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Die Frage der Grenzziehungen und Grenzverschiebungen in der Sowjetunion ist im Fall der Krim jüngst wieder zu einem international diskutierten Thema geworden. Auch im Südkaukasus sowie in Zentralasien geben die Grenzziehungen aus der Sowjetzeit bis heute Anlass für zwischenstaatliche Konflikte. Doch wie und unter welchen Voraussetzungen wurden die Grenzen zwischen den Unionsrepubliken gezogen? Dies sind die zentralen Fragen des Forschungsprojekts.

Lay summary

Ziele

Die Sowjetunion wurde Ende 1922 als Bundestaat gegründet, der formal gesehen grosse Ähnlichkeiten zur Schweiz aufwies. Allerdings war damals noch nicht klar, wie viele Glieder dieser Bundesstaat haben sollte und welche Rechte ihnen zukommen sollten. Anders als die meisten Kantone der Schweiz, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückschauen können, waren die meisten Republiken der Sowjetunion, etwa Weissrussland und die Ukraine, ohne direkte historische Vorbilder. Sie mussten als Territorien erst geschaffen werden. Ab 1936 war dann die föderale Grundstruktur der UdSSR etabliert, welche bis 1991 überdauern sollte.

Die Struktur des Unionsstaates wurde aber in den 1920er und frühen 1930er Jahren nicht von Moskau diktiert, sondern verschiedene Interessengruppen konnten sich an diesem Prozess beteiligen. Das Forschungsprojekt will klären, wer sich warum mit welchen Argumenten hat durchsetzen können. Diese bisher nur unzureichend behandelten Fragen sollen anhand von Fallbeispielen vergleichend untersucht werden.

 

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Nach dem Zerfall der UdSSR 1991 entbrannten im Südkaukasus, dann aber auch in Zentralasien sowie jüngst zwischen Russland und der Ukraine bewaffnete Konflikte um eine Revision der zur Sowjetzeit gezogenen Grenzen. Dabei wurde auch das Argument vorgebracht, dass diese sowjetischen Grenzziehungen willkürlich erfolgt seien. Das gesellschaftspolitische Ziel des Forschungsprojekts ist es, den Kompromisscharakter fast aller sowjetischen Grenzziehungen herauszuarbeiten sowie gleichzeitig das historische Verständnis für die aktuellen Territorialkonflikte in den betroffenen Grenzregionen zu verbessern.