Lead
Überall in Europa wird heute gespart, auch bei der medizinischen Versorgung. Sparmassnahmen im Gesundheitssektor betreffen Menschen unmittelbar, da sie Einfluss darauf nehmen, wie Krankheit erlebt wird, und wer wie medizinisch behandelt wird. Austerität geht also sprichwörtlich unter die Haut. In Spanien ist die Austeritätspolitik im Gesundheitsbereich besonders brisant und politisch umkämpft.

Lay summary

Inhalt und Ziel des Projektes

 Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit den alltäglichen Konsequenzen der staatlichen Sparmassnahmen auf die medizinische Versorgung in Spanien, insbesondere in Madrid. Im Rahmen einer Feldforschung vor Ort in Krankenhäusern, Gesundheitszentren und Haushalten untersucht die Studie, wie PatientInnen, deren Familien sowie Angehörige der Gesundheitsberufe „Medizin“ in Zeiten der Austerität erleben und verstehen. Drei Forschungsfragen stehen dabei im Mittelpunkt: Seit wann und inwiefern spielen Sparmassnahmen im spanischen Gesundheitswesen eine Rolle? Wie schlagen sich Sparmassnahmen in der alltäglichen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nieder, und welche medizinischen, politischen und ökonomischen Werte werden im Versorgungsalltag gegeneinander abgewogen und verhandelt? Welche Widerstände entwickelt die Bevölkerung gegen Austeritätsmassnahmen und welche neuen Versorgungsstrukturen entstehen als Antwort darauf? Ziel des Projektes ist es, ein Bild von „Medizin“ in Zeiten der Austerität aus der Sicht von in Spanien lebenden Menschen nachzuzeichnen, und dabei Vorstellungen von Staatlichkeit und Fürsorge in einer immer stärker ökonomisierten Gesundheitsversorgung zu analysieren.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

 Einem Ansatz der moralischen Ökonomie folgend geht das Projekt davon aus, dass Austeritätsmedizin verschiedenen Rationierungsprozessen unterworfen ist und mit Ungleichheiten einhergeht, die moralisch, politisch und sozial bedingt sind. Das Projekt untersucht die Wechselwirkungen zwischen solchen Wertigkeiten und alltäglichen medizinischen Praktiken, so wie sie von PatientInnen und Angehörigen der Gesundheitsberufe erlebt und mitgestaltet werden. Damit leistet es einen Beitrag zum Verständnis der sich wandelnden Beziehungen zwischen Staat, Ökonomie und Gesellschaft am Beispiel eines Lebensbereiches, der Menschen heute an ihrer verletzlichsten Seite betrifft: Krankheit, Gesundheit, und medizinische Versorgung.