni 1963 Valentina Tereškova als erste Frau im All eine gewaltige Gender-Debatte in Ost und West lostrat, war der Welt mit diesen neuen sozialistischen Nachkriegshelden deutlich geworden, dass der Sowjetunion etwas gelungen war, wovon die Menschheit bisher nur träumen konnte. Die zahllosen Errungenschaften des sowjetischen Raumfahrtprogramms verhalfen der Sowjetunion zu einem entscheidenden Etappensieg im „neo-kolonialen“ Wettlauf ins All. In der historischen Forschung hat dieser Aspekt der amerikanisch-sowjetischen Systemkonkurrenz, das damit verbundene (atomare) Wettrüsten in Zeiten des Kalten Krieges sowie die Technikgeschichte der Raumfahrt - soweit es die Aktenbestände und die laufend wechselnden Archivgesetze zulassen - besonderes Interesse hervorgerufen. Bisher sind jedoch in der Forschung die utopischen Aspekte und die grosse gesellschaftliche Resonanz weitgehend unbeachtet geblieben. Innerhalb der sozialistischen Ostblockstaaten entstand ein regelrechtes Kosmos- und Raumfahrtfieber, das sich zu einer wirkungsmächtigen Utopie entwickelte, die Massen von Menschen zu begeistern vermochte -, vielleicht oder gerade deshalb, weil sie einen Gegenentwurf und eine Gegenwelt zur tristen und harten Alltagsrealität schuf.In diesem Forschungsprojekt wird der Versuch einer kulturwissenschaftlichen Annäherung an die sowjetische Kosmos- und Raumfahrtgeschichte unternommen. Im Vordergrund sollen hierbei drei Untersuchungsebenen stehen: Erstens die utopische Auslegung und kommunistische Instrumentalisierung der Raumfahrtthematik, zweitens die mediale Vermittlungspraxis der Sowjetführung wie sie heute noch im faszinierenden materiellen und visuellen Erbe der „kosmischen Ära“ (Chrušcev) erkennbar ist, und drittens die gesellschaftliche Rezeption und Erinnerung an das „goldene“ Raumfahrtzeitalter.
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