Lead
Das Alte Testament erzählt von einer Vergangenheit, in der Israeliten sowohl Opfer als auch Täter von Gewalt werden. Durch diese imaginierte Gewaltgeschichte werden erlittene Gewalterfahrungen bewältigt und das eigene Gewaltpotential reflektiert.

Lay summary
Das Alte Testament enthält viele Erzählungen über Krieg und Gewalt. Die gegenwärtige Bibelwissenschaft erklärt das als literarische Reaktion auf erlittene Gewalt, die die Menschen im antiken Israel von wechselnden Grossmächten erfahren haben. Das Forschungsprojekt nimmt diesen Ansatz auf, geht aber darüber hinaus und nimmt auch solche Erzählungen in den Blick, in denen Gewalt ausgeübt wird. Die alttestamentlichen Texte werden dabei nicht als historische Berichte verstanden, sondern als kollektive, identitätsstiftende Erinnerungen interpretiert, in denen Machtlosigkeit und glorreiche Vergangenheit ineinander verschränkt sind. Das Projekt untersucht die literargeschichtliche Entwicklung von alttestamentlichen Erzählungen und fragt, wie eine Gruppe durch eine imaginierte Gewaltgeschichte das eigene Gewaltpotential reguliert und Erfahrungen von Gewalt bewältigt.

Das Projekt verbindet historische und philologische Methoden der Bibelwissenschaft mit einer breiteren sozialgeschichtlichen Perspektive und nimmt Ansätze aus der Traumaforschung auf. Am Beispiel alttestamentlicher Literatur werden Argumentationsstrukturen, Selbst- und Feindbilder und Bewältigungsstrategien in Bezug auf erlittene und ausgeübte Gewalt aufgezeigt. Die Ergebnisse können für die Erforschung gegenwärtiger Diskurse des Siegens und Besiegtwerdens herangezogen werden. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur interdisziplinären Trauma- und Konfliktforschung.