Lead
Das Projekt untersucht die enorme Vielfalt von Diagrammen, die seit dem Mittelalter in Westeuropa und in Räumen der europäischen Expansion verwendet wurden, um Verwandtschaft und Abstammung zu konzeptualisieren.

Lay summary

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

In den letzten drei Jahrzehnten hat die Sequenzierung und Analyse von Genomen eine schnelle und umfassende Bestimmung von Abstammung, Herkunft und Verwandtschaft zwischen Organismen, einschließlich Menschen, ermöglicht. Hat die Arbeit am ‘tree of life’ unerwartete evolutionäre Affinitäten ans Licht gebracht, so verändern Einsichten der Populationsgenetik und Untersuchungen der DNA von Individuen Vorstellungen von Identität. Parallel dazu setzen sich neue digitale Methoden zur Visualisierung von genealogischen Beziehungen durch. Sie tendieren aufgrund einer langen kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Tradition zur Form des Baums und widerspiegeln Annahmen, wonach Evolution und Abstammung einem gabelnden Muster folgen. Das ‘Baumdenken’ wurde schon als dominanter Denkmodus der Biologie und sogar als allgemeine westliche Tendenz bezeichnet, Verwandtschaft auf Abstammung zu reduzieren.

Anstatt allein die Geschichte des Baumdiagramms zu verfolgen, analysieren wir vergleichend verschiedenste Formen von Verwandtschaftsdiagrammen, ihre Herstellung und Verwendung. Dafür entwickeln wir eine Diagrammatik, die Diagramme als Techniken analysiert, die über binäre Oppositionen wie ‘Denken/Handeln’ und ‘Bild/Text’ hinausgehen.

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Das Projekt verbindet kulturwissenschaftliche, wissenschaftshistorische und -philosophische sowie anthropologische Perspektiven zu einer interdisziplinären Diagrammatik. Es initiiert Diskussionen über die Hypothese, dass Baumdenken die westliche Wissensproduktion strukturiere und reflektiert den politischen Einsatz von Verwandtschaftsdiagrammen.