Project

Back to overview

Befreiungsbiologie. Wider den neurogenetischen Determinismus

English title Liberation Biology. Against neurogenetic Determinism
Applicant Hampe Michael
Number 127113
Funding scheme Project funding
Research institution Professur für Philosophie GESS/Institut für Philosophie ETH Zürich
Institution of higher education ETH Zurich - ETHZ
Main discipline Philosophy
Start/End 01.01.2010 - 30.04.2013
Approved amount 256'226.00
Show all

All Disciplines (3)

Discipline
Philosophy
Genetics
Embryology, Developmental Biology

Keywords (8)

Befreiungsbiologie; determinism; gene; evolution; gene selectionism; neuroscience; free will; developmental systems theory

Lay Summary (German)

Lead
Lay summary
Das Projekt "Befreiungsbiologie" will sich mit der naturwissenschaftlichen Beeinflussung eines zentralen Aspekts unseres traditionellen Menschenbilds - der menschlichen Freiheit - auseinandersetzen. In der modernen Biologie lassen sich drei Stränge isolieren, die alle in der einen oder anderen Weise Vorstellungen menschlicher Autonomie und Freiheit bedrängen, indem sie den Menschen als biologisch determiniert verstehen.(1) Die Genetik hat eine Reihe von mittlerweile tiefsitzenden Metaphern in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist, die Gene als die fundamentalen Determinanten menschlicher Eigenschaften darstellen. Von Augenfarbe, Intelligenz bis zum Glauben an Gott liegt alles "in den Genen". Selbstbestimmung, Charakterentwicklung und die Möglichkeit persönlichen Wandels scheinen somit undenkbar.(2) Populäre Strömungen innerhalb der Evolutionsbiologie beschreiben uns als von uralten Evolutionsprozessen geformte Kreaturen, die, in einer Art mentalen Zwangsjacke aus der Steinzeit steckend, sich nun mit einer sie überfordernden modernen Umwelt auseinandersetzen müssen ("Evolutionspsychologie"). Oder aber der Mensch als Akteur der Evolution verschwindet aus dem Fokus mancher Theorien und erscheint dort bloss noch als zweckmässige Waffe auf einem evolutionären Kriegsschauplatz, dessen wahre Akteure selbstsüchtige Gene sind (z.B. Dawkins' "The selfish gene").(3). Experimente in der Hirnforschung haben manche Neurowissenschaftler zu einer kategorischen Leugnung menschlicher Willensfreiheit geführt. Der (scheinbar) simple Befund, dass die bewusste Wahrnehmung einer Handlungsintention deutlich nach der unbewussten neuronalen Initiation der Handlung erfolgt, wird als Beweis dafür verstanden, dass unsere bewussten Intentionen nicht die Ursache unserer Handlungen sind, sondern wir bloss "ans Gehirn gefesselte" unfreie Zuschauer eines neuronal determinierten Spektakels sind.Was ist von diesen deterministischen Provokationen zu halten?Das Projekt "Befreiungsbiologie" soll diese Frage beantworten. Es soll die Geschichte dieser drei deterministischen Stränge in der Biologie nachzeichnen, ihre Verflechtung mit der Gesellschaft untersuchen und ihr Ideengut aus empirischer und theoretischer Sicht kritisch hinterfragen. Daraus soll eine Neuverortung der Möglichkeit menschlicher Handlungs- und Willensfreiheit resultieren. Eine Behandlung dieser Frage ist auch von grosser sozialer Relevanz, bestimmen doch die biologischen Leitwissenschaften Genetik und Neurobiologie in beträchtlichem Masse Weltanschauung und Menschenbild in der Gesellschaft und beeinflussen so sozial-politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.
Direct link to Lay Summary Last update: 21.02.2013

Responsible applicant and co-applicants

Employees

Abstract

"Befreiungsbiologie" ist ein auf 5 Jahre angelegtes Projekt, das verschiedene deterministische Strömungen innerhalb der Biologie und Life Sciences und ihre Wirkung in der Öffentlichkeit durch popularisierende Darstellungen kritisch durchleuchten, ihre Bedeutung für das menschliche Selbstverständnis untersuchen, und damit zu einer Neubestimmung der Möglichkeit menschlicher Freiheit und Selbstbestimmung beitragen soll. Insbesondere sollen drei Stränge des biologischen Determinismus untersucht werden: ein genetischer, ein evolutionärer, und ein neurowissenschaftlicher.Der auf Mendel zurückgehende genetische Determinismus spricht den Genen die weitgehende Bestimmungsmacht über die Eigenschaften eines Organismus zu. Gene sind Träger von Informationen, Instruktionen, einem Bauplan oder einem Programm, welche die Entwicklung und die daraus resultierenden Merkmale eines Lebewesens determinieren. Der evolutionäre Strang des biologischen Determinismus nahm im hereditarianism und den eugenischen Ängsten des vorletzten und letzten Jahrhunderts seinen Anfang und manifestiert sich heute hauptsächlich im Genselektionismus des britischen Biologen Richard Dawkins, gemäss welchem die Evolution vom Kampf egoistischer Gene bestimmt ist, deren einziges Ziel es ist, mehr Kopien ihrer selbst in nachfolgende Generationen zu schleusen als ihre Konkurrenten. Der Mensch als evolutionärer Akteur verschwindet in dieser Perspektive. In jüngster Zeit hat sich zudem eine neurodeterministische Herausforderung an das Freiheitsverständnis des Menschen gestellt. Die Exponenten dieser Sichtweise behaupten, bewusste, freie Willensentscheide seien von neueren neurowissenschaftlichen Befunden als Illusion entlarvt worden, da u.a. das Gehirn vollkommen deterministisch arbeite.Wenn Gene unsere Natur von Anfang an bestimmen und diese Natur zudem nur nach Gesichtspunkten des Erfolgs in einem Wettrüsten egoistischer Gene entstanden ist, denen menschliches Streben völlig gleichgültig ist, dann scheint die Möglichkeit eines Menschen, der sich zu Lebzeiten durch seine ureigenen Wünsche und Ziele selbst erschafft und definiert, in weite Ferne gerückt. Wenn zudem diese Wünsche und Ziele selbst durch eine deterministische Gehirnmaschinerie vorgegeben sind, deren hilflose Beobachter wir sind, scheint menschliche Freiheit des Wollens und Handelns vollends unerreichbar.Was ist von diesen deterministischen Provokationen zu halten? Das Projekt "Befreiungsbiologie" soll diese Frage beantworten. Es soll Entstehung und Wachstum der drei deterministischen Stränge in der Biologie historisch nachzeichnen, ihre Verwurzelung in und Verflechtung mit der Gesellschaft untersuchen und ihr Ideengut aus empirischer und theoretischer Sicht kritisch hinterfragen. Daraus soll eine Neuverortung der Möglichkeit menschlicher Handlungs- und Willensfreiheit im Raum zwischen Wissenschaft, Philosophie und praktischem Alltag resultieren. Eine Behandlung dieser Frage ist auch von grosser sozialer Relevanz, bestimmen doch die biologischen Leitwissenschaften Genetik und Neurobiologie in beträchtlichem Masse Weltanschauung und Menschenbild in der Gesellschaft und beeinflussen so sozial-politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse.
-