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Der Theatermonolog und die Literarisierung des Fastnachtspiels bei Hans Sachs

English title Soliloquy and the historical poetics of Hans Sachs' shrovetide plays
Applicant Hübner Gert
Number 131786
Funding scheme Project funding (Div. I-III)
Research institution Deutsches Seminar Universität Basel
Institution of higher education University of Basel - BS
Main discipline German and English languages and literature
Start/End 01.10.2010 - 31.01.2014
Approved amount 176'282.00
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Keywords (5)

Hans Sachs; Shrovetide play; Humanism; Historical poetics; Early modern literature

Lay Summary (German)

Lead
Lay summary
Gegenstand: Hans Sachs veränderte als produktivster Fastnachtspieldichter des 16. Jahrhunderts die zuvor von rituellen Aufführungspraktiken in der städtischen Fastnachtskultur geprägte Gattung durch den Einsatz literarischer Verfahrensweisen, die in älteren Fastnachtspielen nicht belegt sind, zum Literaturdrama. Das Projekt untersucht den Literarisierungsprozess anhand der Formen, Funktionen und literarhistorischen Traditionshorizonte einer besonders markanten Technik, des monologischen Selbstgesprächs von Bühnenfiguren. Ziele: Als kulturhistorische Bedeutung der Literarisierung des Fastnachtspiels identifizierte die Forschung in erster Linie die stoffgebundene Vermittlung von theologischem und ethischem Wissen aus der gelehrten Bildungstradition an ein bildungsferneres städtisches Publikum. Das Projekt verfolgt das Ziel, die darüber hinaus reichende Einübung in die Verwendung und Rezeption komplexerer literarischer Techniken in ihren bildungs- und mediengeschichtlichen Dimensionen erkennbar zu machen und die Genese poetologischer Kompetenzen des Autors Hans Sachs und seines städtischen Publikums zu rekonstruieren.Wissenschaftlicher Rahmen und Methoden: Die in der Gattungsgeschichte des Fastnachtspiels neuen literarischen Techniken lernte Hans Sachs durch die Bearbeitung antiker und neulateinischer Dramen in seinen Tragedien und Comedien kennen. Während seine Monologtechnik bei diesen Dramentypen vorlagengebunden ist, erweist sie sich bei den Fastnachtspielen als vorlagenungebunden verfügbar. Deshalb wird gerade das aus vorliterarischen Traditionen stammende Fastnachtspiel zu demjenigen Dramentypus, in dem literarische Kompetenzen in kreativer Weise eingesetzt werden. Das Projekt verwendet Methoden der literaturwissenschaftlichen Textkorpusanalyse, der historischen Narratologie, der vergleichenden historischen Poetologie sowie der diskurs- und mediengeschichtlichen Kontextualisierung.Kontext und Bedeutung: Insofern die der Monologtechnik zugrunde liegenden literarischen Kompetenzen wegen ihrer Vorbilder in antiken und neulateinischen Dramen auf Wissensbeständen der humanistischen Gelehrtenkultur gründen, macht Hans Sachs deren literarisches Formenrepertoire für eine volkssprachliche Gattung fruchtbar. Die Bedeutung des Projekts ist deshalb im Kontext der interdisiziplinären Humanismus- und Reformationsforschung verortet: Es untersucht einen spezifischen Fall von poetologischem Humanismus in der deutschsprachigen Literatur, der einerseits als Instrument für die Wissensvermittlung im Kontext einer reformatorischen städtischen Öffentlichkeit dient, andererseits aber auch einen ästhetischen Eigenwert beanspruchen darf.
Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Name Institute

Employees

Scientific events

Active participation

Title Type of contribution Title of article or contribution Date Place Persons involved
Altgermanistischer Gesprächskreis Individual talk Der Monolog in den Fastnachtspielen von Hans Sachs 07.02.2014 Jena, Germany Freund Karolin;
Postclassical Narratology. Cultural, Historical, and Cognitive Aspects of Narrative Theory Talk given at a conference Rezeptionslenkende Funktionen des Monologs in den Fastnachtspielen von Hans Sachs 24.06.2013 Wuppertal, Germany Freund Karolin;


Communication with the public

Communication Title Media Place Year
New media (web, blogs, podcasts, news feeds etc.) SNF-Forschungsprojekt: Der Theatermonolog und die Literarisierung des Fastnachtspiels bei Hans Sachs Homepage Universität Basel Deutsches Eminar International 2010

Associated projects

Number Title Start Funding scheme
182924 Der Theatermonolog in den Schauspielen von Hans Sachs und die Literarisierung des Fastnachtspiels 01.07.2018 Open Access Books

