Lead
Konflikte in Gesellschaften, zwischen Gruppen oder Staaten basieren oftmals auf unterschiedlichen Vorstellungen über die Vergangenheit und die jeweiligen Erinnerungskulturen daran. An der Konstruktion oder Dekonstruktion von Geschichtsbildern, die integrierend oder desintegrierend sein können, sind auch Akteure aus der Zivilgesellschaft beteiligt. Diese beiden Erkenntnisse fliessen neuerdings auch in Versöhnungsprozesse, transitional justice und Friedensbildung mit ein. Die Beobachtung trifft besonders für Konflikte im postsowjetischen Raum zu, der Gegenstand des Forschungsprojektes ist. In drei Fallbeispielen zu Georgien, der Ukraine und dem Nordkaukasus soll vergleichend nach der Zivilgesellschaft, Vergangenheitsaufarbeitung und Konfliktbewältigung gefragt werden.

Lay summary

Im postsowjetischen Raum sind zahlreiche Konflikte zu beobachten, die oftmals auf umstrittenen Geschichtsbildern und divergierenden Formen der Vergangenheitsbewältigung beruhen. Die Formierung von Gruppen erfolgt durch solche geteilten Vorstellungen einer gemeinsamen Vergangenheit, die zugleich auch eine Abgrenzung oder Desintegration bedeuten können.  Bislang fehlen Untersuchungen über die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure für die Vergangenheitsbewältigung, wobei es allgemein zunächst weiterer Forschungen zur Zivilgesellschaft im postsowjetischen Raum Bedarf. Dazu werden drei Fallstudien für die Region Nordkaukasus/Tschetschenien, Georgien und die Ukraine durchgeführt, die auch einen Vergleich ermöglichen sollen, welche zivilgesellschaftlichen Akteure es gibt, wie sie an Formen der Vergangenheitsaufarbeitung beteiligt sind, welche Ziele sie verfolgen und wie ihr Verhältnis zu politischen Akteuren und Interaktionen mit diesen ist.

Die Forschungen sind ein Beitrag zu Fragen der Erinnerungskulturen im postsowjetischen Raum, über die Zivilgesellschaften und transitional justice. Tragen zivilgesellschaftliche Akteure zu einer konstruktiven Vergangenheitsbewältigung bei, die bestehende Konflikte über divergierende Geschichtsbilder auflösen kann?

Die Untersuchung von Wahrheitsfindungskommissionen und Aussöhnungsprozessen sind in den letzten Jahren zunehmend Gegenstand der Forschung geworden. Diese Prozesse finden vermehrt seit dem Ende des Kalten Krieges statt, ihnen liegt die Annahme zugrunde, dass es eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit geben muss,  um friedliche, stabile und demokratische Gesellschaften zu schaffen. Die Ursachen von Konflikten liegen oft in der Vergangenheit und Formen der Erinnerung daran. Dies muss bei der Untersuchung von Friedensbildungsprozessen, transitional justice und der Bewältigung von Konflikten berücksichtigt werden, ebenso die konstruktive oder konflikthafte Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure.