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Vertrauen verstehen. Hermeneutische Blätter 2010, 1/2

Type of publication Not peer-reviewed
Publikationsform Editors (non peer-reviewed)
Publication date 2010
Project Vertrauen verstehen. Grundlagen, Formen und Grenzen des Vertrauens
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Editors (non peer-reviewed)

Editor , Peng-Keller Simon
Publisher Institut für Hermeneutik u. Religionsphilosophie , Universität Zürich
ISBN ISSN 1660-5403

Open Access

Abstract

‹Vertrauen verstehen› – dieser Aufgabe widmen sich nicht allein die Beiträge der vorliegenden Hermeneutischen Blätter, sondern auch das interdisziplinäre Zurcher Forschungsprojekt, das zu diesem Band Anlass gegeben hat und in einer Reihe von Beiträgen vertreten ist. Vertrauen zu verstehen, ist schwieriger, als man vermuten könnte. Alle Autorinnen und Autoren, die auf den folgenden Blättern zu Wort kommen, ringen mit Verständnisproblemen, die das Vertrauen seinen Interpretinnen und Interpreten aufgibt. Wer solches Ringen aus eigener Erfahrung kennt, weiss auch um die Versuchung, in dieser Situation den direkten Weg zur Defi nition einzuschlagen. Wir sagen zum Beispiel ‹Vertrauen – das ist eine optimistische Einstellung, welche auf das Wohlwollen und die Kompetenz des Anderen zählt›. Wo uns vorher die Phänomene gleichsam zwischen den Fingern zerronnen, sind jetzt wieder Grenzen gesetzt, Bestimmtheit und Ordnung zuruckgekehrt und mit ihnen unsere Fähigkeit zur Kommunikation. Wir haben etwas entdeckt, was wir vorher nicht wahrgenommen haben. Aber haben wir wirklich schon alles verstanden, was wir verstehen wollten? Verstehen wir jetzt, was Vertrauen ist? Gewiss brauchen wir in den Wissenschaften Begriff e und Defi nitionen, um Erfahrungsbestände zu ordnen, uns möglichst präzise auf sie zu beziehen und so miteinander ins Gespräch zu treten, gerade auch ins interdisziplinäre. Aber nicht immer helfen uns diese Begriff e und Defi nitionen dabei, komplexe Erfahrungen und Sachverhalte im Blick zu behalten. Phänomene können auch verloren gehen, sich hinter vermeintlich präzisen Defi nitionen und Funktionsbestimmungen verbergen. So reduziert nach Martin Hartmann die bekannte These, dass Vertrauen Komplexität reduziere, die dem Vertrauen eigene Komplexität. Denn zum einen darf seine Funktion nicht mit dem Phänomen des Vertrauens verwechselt werden. Zum anderen erfullt das Vertrauen – wie auch sein Gegenpart, das Misstrauen – nicht nur ganz verschiedene Funktionen, sondern ist manchmal auch dysfunktional. Und schliesslich ist die Rede vom Vertrauen, die uns so leicht in die Feder fl iesst, schon deshalb reduktiv, weil sie von der Vielfalt der Phänomene abstrahiert, die unter diesem Titel laufen. Dass nicht nur althergebrachte Formen von Vertrauen wie diejenige zwischen Liebenden oder zwischen Mutter und Kind den gesellschaftlichen Wandel uberdauern, sondern dieser Wandel auch neue Formen von Vertrauen hervorbringt wie etwa Swift Trust im World Wide Web, gehört zu den faszinierenden Aspekten dieses Forschungsfeldes. Hermeneutisch bedeutsam ist dabei nicht zuletzt, Editorial 4 Hermeneutische Blätter 2010 dass Hermeneutik selbst vertrauensbasiert ist. Zumindest hermeneutische Wissenschaften, die es vornehmlich mit schriftlichen Quellen zu tun haben, stehen ständig vor der Vertrauensfrage, wieweit sie dem, was da steht und behauptet wird, und denjenigen, die es geschrieben haben, vertrauen sollen; ob sie sich dem Verständniszusammenhang, in denen die Texte stehen, anvertrauen durfen oder ob sie ihm in einer Hermeneutik des Verdachts mit einem Misstrauen begegnen, das sich manchmal durch einen erstaunlichen Scharfblick auszeichnet. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt, das den gleichen Titel trägt wie das vorliegende Heft und auch die Themenwahl inspirierte, hat uns bei der Anfrage von Autorinnen und Autoren teilweise neue Wege gehen lassen. Einige Texte geben Einblicke in laufende Vertrauensforschungsprojekte. Andere erkunden, auf unsere Anfrage hin, aus einem spezifischen Blickwinkel bestimmte Aspekte des Vertrauensthemas.
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