Abstract

In der Gattungsgeschichte des Fastnachtspiels in Nürnberg - dem dank einer dichten Überlieferung am besten dokumentierten lokalen Traditionszusammenhang des kulturellen Phänomens Fastnachtspiel im 15. und 16. Jahrhundert - begegnet das monologische Selbstgespräch einer Bühnenfigur seit den 1530er Jahren in grosser Zahl und Vielfalt in den Werken von Hans Sachs, des produktivsten deutschsprachigen Dichters des 16. Jahrhunderts. Im älteren Bestand der Nürnberger Fastnachtspielüberlieferung fehlt die literarische Technik dagegen ganz; hier gab es nur Ansprachen ans Publikum vor allem in Prologen und Epilogen. Der Theatermonolog darf als das markanteste Beispiel für die Literarisierung des Fastnachtspiels gelten, die die germanistische Literaturwissenschaft neben der reformatorischen Instrumentalisierung als wichtigste gattungspoetische Leistung von Hans Sachs beurteilt. Eine genaue Phänomenologie dieser Literarisierung sowie eine Untersuchung ihrer literarhistorischen Voraussetzungen und ihrer kulturhistorischen Bedeutung stellt indes ein Forschungsdesiderat dar. Im Rahmen des Projekts sollen 1. die Funktionen des Monologs im Fastnachtspielkorpus von Hans Sachs (85 Texte mit 347 Monologen) analysiert werden; 2. soll die produktionspoetische Kompetenz, auf der die Verwendung der literarischen Technik beruht, rekonstruiert werden; 3. soll die Literarisierung des Fastnachtspiels anhand des Monologs als eines exemplarischen Phänomens bildungs- und mediengeschichtlich kontextualisiert werden.Das Projekt soll folgende Thesenkomplexe entfalten und analytisch absichern: 1. Die Monologtechnik als Modellfall für die produktionspoetische Kompetenz, die der Literarisierung des Fastnachtspiels zugrunde liegt, bezog Hans Sachs vor allem aus der Rezeption antiker und neulateinischer Dramentexte, die in vielen, aber nicht allen Fällen durch zeitgenössische deutschsprachige Übersetzungen vermittelt ist. Texte dieser Art bearbeitete er neben weiteren literarischen Vorlagen für seine anderen beiden Schauspieltypen, die Comedien und Tragedien. Unter dem Aspekt der Verfahrensweisen verdankt sich die Literarisierung des Fastnachtspiels deshalb poetologiehistorisch den Angeboten der humanistischen Gelehrtenkultur. 2. In den literarischen Vorlagen, die Sachs für seine Fastnachtspiele bearbeitete, gibt es im Unterschied zu den Vorlagen der Comedien und Tragedien kaum Monologe; etliche Fastnachtspiele haben gar keine direkten Textvorlagen. Die Monologtechnik ist deshalb in den Fastnachtspielen eigenständiger eingesetzt als in den anderen beiden Schauspieltypen, so dass die Fastnachtspiele die poetologische Kompetenz von Hans Sachs als Ergebnis eines in der Comedien- und Tragedien-Produktion vollzogenen Aneignungsprozesses unter allen drei Schauspieltypen am besten dokumentieren. 3. Im Hinblick auf ein historisches Publikum, das keinen oder einen nur begrenzten Zugang zur gelehrten literarischen Bildungstradition hatte, leisten die Comedien und Tragedien in der theatralen Inszenierung und deshalb ohne vorausgesetzte literarische Lektürekompetenz neben der Vermittlung theologischen und ethischen Wissens eine Vermittlung literarischen Wissens, die in erster Linie an die bearbeiteten Stoffe gebunden ist und sich in Abhängigkeit von den Stoffen zugleich als Einübung in die Rezeption komplexerer poetischer Techniken deuten lässt. Die Literarisierung des Fastnachtspiels gewinnt ihre kulturelle Bedeutung dagegen weniger durch die Vermittlung von Stoffen aus der gelehrten Bildungstradition an ein bildungsferneres Publikum, sondern aus der Einübung davon abgelöster, auf Stoffe einfacherer volkssprachlicher Gattungen projizierter literarischer Verfahrensweisen. Die Fastnachtspiele von Hans Sachs dokumentieren deshalb eine sicher nicht hochkomplexe, aber doch als solche identifizierbare verfahrenstechnische Humanismusrezeption, die neben ihrer Funktion als Einübung der Adressaten in literarische Techniken auch eine zentrale Funktion für das historische Autorschaftskonzept des Fastnachtspieldichters Hans Sachs hat.
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